Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1881)
- Date
- 1881-07-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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756 Baron Otto nach Otternberg. Mit ihm zugleich aber kamen seine zahlreichen Gläubiger an, welche sofort auf die Hinterlassenschaft Arrest legen ließen. Wir haben bereits oben bemerkt, daß das Baar- Vermögen des verstorbenen Freiherrn ein geringes war, daß er alle seine Ersparnisse auf den Ankauf neuer Güter verwendet hatte. In jener Zeit war aber der Verkauf von großen Rittergütern ein äußerst schwieriger. In den ersten beiden Jahrzehnten nach den Napoleonischen Kriegen war das baare Geld außerordentlich rar. Dazu kam noch, daß nach den damaligen Gesetzen nur wenige Leute berechtigt waren, adelige Güter zu erwerben. Nur dem Adel stand ein solches Recht zu. Aber die adeligen Familien des Landes verfügten nicht über große Baarmittel. Als Napoleon einen Theil des hannöverischen Landes dem von ihm neubegründeten Königreich Westphalen zugetheilt und den andern Theil, namentlich die Küstenländer, dem Kaiserthum Frankreich einverleibt hatte. da weigerte sich der Adel des Landes, in westphälische oder französische Dienste zu treten. Die waffenfähigen Jünglinge und Männer wanderten nach Spanien aus und bildeten dort unter Anführung des Generals Alten und unter dem Oberbefehle des Herzogs von Wellington die hannöverische Legion, die, in die englische Armee eingereiht, Napoleons Heere auf der pyrenäischen Halbinsel bekämpfte. So stritten diese tapferen Männer auf fremdem Boden für ihr Vaterland und ihr angestammtes Königshaus. Es war kein kleines Opfer, welches sie brachten. Sie setzten nicht allein ihr Leben ein; auch ihre Verhältnisse in der Heimath wurden zerrüttet und ihre Güter der Willkür des fremden Eroberers preisgegeben. Daher kam es, daß sie, als sie nach dem Sturze des gewaltigen Imperators in die Heimath zurückkehrten, Jahrzehnte lang zu sorgen hatten, um ihre Vermögensverhältnisse wieder zu ordnen. Aus diesen Gründen war voraussichtlich die Zahl derer, welche auf den Ankauf der Otternbergischen Güter reflectiren konnten, sehr gering. Bürgerliche durften keine Rittergüter, Juden überhaupt keinen Grundbesitz erwerben, und der Adel verfügte nicht über das dazu nothwendige Baarvermögen. Das wußten die Gläubiger des Baron Otto sehr wohl, und deßhalb hatten sie sich beeilt, die Hinterlassenschaft sofort mit Beschlag zu belegen. Es war ein trauriges Lerchenbegängniß, am traurigsten für Blanca von Buchenhof. Sie besaß gar nichts; selbst auf die sechstausend Thaler, welche rhr Großoheim für sie bestimmt hatte, konnte sie keinen Anspruch geltend machen, da der alte Freiherr keinerlei testamentarische Bestimmung gemacht batte. Der alte Amtmann Gogreve nahm die Weinende in sein Haus auf. Auf wie lange? Er konnte es selbst nicht sagen. Wußte er doch nicht, ob die neue Herrschaft ihn im Amte belassen würde. Otto hatte es nicht gewagt, seiner Cousine unter die Augen zu treten; er war gleich nach dem Leichenbegängnisse nach C. zurückgekehrt. Er schmeichelte sich noch immer mit der Hoffnung, daß der Verkauf der Otternbergischen Güter eine so große Summe ergeben würde, daß für ihn ein bescheidenes Vermögen übrig bleiben möchte. Dann wollte er Blanca heirathen und ein neues Leben beginnen, ein Leben voll Fleiß und Sparsamkeit. Ganz zerknirscht kam er zu Rothenberger. Dieser empfing ihn kalt und unfreundlich. „Herr," sagte er, „wie können Sie es wagen, mir unter die Augen zu treten, nachdem Sie Ihr durch Ehrenwort mit Handschlag gegebenes Versprechen gebrochen haben!" Baron Otto wagte es nicht, den alten scherzhaften Ton wieder anzuschlagen. „„Herr Rothenberger,"" sagteer, „„es ist wahr, ich muß mich vor Ihnen schämen. Allein um meines seligen Vaters willen, der ihnen ein Freund und Wohlthäter gewesen, bitte ich Sie, flehe ich Sie an, helfen Sie mir, retten Sie mich und meine.Braut vom Untergange."" „Ihnen ist nicht zu helfen," sagte Salomon bekümmert. „Sie haben zu sinnlos gewirthschaftet." „ „Meinen Sie, daß nichts für mich übrig bleiben wird? Man hat mir immer gesagt, daß die Otternbergischen Güter vier- bis fünfmalhunderttausend Thaler Werth seien. Meine Schulden betragen nicht ganz siebenzigtausend Thaler. Da muß doch eine große Summe für mich übrigbleiben."" „Herr Baron, ich fürchte, daß Sie sich in einem großen Jrrthum befinden. Der Preis einer Sache richtet sich immer nach Angebot und Nachfrage. Bei großen Rittergütern ist die Nachfrage sehr gering, da der Kreis der Käufer nach den bestehenden Gesetzen ein sehr kleiner. Es ist immerhin möglich, daß die Summe, welche durch den Verkauf erzielt wird, kaum hinreichen wird, Ihre Schulden zu decken." „„Was soll dann aus mir werden, was soll ich anfangen?"" „Ich habe Sie oft genug gewarnt. Sie haben meine Warnung in den Wind geschlagen und selbst Ihr feierliches Versprechen nicht gehalten. Jetzt kommt die Reue zu spät." „„Wissen Sie keine Rettung?"" „Keine." „„So werde ich den Verkauf der Güter abwarten. Bleibt nichts für mich übrig, so mag die erlösende Kugel dem ohnehin verlorenen Leben ein Ende machen."" Ohne Abschied zu nehmen verließ er eiligst das Haus. (Schluß folgt.)