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Der Israelit · 1881-07-20 · Heft 29 (20.7.1881) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 29 (20.7.1881)
Date
1881-07-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
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738 aber auch einzige Gut war, das ihn in die Fremde begleitete, weil es das Einzige war, das die Gewalt des Feindes ihm nicht zu rauben vermochte. In dieser großen und frommen Gemeinde hatte sein flüchtiger Fuß endlich die ersehnte Ruhe und sein Geist wiederum Muße und Gelegenheit gefunden, dem Studium der heiligen Lehre obzuliegen. Denn es war hier damals der große und weit berühmte Gaon Rabbi Schelomo Vorsitzender des Gerichts und der Vethäuser, und sein Ruf zog die wißbegierigen Jünglinge unseres Volkes ans allen Ländern zu unserer Gemeinde hin, um hier aus dem reinen Quell der Lehre zu schöpfen, dessen Wasser in reichlichem Maße und ursprünglicher Frische sich aus tiefstem Grunde ergoß. Groß aber war auch — und, Gott sei gelobt, ist ja auch noch heut — die Wohlthätigkeit der Gemeinde, und für die Jünger der Wissenschaft waren alle Häuser gastlich geöffnet. Wem der Herr viel verliehen, der spendete viel, und auch der Arme gewährte gern nach dem Maße seines Vermögens. So fandm hier alle Wohnung und Unterhalt zur Genüge, selbst die armen Wtttwen trugen ihr Scherflein bei zur Erhaltung und zum Aufbau des Heiligthums des Gesetzes in ihrer Mitte. Sie hielten die Gewandung der Angehörigen unserer Hochschule in Ordnung. Sie wuschen und bügelten das Leinenzeug; sie strickten, nähten, stopften und flickten; und ihre Gabe war in den Augen Gottes, welcher das Herz und die Absicht der Menschen schaut, ebenso werthvoll wie das Gold und das Silber der Neichen. Mein Vater war, wie schon erwähnt, unter denen, die aus den Ländern des Hungers hierhergckoimnen waren, um das Brod des Lebens zu erlangen. Er fand in dem Hause des Oberschamesch Rabbi Jakob Wolf Aufnahme. Die Zeiten haben sich geändert. Wenn unsere heutigen Gelehrten dem Monde zu vergleichen sind, weil sie das nächtliche Dunkel der abnehmenden Gelehrsamkeit im Volke, das leider in seiner Masse nicht mehr so fleißig wie ehedem lernt, erhellen, so waren die früheren Weisen der Sonne gleich, die während der Tageshelle und der Mittagswärme ihre leuchtenden wärmenden Ausströmungen entsendet. Dazumal waren Alle, die zu dem heiligen Dienste von der Gemeinde berufen waren — von: Rabbiner bis zum Unterschamesch — in der Wissenschaft bewandert, und der damalige Oberschamesch könnte heute eine Rabbiuerstelle bekleiden. Rabbi Jakob hatte auch eine Anzahl Jünger, welche er in die vier Ellen der Halacha einführte und sie unterrichtete, bis daß sie reif waren, an den Lehrvorträgen des Rabbi Schelomoh theilzunehmen. Mein Vater aber übernahm sehr bald dieses Lehramt des Rabbi Jakob, welcher durch sein hohes Alter hierzu nicht mehr im Stande war. Denn, obgleich sein Geist, wie bei allen wirklich Weisen, mit den Jahren an Klarheit und Schärfe nicht abgenommen, vielmehr zugenommen hatte, hatte aber seine Körperkraft nachgelassen, weil viel bewegt der Inhalt des Lebens war, das er hinter sich hatte und hart die Schicksalsschläge, die ihn betroffen. Die einzelnen Ereignisseseines Lebens habeich nicht erfahren; nur so viel weiß ich, daß ihm von allen Kindern, die er gezeugt, keines übrig geblieben ist'; Alle sind sie seiner Gattin vor der gewöhnlichen Zeit in das Grab gefolgt, und an sein Familienleben erinnerte nur noch eine einzige Enkelin, welche den Großvater pflegte und ihm Gattin und Kinder ersetzte. Als nun die Zeit seines Sterbens herannnahte, da rief er meinen Vater zu sich und empfahl seinem Schutze das Kind des Sohnes; — darauf bestellte er sein Haus und ward versammelt zu seinen Genoffen im ewigen Leben. Mein Vater erfüllte den Wunsch des Verstorbenen Man übertrug ihm auf seine Bitte die Schameschstelle, und er führte die Enkelin seines Vorgängers als die Gattin in die gewohnten Räume ein. Was soll ich euch, geliebte Kinder, von meinen Eltern erzählen? Sie waren „vollkommene Gerechte." In wahrer Aufrichtigkeit und Hingebung lebten sie ganz für Thora, Abodah und Gemiluth Chassodim in Heiligkeit und Reinheit. In ihren! Hause wurden nur Mizwoth geübt, nur Güte gesprochen, und Gott Gefälliges gedacht. Die Thür dieses Hauses war niemals verschlossen. Ihr kennt ja das große Zimmer rechts vom Eingänge? In diesem Zimmer waren Betten ausgestellt; allabendlich brannte darin die Lampe, und im Winter war daselbst stets der Ofen geheizt. Jeglicher, dem es an einem Unterkommen gebrach, konnte dorthin gehen und sich uiederlegen. Niemand wurde nach dem Namen gefragt, ja es konnte Niemand für die daselbst genossene Gastfreundschaft seinen Dank anssprechen, weil dieses Zimmer von den Hausleuten nur während der Gebetszeit betreten wurde, um daselbst Ordnung zu machen. Des Mittags wurde tut Familienzimmer immer für fünf Personen mehr gedeckt, als zum Hause gehörten, und wenn auch nur einfache Kost aufgetragen werden konnte, so hatte doch Jeder genug, um seinen Hunger zu stillen und seinen Körper zu kräftigen; — und der Geist wurde erfreut durch die Worte der Lehre, welche bei dem Male der Gegenstand der Unterhaltung war. Mein Pater „lernte" Tags und Nachts, sobald ihn sein Amt nicht in Anspruch nahm, — während meine Mutter sich mit den Kranken in der Gemeinde beschäftigte, sie wartete und pflegte. Damals ging das Sprichwort von Munde zu

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