Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1881)
- Date
- 1881-07-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447876--17763-2473780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
686 große Hiye während des Hochsommers und ein günstiger, sonniger Herbst. Und wie viel Feinde bedrohen! den Weinstock und seine Frucht! Da ist der Heu-! wurm, der sich nur zu gern in die Blüthe senkt und j sie vernichtet; da ist der Sauerwurm, der bei feuchter! Witterung sich entwickelt und die Trauben ungenieß-! bar macht. Ist endlich die Frucht gereist, gelefett! und gekeltert, so beginnt die Arbeit auf's Reue. Auch im Faß bedarf der Wein der sorgfältigsten Behandlung, damit sein Gährnngsproceß günstig verlause, daß er nicht versauere, daß er vielmehr im Laufe der Jahre immer besser und kräftiger werde. Die Fässer müssen sorgsam gereinigt und geschwefelt, der Wein muß geschönt, häufig abgestochen und umgefüllt werden, damit er seinen Zweck erreiche und die Herzen der Menschen erfreue. Eine derartig sorgfältige Behandlung hat Gott seinem Weinberge, dem Volke Israel, zu Theil werden lassen. Der Boden, ans den er es Pflanzte, war der schönste, beste und wichtigste Theil der ganzen Erde. Das gelobte Land, in der Mitte zwischen den drei Erdtheilen der alten Welt gelegen, war gleichsam der Mittelpunkt der ganzen Welt, hervorragend durch ausgezeichnete Fruchtbarkeit und geeignet, alle köstlichen Früchte und Produkte, deren ein Volk zu einem blühenden Wohlstände bedarf, hervorzubringen. Aus dein schösten, reichsten und gebildetsten Lande der alten Welt, ans Aegypten, holte Gott die Reben herbei, die er an den Ufern des Iarden anzupflanzen gedachte; sie waren von edlen Weinstöcken genommen, sie waren Sprößlinge von Abraham, Jizchak und Jacob. Als Stütze gab Er ihnen die heilige Gotteslehre, an der sie sich emporranken konnten; als sachverständige Bearbeiter sandte er ihnen seine heiligen Propheten, welche die wilden Reben zu beschneiden und die Tragreben zu pflegen hatten. Und wie die Frucht des Weiustockes erst dann zu den: köstlichen Getränke wird, wann sie von der Kelter gepreßt ist worden, so haben Leiden undKümnternisse stets nur dazu beigetragen, Israel seinen hohen Zielen zuzuführen. Und auch an Feinden hat es unsrem Volke nie gefehlt, an innern wie an äußern Feinden. Wie oft hat sich der Wurm des Abfalls und der Sünde in die Blüthe gesenkt und sie vernichtet! Und wie der beftangelcgte Weinberg manchmal von der: Thieren des Feldes verwüstet wird, so haben die äußeren Feinde Israel bedrängt und zertreten! Aber auch in anderer Beziehung gleicht Israel dem Weinstock. So empfindlich der Weinstock gegen alle äußere Einflüsse ist — er kann wohl leichtlich in seiner Entwickelung aufgehalten, in seiner Tragbarkeit gestört, aber er kann sobald nicht getödtet werden. Ist er im Winter verfroren, so sterben wohl die alteil Reben ab; der Baum selbst aber schlägt an der Wurzel wieder aus und ersteht in neuer und noch größerer Kraft. Hat auch der eisige Hanch derFrühlingsuachtfröste die zarten Keime der jungen Blüthe vernichtet, so erholt sich der Weinstock nicht selten wieder und blüht zum zweiten Male. Wie oft ist es unserem Volke ebenso ergangen! Israel kam; wohl verfolgt, gekränkt und gedemüthigt, aber es kann nicht vernichtet werden. Es schlägt stets an der Wurzel wieder aus und entfaltet sich zu neuer Kraft, und wem; selbst die Keime seiner Blüthe welken und abfallen, so ist seine Triebkraft so groß, daß stets die Hoffnung bleibt auf eine neue Blüthe. (Fortsetzung folgt.) Hegen Hräh. Einer der ersten oder doch lautesten Wortführer der Breslauer Schule kündigt in den Zeitungen eine exegetische Studie über „die biblische Erdbeben- Theorie" an. Bei dem fortwährenden Schwanken dieser Schule von rechts nach links und von links nach rechts und bei dem bedenklichen Schwanken, in welches sie seit wenigen Jahren gerathen ist, hätte die Wahl eines solchen Themas nichts Auffallendes Was die Aufmerksamkeit auf die Ankündigung dieser Schrift lenkt, ist der Untstand, daß sie als von Professor Delitzsch empfohlen und sich als gegen G r ä tz wendend angepriesen wird. Das gibt allerdings zu denken! Es sind also nicht nur „Ketzerriechende Klausner", die gegen den Exegeten und Historiker Grätz das Wort erheben, sondern der eigene Schüler wendet sich nicht nur gegen den Lehrer, sondern er glaubt für sein Buch Leser durch die Mittheiluug zu finden, daß es von einem christlichen Gegner seines Lehrers empfohlen ist und sich gegen den eigenen Lehrer wendet! Daß über Grätz als Historiker und Exeget von allen Fachmännern ”— ohne Unterschied der Eonfession — der Stab längst gebrochen wurde, ist zwar allgemein bekannt, daß aber das Grätz'sche Prestige schon so weit gesunken ist, daß einer der tonangebendsten Führer der ganzen Richtung seine literarische Production als gegen Grätz gerichtet einführt, wirft auf Jünger und Meister ein so helles Licht, daß es einen klaren Blick in die Interna dieser ganzen Richtung ermöglicht. Was man bis jetzt aus verschiedenen Anzeichen nur vermuthcn mußte, wird durch diese Thatsache zur vollen Evidenz: Grätz, resp. seine Richtung, seine Geschichte und seine Exegese werde:; von den einsichtsvolleren Jüngern