Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1881)
- Date
- 1881-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447876--17765-2473782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ms abweichende Ansicht zu bewahren und gar zu vertreten. Damit man davon eine Vorstellung gewinne, ist es nöthig, einen Blick auf die Grätz'sche Exegese zu werfen und sie an einem frappanten Beispiel zu zeichnen. S. 449 Bd. HK. findet Grätz die Pfalmftelle (30. 8): ny mm nmcyn wo 'n schwierig und erklärt sie? Nein, aber er ändert sic. Für 7*sin müsse es njnna heißen: für nmoyn sei mysn zu lesen, statt 'um sei '--u? zu setzen und ty sei vielleicht in iy zu ändern, so daß der Satz *y mm nnmyn iJ-sm 'n eigentlich heißen nlüsse: ry '^7.17 rii/an vnra ‘r, Zu deutsch: In betitcm Zorne hast du die Berge der Macht wankend gemacht." Mer sollte nicht vor dieser Art der Exegese ehrerbietig den Hut ziehen? Unterscheidet sie sich nicht, von jeder noch so freien Bibelkritik wie Tag von Nacht? Müssen bei einer solchen Forschung nicht alle Schwierigkeiten, an denen sich die Erklärer seit Jahrtausenden vergeblich versucht haben, wie Spreu vor dem Winde zerstieben? Bald wird es auf diese Weise keine schwierigen Bibelstellen mehr geben, denn jede Stelle, die es noch wagt schwierig zu sein, oder Herr Professor Grätz so zu scheinen, wird etufach Wort für Wort gestrichen und ein Gr ätz'sch er Vers an dessen Stelle gesetzt. Allerdings bandelt es sich in vorliegendem Falle dann nicht rnebr um die Erklärung eines Psalmverses, sondern um dieUebersetzung einer Grätz'schen Eonjcctnr. Wir haben also, indem wir uns an die ipsissima verba magistri halten eine Probe von der Art und Weise vor uns, wie im Breslauer Seminar von Herrn Prof. Grätz die Thora erklärt wird. Die Hörer werden daselbst bekanntlich auch zu selbstständigen exegetischen Hebungen und zwar unter der Leitung des Herrn Professor Grätz angehalten. — Ist nun diese Art zu streichen, conjecturiren und emendiren das Ideal der dort angcstrebten Exegese, so müssen doch die Jünger, deren Pietät sich etwa dagegen sträubt auf diese Weise mit unsren heiligen Urkunden umzuspringcn Gefahr laufen, diese ihre Scheu als ungenügende exegetische Routine von ihrem Meister angerechnet zu erhalten. Es gibt für diese Schüler keinen anderen Ausweg. Entweder sie treten an die Erklärung der Thora mit der gebotenen Ehrfurcht heran und müssen dann Gefahr laufen vor dem Lehrer, der für ihr Zeugniß der Reife die erste und gewichtige Stimme abzugeben hat, als Idioten gehalten zu werden, oder sie theilen nothgedrungen die Auffassungsweise ihres Lehrers und streichen, conjecturiren und emendiren lustig mit, lediglich um in den Augen des Meisters, den Ruf ihrer Wissenschaftlichkeit zu sichern. Das Dilemma, in dem sich die Jünger der Breslauer Schule auf diese Weise befinden', macht sich von Tag zu Tag fühlbarer. DaS Streben sich aus dieser Zwangslage zn befreien tritt in der ostentativ betonten Gegnerschaft mit Grätz zu Tage. Dies zü constatiren ist der Zweck dieser Zeilen. — Ob cs der Breslauer Schule gelingen wird, sich auf diese Weise wieder zu rehabilitiren, bleibt abzuwarten. Geleugnet soll nicht werden, daß diese neue Phase immerhin einen erfreulichen Umschwung bedeutet. Einen Umschwung zum Guten können wir jedoch erst dann nnden, wenn siü die Gegnerschaft nicht nur auf die biblischen Erdbeben beschränkt, sondern sich geger die Eardinalpnnkte wendet, von denen wir zwei oben citirt haben. — Ob aber die Gegnerschaft so tief sitzt, das muß die Zukunft lehren. Literarischer Bericht. Der Orient, geschildert von A. v. Schweiger- Lerchenfeld (A. Hartleben's Verlag in Wien. In 30 Lieferungen a 30 fr. ö. W. — 00 Pf.) Dieses vorzügliche, prächtig ausgestattete Werk hat einen tüchtigen Schritt nach Vorwärts gemacht; es ist bis zur 15. Lieferung gediehen, so daß das bisher Erschienene die Hälfte des umfangreich angelegten Buches repräsentirt' Wir lernen nun auch eme andere, als die hellcnisch-classische Eulturwelt kennen — die semitisch-moslemische, bereit höchste Potenz bekanntlich die Kalifenherrschaft von Bagdad war. In der That ist Alles, was uns der Verfasser in dieser Richtung mittheilt, interessant, zum Theile sogar bestrickend, läge der Eontrasr nicht gar so nahe'.' Alan vertiefe sich nur in die originellen Schilderungen von den schiitischen Passionsstätten Kerbela und Nedschef, man verfolge im Geiste die Todesspur der „persischen Leichenkarawanen", und halte Umschau in den Brutnestern jenes starren Fanatismus, wie er der Secte Schia eigen ist: und man wird sofort die Illusion von dein herrlichen Kalifentraum verlieren. Der Verfasser hat es trefflich verstanden, derlei Gegensätze zum Bewußtsein zu bringen. Es ist ein merkwürdiges Schattenspiel, stünde man nun entweder aus beit Ruinenhügeln von Susa, um auf die zahllosen ,/Heiligengräber" hinabzublicken oder am „Strome der Araber", um die entsetzlich herabgekommene Bassora — einst eine Leuchte des Islam, eine Weltstadt — zu durchwandern. Was hieran schließt, entbehrt nicht minder der lebendigen Darlegung, führte uns nun der Verfasser die kriegerischen Wahabiteu