Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1881)
- Date
- 1881-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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667 er mit Vornamen Simon hieß. Wiewohl die Weisheit Ben Somas aller Orten gepriesen wurde und er einer der größten Erklärer der heiligen Gotteslehre war, so vermochte er doch nicht jene tiefe mächtige Weisheit zu ertragen. Er schaute und sein Geist ward verwirrt; erhalte zu viel des Honigs genossen, und die Klarheit seines Denkens wurde getrübt. Noch schlimmer erging es Acher. Dieser hieß eigentlich Elischa. Sein Vater Abuja war ein vornehmer, angesehener Mann. Als ihm ein Sohn geboren wurde, veranstaltete er ein großes Beschneidungsfest, und lud dazu die Lehrer Israels und die vornehmsten Männer des Volkes ein. Während nun Alle sich der Freude Hingaben, sich an den Speisen und Getränken, an Musik und Gesang ergötzten, sprach Rabbi Elieser zu Rabbi Josua: Mögen Jene sich vergnügen, wir wollen uns mit der Thora beschäftigen. — Und sie thaten also, und bald wurde ihr Gespräch so erhebend und ehrfurchtgebietend, daß Alles rings umher verstummte und die Gäste staunend der Unterhalung der beiden großen Männer lauschte, von denen die Lichtstrahlen der Gotteslehre ausgingen, wie an dem Tage, an welchem sie am Berge Sinai ist offenbart worden. — Und Abuja erscha cke die große Ehrerbietung, welche man den würdigen Lehrern zollte. Und er sprach: Auch mein Sohn soll werden wie sie; ich will ihn der Thora widmen! — Wohl führte er seinen Vorsatz aus und weihte seinen Sohn Elischa dem Studium der Gotteslehre. Aber weil er dies nicht aus reiner Absicht gethan, sollte es kein gutes Ende nehmen. Der junge Elischa ward zwar ein sehr gelehrter und bedeutender Mann; allein die Gottesfurcht ward nicht die Grundlage seiner Weisheit. Schon als Schüler beschäftigte er sich nicht ausschließlich mit der Gotteslehre, und oftmals fielen in dem Lehrhause die Trink- und Liebeslieder griechischer Dichter aus seinem Schooße. Nun hatte er sich der Forschung in jener tiefen und geheimen Wissenschaft hingegeben, der schon ben Asai und ben Soma nicht gewachsen waren. Auch er vermochte zur Wahrheit nicht durchzudringen, und Zweifel bemächtigten sich seiner. Da geschah es, daß er eines Tages im Schatten eines Baumes lag und studirte. Ein Mann ging mit seinem Sohne vorüber und bemerkte ein Vogelnest aus einem Baume. — Siche, sprach der Vater zu dem Sohne, dort auf dem Banme befindet sich ein Vogelnest! Klettere hinauf und hole es mir; aber die Vogelmutter lasse fliegen, wie es vorgeschrieben ist in der Lehre Moscheh's: Wenn Du zufällig ein Vogelnest findest, auf dem Wege, auf irgend einem Baume oder auf der Erde, Junge oder Eier, und die Mutter ruht auf den Jungen oder auf den Eiern, so sollst Du nicht nehmen die Mutter sammt den Jungen. Fortschicken, fortschicken sollst Du die Mutter, und die Jungen magst Du Dir nehmen, damit es Dir wohlbehe und Du lange lebest! Gehorsam erstreg der Knabe den Baum, verscheuchte die Vogelmutter und nahm das Nest mit den Jungen. Da plötzlich knackte der Ast, auf dem der Jüngling saß. Der Ast brach, der Knabe stürzte hernieder, und als der bestürzte Vater herzueilte, fand er, daß sein Kind das Genick gebrochen hatte und gestorben war. Jammernd nahm er die Leiche auf seine Schulter, und sich als den Urheber des Todes seines Kindes anklagend, zog er weinend von dannen. Elischa hatte das Alles mit angesehen, und als der trauernde Vater sich mit der Leiche seines Kindes entfernt hatte, warf er sein Buch weit von sich und schrie: Ist das die Thora und das ihr Lohn? Dieser Jüngling hat zwei Gebote erfüllt, an deren Seite als Lohn Glück und langes Leben verheißen ist; er war gehorsam seinem Vater, wie es geboten ist: Ehre Deinen Vater und Deine Mutter, damit Du lange lebest und es Dir wohlgehe. Er hat die Vogelmutter fortgeschickt, wie es geboten ist: Fortschicken, fortschicken sollst Du die Mutter und die Jungen magst Du Dir nehmen, damit es Dir wohlgehe und Du lang lebest. — Und dieser Jüngling hat gethan, wie die Thora es vorschreibt, und hat dabei sein junges Leben verlieren müssen! In diesem Augenblicke brach Elischa mit seiner ganzen Vergangenheit und wurde ein Abtrünniger, ein Verächter des Gesetzes. Am andern Tage, cs war an einem Sabbat, ging er aus und fand auf seinem Wege ein leichtfertiges Frauenzimmer, mit welchem er eine zweideutige Unterhaltung anknüpfte. Erstaunt fragte das Mädchen: Bist Du nicht Elischa ben Abuja, der große Lehrer Israels? — Sie befanden sich gerade an einem Nübenacker. Statt aller Antwort zog Elischa eine Rübe aus dem Acker und aß davon. Da sprach das Mädchen: Es muß wohl ein Anderer sein, denn jener großer Lehrer, für den ich ihn hielt, würde den Sabbat nicht entweihen. — Von jenem Tage an nannte man Elischa nicht mehr bei seinem Namen, sondern man nannte ihn Acher, das ist, ein Anderer. Die Weisen lehren, daß Elischa nicht abtrünnig geworden wäre, wenn er gewußt hätte, wie, viele Jahre später, sein Enkel, Rabbi Jakob, der Sohn seiner Tochter, jenen Ausspruch der heiligen Schritt erklärte. Rabbi Jacob sagte: Damit cs Dir wobl gehe — welchem Menschen geht es hienieden wohl? Ist doch der Mensch zu Mühseligkeiten geboren und selbst der von der Welt Glücklichgepriesene hat mehr Schmerzen als Freude. Es vergeht kaum ein Tag, an welchem nicht physische Leiden den Körper heinisuchen, an welchen nicht getäuschte Erwartungen oder andere Kümmernisse das Gemüth verbittern. Daher