Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1881)
- Date
- 1881-07-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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752 der nicht für sie; sie liegt im Winkel und Keiner von Euch kümmert sich um sie; all ihre herrlichen Lehren, die Euch diese Welt recht auffaffen und die ewige Seligkeit erwerben lassen, sind für Euch verloren. Statt dessen beschäftigt Ihr Euch mit den verderblichen Büchern der Griechen, lernt Ihre Wein- und Liebeslieder auswendig, singet sie bei Euren Gelagen, meint den Zweck des Lebens erreicht zu haben, wenn Ihr reckt fröhlich lachen und jubeln könnt. Dieser leichte Sinn hat Euch bereits zu den schlimmsten Lastern geführt, und der edle Stolz Israels, das sittlich reine Familienleben ist Vielen von Euch verloren. — Glaubt Ihr, daß Gottes Auge Euch nicht siehet? Es gibt nichts in der Welt, was Gott nicht erschauet. Aber Er hat dem Menschen die freie Wahl gegeben, damit er nach eigener, freier Bestimmung das Gute vollbringe und das Böse unterlasse." „Meine Brüder, meine Freunde, wie sehr habt Ihr doch diese freie Wahl mißbraucht! O lasset meinen Ruf nicht unbeherziat verhallen! Der allgütige Gott ist gnädig und barmherzig. Er will nicht den Tod des Sünders, Er wünscht vielmehr, daß der Verbrecher ablasse von seinem bösen Wege und lebe. Einst herrschte in Israel ein böser König, Achab ben Omri hieß er; er war ein Götzendiener, ein Räuber und Mörder; als aber der Prophet Elijahu zu ihm trat und ihm sein böses Thun vorhielt, da empfand er Reue und Buße, und Gott verzieh ihm; denn Gottes Rechte ist stets ausgestreckt, um die reuigen und büßenden Sünder aufzunehmen. — Einst herrschte in Juda ein böser König, Menascheh hieß er; er stellte Götzenbilder auf im heiligen Tempel und vergoß unschuldiges Blut in Menge. Als er aber in Roth gerieth, da ließ er all die machtlosen Götter und flehte zum einzigen Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde. Und Gott erhörte sein Gebet und rettete ihn aus Roth und Drangsal. „Meine Freunde, meine Brüder! Auch Euch bedroht schweres Unglück. Nicht bin ich ein Prophet und nicht ein Prophetenschüler. Aber wer Augen hat zu sehen, der kann erkennen, daß der Boden unter Euch wankt, Ihr meint, daß Ihr der mächtigen Roma Widerstand leisten könntet und ihre Heere zu überwinden vermöchet? Ihr vertraut auf Eure große Anzahl, auf Eure Reichthümcr und auf die Heere, die Ihr auszurüsten im Stande seid. Aus alles Das vertraut Ihr, nur nicht auf Den, von welchem allein die Hilfe kömmt. Nicht Heeresmacht und Reichthum verschaffen den Sieg, sondern Gottes Wille allein ist es, der das Loos der Schlachten bestimmt. So lange Er nicht den Erlöser sendet, so lange ist jeder Kampf unnütz und verderbenbringend. Nur Eins vermag Euch zu nützen und zu Helsen und dies Eine ist, daß Ihr zurückkehret zum Gotte der Väter mit ganzem Herzen und mit ganzer Sele, daß Ihr Euch mit zerknirschten Herzen zu Gott wendet und Eure Sünden bereuet, daß Ihr ablasset vom Genüsse verbotener Speisen, daß Ihr ruhet an den gottgebotenen Ruhetagen, daß Ihr Eure Kinder erziehet zur Thora und für die Thora. Wenn Israel abgefallen ist von der Thora und ihren heiligen Gesetzen, so hat sein Leben keinen Zweck mehr, so überläßt es Gott den Feinden und Verfolgern. Kehret zurück, kehret zurück von Euren bösen Wegen, damit sich Gott Eurer erbarme und Euch von: Tode errette. —" Als Rabbi Akiba geendet hatte, da erhub alles Volk seine Stimme und weinte. „Bleibe bei uns, Du heiliger Mann," riefen Viele, „und lehre uns den Weg, den wir wandeln sollen!" Aber in den Augen der Vorsteher der Gemeinde war die Rede des Rabbi aus Palästina mißfällig; sie wollten ihre großen Reichthümer genießen und dachten nicht im Entferntesten daran, die gewohnte Lebensweise aufzugeben. Sie hatten die schönsten Rosse und ihre Söhne gewannen die Preise bei allen Wettrennen; ihre Töchter waren die gefeiertsten Schönen in Alexandria und wurden von vornehmen Griechen und Römern eifrig umworben. Ihre Häuser waren die Sammelplätze der berühmtesten Künstler, Dichter und Philosophen. Sie waren von den herzerschütternden Worten des fremden Rabbi nicht ergriffen und lächelten über seine altväterlichen Anschauungen, die nach ihrer Meinung von der griechischen Philosophie längst überwunden waren. Sie traten zu einer kurzen Berathung zusammen; dann näherte sich der Alabarch Theodor dem Rabbi und sprach: „Fremdling, in Alexandria ist kein günstiger Boden für Deine Lehren. Wir, die Vorsteher der Gemeinde verlangen, daß Du unsere Stadt verlassest. Kehre nach Judäa zurück!— Weigerst Du Dich aber. Dich von hier zu entfernen, so werden wir Dich zu zwingen wissen." Rabbi Akiba wollte antworten; der Alabarch aber kehrte ihm den Rücken und verließ ihn stolzen Schrittes. Rabbi Akiba aber sprach vor sich hm: „Wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit." (Fortsetzung folgt.) Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).