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Der Israelit · 1881-07-13 · Heft 28 (13.7.1881) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 28 (13.7.1881)
Date
1881-07-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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687 der Breslauer Schule als ein H e m mniß erkannt, das der ganzen Richtung nach den verschieden st en Seiten hin große Verlegenheiten bereitet. Grätz ist der älteste Lehrer und Mitbegründer des Breslauer Seminars. Wie viel oder wie wenig die Hörer des Seminars von den Eigenthümlichkeiten ihres ersten Lehrers aus der Anstalt mit in die Gemeinden nehmen, bleibt sich im Grunde genommen ganz gleich. Grätz's Discreditirung geht auf die Schule und die Schüler über und diese müssen dann für die Sünden ihres Meisters büßen. Deßwegen fühlen sie den Drang die Solaridät mit ihrem Lehrer von sich zu weisen und das erklärt die an und für sich unerklärliche Erscheinung, daß ein Wortführer der Breslauer Schule mit Ostentation seine Gegnerschaft mit Grätz betont. So wenig würdig ein solches Vorgehen auch erscheint, so ist es doch durch die Zeit und vor Allem durch die- Klugheit geboten. Auf die Zeit und die jeweilige Strömung in den Gemeinden gebührend Rücksicht zu nehmen, das war und ist ja die Parole der Breslauer Schule. Wenn die Jünger nun diese Parole gegen den eigenen-Meister ausgeben, wer will ihnen einen Vorwurf daraus wachen? Der religiöse Sinn der Gemeinden ist ohne Zweifel in den jüngsten drei Decennien besser, Herr- Professor Grätz ist aber in demselben Zeitraum mit jedem neuen Band seiner Geschichte radicaler geworden. Es gibt G. s- D. in Deutschland sicher nicht ein halbes Dutzend Gemeinden, die einen Rabbiner engagiren möchten, der auf dem historischen und exegetischen Standpunkt eines Grätz steht. Da sich nun Grätz nicht vom Seminar lossagt, so müssen sich die Seminaristen von Grätz lossagen. Man braucht sich nur das an einem Falle klar zu machen. — Eine Gemeinde will ihr Rabbinat besetzen und es meldet sich ein Schüler der Breslauer Schule. Die Gemeinde möchte gern einen Mann der goldenen Mitte haben, der nicht zu fromm, nicht zu neu ist, also von der Art, wie sie das Breslauer Seminar vor Jahren geliefert hat und noch heute auszustellen vorgibt. — An die Existenz eines Gottes muß ein solcher Rabbiner glauben, auch an die Göttlichkeit der Thora. Denn wäre sie nicht Gottes Wort, wäre also das ganze Judenthum nichts als ein großer Betrug, dann bedürfte es eines Verkünders des gar nicht existirenden Gotteswortes, eines Rabbiners mit Nichten. — Nun legt der Vorsteher der Gemeinde dem Rabbinatscandidaten den II. Vd. der Geschichte der Juden von Grätz vor, schlägt auf V. 469 z. B. die Stelle auf: „Aie Irage nach der Autorschaft der „beiden Sammlungen (des IV. u. V. B. „Mosis) so viel auch darüber Hin und Her „gestritten wurde, kann kritisch nicht er- „mittelt werden." und fragte den Jünger, ob er auf diesem Standpunte seines Meisters stehe oder nicht. Der Meister steht mit dieser seiner Anschauung vollständig außerhalb des Judenthums, denn bei den Bekennern derselben gilt die Autorschaft der Thora allerdings seit etwas über 3000 Jahren als über allem Zweifel erhaben, ermittelt. Sie sind davon durchdrungen, ij’in njinjn N’n nry rpison nurn rotff o^tpn vby, daß die ganze Thora wie sie sich jetzt in unseren Händen befindet, Gott zum Autor und Moscheh zum Ueberbringcr an Israel hat. Ein nur einigermaßen gewissenhafter Vorsteher wird daher das Recht oder auch die Pflicht haben sich über den neu anzustellenden 'Rabbinen zu insormiren, ob er auf dem Boden des Judeuthums, oder auf dem seines Breslauer Meisters steht. Vor diese Alternative gestellt, erklärt sich der Jünger selbstredend — gegen Grätz, weil er so von zwei liebeln das kleinste gewählt zu haben glaubt. „Bei aller Originalität des Meisters, heißt es dann, könne man nicht erwarten, daß der Schü-' ler alle gewagten Hypothesen desselben anerkenne, und überhaupt die radikale Anschauungsweise des Meisters theile" Freilich ist das daun übrig gebliebene kleine Uebel immer noch groß genug. Haben die Besucher des Breslauer Seminars nicht die Anschauungsweise ihres ersten Lehrers sich zu eigen gemacht, nimmt der Mann, welcher sie die Thora lehren sollte, einen Standpunkt ein, der es den Schülern unmöglich macht ihn zu theilen, ein, wer war denn dann ihr Lehrer der sie Thora gelehrt hätte? Haben die Schüler von Grätz es glücklich zu Wege gebracht, Jahre lang die Lehren ihres Meisters zu hören, ohne sie sich anzueignen, wer bürgt dann dafür, daß die Schüler diese Virtuosität nicht auch den anderen Lehrern gegenüber geübt haben? Nun hat die große Welt wohl eine Ahnung davon, wie schwierig es im Allgemeinen für den Schüler eines geistreichen Lehrers sein mag, Jahre lang dessen Lehren zu hören, nach ihnen sich zu bilden, daraus sein Wissen zu bereichern und sich täglich zu sagen: aber den Standpunkt meines Lehrers darf ich nicht theilen. Müßte, wenn die Rabbinen der Breslauer schule nicht von Hause aus so characterfeste Männer wären, durch diese Methode ihnen die Heuchelei nicht geradezu systematisch anerzogen werden? Aber die große Welt hat sicherlich keine Ahnung davon, wie schwierig es speziell am Breslauer Seminar ist, als Schüler seine selbstständige von derjenigen des ersten Lehrers und Leiters der Anstalt

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