Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1881)
- Date
- 1881-07-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447878--17834-2473853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
755 Juden zu gestatten, überall in Rußland sich aufzuhalten. Der Minister des Innern hielt wegen der gegenwärtigen Volkserregung den Zeitpunkt für ungeeignet, erklärte aber sein prinzipielles Einverständniß mit der Petition und versprach, in allen Gouvernements Ermittelungen über das numerische Berhältniß der Juden zu den Christen anstellen und die Angelegenheit im Auge zu behalten. Feuilleton. Salomon Kothenberger. v. Der Amtmann Gogreve hatte sich nach Hannover begeben und mit Eifer sich bemüht, den ihm aufgegebenen Auftrag auszuführen. Er war ein treuer Diener seines Herrn, und schon sein Vater und sein Großvater hatten in derselben Eigenschaft, wie er, den Freiherren von Otternberg gedient. Er hoffte, daß einst sein Sohn sein Nachfolger im Amte werden würde; es lag daher in seinem eigenen Interesse, daß die Freiherrlichen Güter nicht in fremde Hände kommen möchten. Die Sache stieß auf große Schwierigkeiten. Das Ministerium in Hannover hielt sich nicht für competent, zu entscheiden. Der Vicekönig aber, Herzog Adolph von Cambridge, der Bruder des Königs von England und Hannöver, Georg IV., der an Stelle seines Bruders in Hannover regierte und mit den ausgedehntesten Vollmachten bekleidet war, befand sich bei seinen Verwandten in England, und seine Rückkunft wurde erst nach Verlauf eines Monats erwartet. Unterdeß setzte der Baron Otto seine sinnlose Verschwendung ununterbrochen fort. Zwar hatte sich das Gerücht verbreitet, daß sein Onkel mit dem Plane umgehe, ihn zu enterben. Trotzdem fanden sich immer noch Leute, welche ihm gegen ungeheuerliche Zinsen große Summen vorstreckten, da es zugleich bekannt geworden war, daß die Enterbung nicht ohne große Schwierigkeiten vor sich gehen könne. Endlich kehrte Gogreve nach Schloß Otternberg zurück. Er hatte Alles erlangt, was er wünschte. Der Vicekönig war bereitwilligst auf die Pläne des alten Freiherrn von Otternberg eingegangen und halte die landesherrliche Genehmigung ertheilt, jedoch mit der Clausel, daß vor der endgiltigen Abfassung des Testaments dem Baron Otto Mittheilung davon gemacht werden sollte, damit ihm die Gelegenheit geboten würde, seine Ausschreitungen zu bereuen und sich zu bessern. Diese Nachrichten regten den alten Freiherrn ungemein auf; er sah eine Reihe von Eonsticten vor sich, die sein ruhiges, altgewohntes Leben in unliebsamer Weise unterbrechen würden. Er sah voraus, daß Otto auf eine solche Nachricht hin nach Schloß Otternberg eilen und Neue und Besserung geloben würde. Daß er aber dieses Versprechen halten werde, war mehr als zweifelhaft. Das Schicksal seiner Großnichte, die er sehr liebte, war dann ein höchst trauriges. Unter diesen Umständen war es vielleicht besser, die ganze Angelegenheit aus sich beruhen zu lassen und die Großnichte dadurch zu versorgen, daß er sie in ein adeliges Fräuleinstift einkaufte. Es gibt im hannöverischen Lande protestantische Frauenklöster, welche den adeligen Herren die Möglichkeit gewähren, ihre unverheiratheten Töchter in anständiger Weise zu versorgen. Für die verhältnißmäßig geringe Einkaufssumme von sechstausend Thalern erhalten die Damen im Stift Alles, was sie zu einem bequemen, vornehmen und arbeitslosen Dasein gebrauchen, ohne daß sie durch irgend eine Ordensregel gebunden sind; sie dürfen sich sogar verheirathen, wenn sie wollen und einen paffenden Freier finden. Nach einer schlaflos verbrachten Nacht beschloß der alte Freiherr, von der Abfassung des Testaments Abstand zu nehmen und dagegen den Einkauf des Fräuleins von Buchenhof in ein adeliges Stift zu betreiben; es war jedoch auch dieses nicht so leicht zu bewerkstelligen. Der alte Freiherr hatte stets dafür gesorgt, seine Besitzungen zu arrondiren, Felder und Wälder anzukaufen, so daß er niemals viel Geld vorräthig hatte, und eine Hypothek aufzunehmen, das widersprach seinen eigenthümlichen Anschauungen von Ehre. So zog er es denn vor, das nöthige Geld zusammen zu sparen, was ihm auch nach Jahresfrist gelang. Glücklich , endlich in der Lage zu sein, die Zukunft der geliebten Großnichte sichern zu können, schickte er seinen Amtmann mit der nöthigen Summe nach dem Stifte Ompteda. Aber diese Damenstifte sind ausschließlich für Damen von reinem und unbeflecktem Adel bestimmt; es müssen sechzehn Ahnen nachgewiesen werden, auf deren blanken Waffenschildern kein Makel haftet. Bei der Feststellung des Stammbaumes des Fräuleins von Buchenhof stellte es sich heraus, daß ihr Urgroßvater mütterlichseits, ein Freiherr von Schenk, sich in ein schönes Bauernmädchen verliebt und dasselbe geheirathet hatte, so daß also die Urgroßmutter des Fräuleins von Buchenhof eine Bäuerin gewesen war. Fn Folge dessen wurde die Aufnahme in das adelige Fräuleins- Stift Ompteda verweigert. Als der Amtmann zurückkehrte und seinem Gebieter diese Botschaft brachte, stockte plötzlich das Herzblut des fast achtundachtzigjährigen Greises; er sank um und war eine Leiche. Auf die Nachricht vom Tode seines Onkels eilte