Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1881)
- Date
- 1881-07-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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732 „„Mein liebes Kind/" antwortete der Freiherr,; „„Sorge und Kummer rauben mir den Appetit.! Die leichtsinnige Verschwendung meines Neffen Otto! stellt meinem Geschlechte ein unrühmliches Ende in > Aussicht. Er ist der letzte Otternberg und wird als : Bettler enden. Die Otternberg sind ein uraltes Geschlecht, die schon zu dem Adel des Landes Zählten, als es noch keine geschichtlichen Aufzeichnungen! gab; die ältesten Urkunden über meine Vorfahren j datiren von den Zeiten Otto's des Großen, der i meinen Urahn, Kuno v. Otternberg, mit dieser Herr-! schaff belehnte. Seitdem hat unser Geschlecht stets j Ruhm und Preis errungen Ein Friedrich v. Otternj berg hat Heinrich den Löwen aufEffiner Wallfahrt; nach dem heiligen Lande begleitet und ist im Kampfe; gegen die Ungläubigen ruhmreich gefallen. Burkard! V. Otternberg war Kanzler des deutschen Reichs; unter Kaiser Otto IV.; ein Otto v. Otternberg? führte unter Kurfürst Ernst August die hannöverischen! Hilfstruppen dem kaiserlichen Heere zu und kämpfte; ruhmreich unter Prinz Eugen gegen die Türken; in! der Schlacht bei Belgrad starb er den Heldentod.; Mein Vater, Otto v. Otternberg, hat während des ' siebenjährigen Krieges sich mit Ruhm und Ehre be-; deckt, und mein seliger Bruder und ich, wir haben den Glanz unsres alten Geschlechtes während der > letzten Kriegsstürme erfolgreich aufrecht erhalten. i Und nun kommt dieser Laffe, dieser Otto, und spricht; allen Traditionen unseres Hauses Hohn!"" „Geliebter Onkel," sagte Bianca, „sprich nicht i so hart von Vetter Otto! er ist noch jung, und wenn j er erst ausgerast haben wird . . . ."! „„Du vertheidigst ihn immer! Er ist es gar! nicht werth, daß Du ihn so lieb hast! Ja, wenn er! erst ausgeraft haben wird, dann wird von dem j Otternberg'schen Vermögen kein Pfennig mehr übrig! fein. Schon ist er mit seinem väterlichen Erbtheil! zu Ende und machtneue Schulden in der Erwartung ' meines baldigen Todes. Armes Kind, was wird j aus Dir dann werden!"" j Ein Diener erschien und meldete, daß der Jude - Salomon Rothenberger aus C. den Herrn Baron! zu sprechen wünsche. j „Was mag der wollen?" fragte der Baron.'! „Laß ihn eintreten."; Salomon erschien. Der Baron stand auf und j ging ihm entgegen, während Blanca sich entfernte. J „Willkommen, Freund Salomon," sagte derj alte Freiherr, dem Juden die Hand reichend. „Was! führt Dich hierher? Willst Du Dich einmal nach , mir altem Manne umsehen? Was macht die Frau j Perl? Komm', setze Dich zu mir an den Tisch und j trinke eine Tasse Kaffee mit mir. Du hast doch gewiß noch nicht gefrühstückt." j „„Nein, gnädiger Herr, ich bin die ganze Nacht durchgefahren; ich nehme Ihre freundliche Einladung an, und trinke eine Tasse schwarzen Kaffee mit Ihnen."" „Ja, ich weiß. Du trinkst unsere Milch nicht. Hast Du, während Du als Lieferant mit in den Krieg gingest, alle Eure religiöse Vorschriften auch so sorgfältig beobachtet?" „„Gewiß, gnädiger Herr; ich habe manchmal Monate lang von nichts als Brod und Wasser gelebt, und es hat mir, Gott sei Dank, nichts geschadet."" „Das sehe ich. Du bist stark und rüstig und bist doch auch kein Jüngling mehr. Wie alt bist Du jetzt, Salomon?" „„Gerade Sechszig, gnädiger Herr."" „Du siehst aus wie ein Vierziger." „„Sie, gnädiger Herr, haben sich noch besser conservirt. Sie sind, wenn ich nicht irre, ein hoher Achtziger!"" „Sechsundachtzig zu Martini, mein lieber Salomon. Ich bin dem lieben Gott sehr dankbar für all das Gute, welches er mir während meines langen Lebens erwiesen hat. Aber jetzt, in meinem hohen Alter, übermannt mich der Kummer. Das Betragen meines unwürdigen Neffen verursacht, daß der alte Otternberg mit Kummer in die Grube fahren muß. Doch setzen wir uns." Salomon folgte der Aufforderung, nahm eine auf dem Tisch stehende Tasse, schenkte sich Kaffee ein und versüßte ihn mit Zucker. Dann zog er ein kleines Sammtkäppchen hervor, setzte es auf und sprach den üblichen Segensspruch. Der Freiherr nahm keinen Anstand daran; er kannte die Gewohnheiten seines jüdischen Freundes. „„Es ist wegen Ihres Neffen, gnädiger Herr,"" sagte Salomon, „„daß ich die ganze Nacht durchgefahren bin, um mit Ihnen Rücksprache zu nehmen. Der junge Mensch ist unverbesserlich. Als er das Vermögen seines Vaters durchgebracht hatte, habe ich ihm derart zu Gemüthe geredet, daß er mir die Hand darauf gab und mir feierlich gelobte, sich bessern und ein anderes Leben anfangen zu wollen. Allein, er hat sein Versprechen schlecht gehalten. Er spielt und trinkt und verschwendet wie zuvor. Ge wissenlose Wucherer, die zu meiner Freude kein Glaubensgenossen von mir sind, gewähren ihm btc Mittel, seine verschwenderische Lebensweise fortzu setzen."" „Der erbärmliche, wortbrüchige Mensch." „„Er ist nicht schlecht, gnädiger Herr, nu bodenlos leichtsinnig. Auch ist bei seiner Erziehung viel gesündigt und gefehlt worden. Ihr seliger Her