Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1881)
- Date
- 1881-08-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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770 Es ist eine traurige Erscheinung, daß unsere , Stammesgenossen die Freiheit nicht zu vertragen im i Stande sind. Kaum waren die Ghettimauern gei fallen, so entzogen sich viele Söhne und Töchter j unseres Volkes Dem Joche der Gotteslehre und den! heiligen Vorschriften derselben. Reformatoren des! Judenthums traten auf, welche die Lehre und das > Leben versöhnen zu wollen Vorgaben. Bald sollte die Sabbatruhe abgeschafft werden, bald wollte man die Ehegesetze abändern und die Reinheitsvorschriften modisiciren. Alle diese Bestrebungen führten allmählich zum gänzlichen Abfall. Die schlimmste Errungenschaft unserer Zeit aber ist, daß das Thorastudimn vernachlässigt wird, daß Knaben, Jünglinge und Männer sich nicht mehr der Beschäftigung mit ihr weihen. Wie das Wasser das Bestehen der Welt bedingt, wie die Welt nicht existiren könnte ohne Wasser, so Israel nicht ohne die Thora. Wie die neugeborenen Kinder der Milch nicht cntrathen können, so muß Israel genährt werden an den Brüsten der Thora; wie der liebliche Duft des guten Oeles Haupt und Körper erquickt und geschmeidig macht, so ist Israels wahrhaftes Wohlbehagen durch die Thora bedingt; wie die Süße des Honigs das Leben angenehm macht, so das Studium der Gotteslehre; wie der Wein die Herzen der Menschen erfreut, so gibt er keine wirkliche Freude ohne die Thora und ihre Gebote. Sie ist das Grundprincip unseres Lebens und die Bedingung unserer Existenz. Was soll aus Israel werden, wenn es auf seine Thora verzichtet? Es müßte zu Grunde gehen, und damit es nicht zu Grunde gehe, sendet der allmächtige Gott Zeichen und Wunder. Ein solches Zeichen ist auch die judenfeindliche Bewegung unserer Tage. Wie Alles, was unsere Feinde im Laufe der Jahrhunderte Böses gegen uns ausgedocht, uns nur zum Segen geworden, so kann auch diese Bewegung segensreich wirken, wenn sie uns zu Gemüthe führt, daß wir Juden sind und Juden bleiben müssen. Was die Söhne und die Töchter unseres Volkes schon vielfach vergessen hatten, wird ihnen von den Feinden in's Gedächtniß zurückgerufen; sogar den Abtrünnigen wird nachgespürt und selbst den Söhnen und Enkeln der „Getauften" wird ihre semitische Abstammung borgeworfen. Es kann sich Niemand so leicht lossagen vom jüdischen Stamme, und unglücklich ist der, wer sich von ihm lossagen will. Glücklich aber, wer ihm voll und ganz angehört, mit all seinem Wollen und Streben, wer sich heimisch fühlt in der Welt des Geistes, die Gott uns anferbaut hat. wer seine Kinder erzieht in der Lehre, die da ist das Grundprincip der Welt. Er wandelt im Lichte unseres Gottes so lange er lebt, und dieses Licht wird ihm leuchten über das Grab hinaus. 'i -n« Twbri ob 2i3jr no „Haus Jakobs, kommt, laßt uns wandeln im Lichte des Ewigen! Ium neunten Htb. Von N a p h t a l i Simon. Wenn die Sonne ihren glühenden Strahl zur Erde senkt, um der reifenden Saat die letzte Vollendung zu gewähren, und der Mensch freudigen Sinnes und dankerfüllten Herzens auf den reichen Segen hinschaut, welcher auf den Fluren die bangen Hoffnungen des Winters und Frühlings zur herrlichen Verwirklichung zeitigt — wenn Wald und Trift sich in saftiges Grün kleiden und azurn sich der Himmel wölbt — wenn aus dem Anger der Heerde Schaar froh sich tummelt und aus den Wipfeln der Vögel Sang erschallt; - wenn also überall auf weiter Erde Glanz. Hoffnung und Wonne Pflanzen, Thiere und Menschen umfächeln-dann richtet Israel den Blick nach dem Jordauslaude, — wehmüthig, trauernd — hoffend. Nach dem Libanon, dem Eeder-gekrönten, nach den Hügelketten des Chermon, nach dem dichtbelaubten Karmel — vor Allem aber nach Jeruscholaim- Zion, wendet sich Israels Herz, das in sehnsüchtiger Liebe dem oa p», dem Lande der glanzvollsten S tönheit, dem Ewigen Heimathlande entgegenwallt. Ihm gilt unsre Lehnsucht, unser Seufzer Und klagend tönt der Liebe Sehnsucht von dem im Staube liegenden Israel: „Zion! hast du keinen Gruß für die um dich Klagenden? — Nur eine Thräne, Schalem, über das Unglück deiner dich Liebenden! — Zion! ehedem entzückend Schöne, unsere Wonne, unser Jubel, von Cherubim umschattet! — laß deine Zähren fließen ohne Unterlaß, — jammere, — wirf dich in den Staub — ob des Elends deiner Getreuen!" „Zion! hast du keinen Gruß, für deine Gefes' selten, die dir den Liebesgruß entsenden, — für den letzten Rest deiner Schaaren?? Von West und Ost, von Nord und Süd — von fern und nah — empfang' den Gruß der über den ganzen Erdball zersprengten Deinen! — den Gruß des durch glühende Sehnsucht an dich Gefesselten, dessen Thränen wie des Ehermon's Thau fließen — o daß sie deiner Berge Gipfel erreichen könnten!" „Zion! hast Du keinen Gruß für dein letztes Häuflein, das einst in deiner Mitte weilte, an der Stätte deiner Liebe? — Wenn deine Nachbarn und Freunde alle nach dir fragen, — ach, so ist es Spott und Hohn — nur sie beklagen dich, nur sie weinen bitterlich ob der Verwüstung deines