Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1881)
- Date
- 1881-07-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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662 Sälfte seiner Wünsche erlangt hat; wenn er hundert ulden hat, so will er zweihundert", sagen unsere Weisen. „Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Wünsche still," sagt ein altes deutsches Sprichwort. Gerade das Entgegengesetzte ist bei dem Honig der Fall. Dieser ist insofern Selbstzweck, daß er selbst uns labt- und erquickt und vom Hungertode retten kann. Als Jonathan, der älteste Sohn des Königs Schäul bei der Verfolgung der Philister vom Heißhunger befallen wurde, tunkte er die Spitze seines Stabes in den Waldhonig, und das Wenige, was er genoß, machte ihn gesunden und seine Augen wurden wieder hell. Dagegen wird man des Honigs leicht überdrüssig, wie es heißt: „Findest Du Honig, so genieße ihn mäßig; Du möchtest sonst übersatt werden und ihn ausspeien müssen." Die Thora hat die jbeiden guten Eigenschaften des Goldes und des Honigs und die beiden schlechten nicht. Die Thora ist nicht allein Mittel zum Zweck, sie lehrt uns nicht allein vollkommen, weise und gut zu werden, in dieser Welt dem Willen des Allmächtigen gemäß zu leben und die ewige Seligkeit in der zukünftigen Welt zu erlangen — sie selbst ist die Wahrheit, sie selbst ist das höchste Gut und der kostbarste Besitz; sie selbst ist der höchste Genuß, der niemals Belebung und Erquickung versagt, nicht in der Wüste, nicht auf dem Meere des Lebens. In dieser Beziehung gleicht sie dem Honig und übertrifft das Gold. In anderer Beziehung gleicht sie dem Golde, da sie das Mittel ist, durch sie viel Köstliches und Herrliches zu erlangen und übertrifft den Honig, da man ihrer nie übersatt werden kann. Tauche unter in die Fluth des geoffenbarten Gottestzeistcs und trinke mit vollen Zügen. Je mehr Du trinkest, desto wohlschmeckender wird die Thora Dir werden, desto mehr wird Dein Durst nach ihr wachsen. Nie wirst Du zuviel, nie genug bekommen können, nie wird ein Gefühl des Ueberdrusses Dich beschleichen! Daher sagt der königliche Sänger: Die Thora ist kostbarer als Gold und Edelgestein; denn sie ist Selbstzweck, sie ist die Nahrung Deines Geistes, sie bietet Dir Güter, die Du für Gold und Edelsteine nicht erwerben kannst. Und sie ist süßer als Honig und Honigseim, denn der Genuß derselben ist immer und fortgesetzt erquickend und belebend. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Mainz, 30. Juni. Heute verstarb in seinem 90. Lebensjahre Herr Samuel Cannstadt von hier. Derselbe war der letzte männliche Sproß einer in der Geschichte der isr. Gemeinde zu Mainz hochberühmten Familie. Die Familie Cannstadt hat sich nach der Vertreibung der Juden aus Württemberg im 16. Jahrhundert in Mainz niedergelassen und gehörte mit zu den Begründern der Gemeinde, nachdem ungefähr ein Jahrhundert lang kein Jude in Mainz hatte wohnen dürfen. Viele hervorragende Männer, die fast immer an der Spitze der Gemeinde als Vorsteher oder, wie man damals sagte, als Vorgänger fungirten, gingen aus dieser Familie hervor. Der Berühmteste von Allen war Rabbi Mo sch eh Cannstadt. Derselbe war ein großer Talmudgelehrter und war Mitglied des von Napoleon nach Paris berufenen großen Synhedrium's. In Mainz war sein Geschäft ein doppeltes. Er war Inhaber eines jüdischen Gasthofes und fungirte beim jüdischen Gerichtshöfe als Rechtsanwalt (Morschen). Er hinterließ sechs Töchter und einen Sohn. Eine seiner Töchter, im Elsaß verheirathet, wurde die Schwiegermutter des berühmten Adolphe Crtzmieux. — Sein einziger Sohn, Rabbi Jokew Cannstadt, war ein ebenso großer Talmudgelehrter wie sein Vater. Der nunmehr verstorbene, älteste Sohn desselben, Herr Samuel Cannstadt, ist anch der letzte Mainzer Bürger, welcher noch zur Zeit der kurfürstlichen Herrschaft geboren wurde. Seine Kindheit und seine Jünglingsjahre fielen in die Zeit des Napoleonischen Kaiserreichs; in Folge dessen war seine Bildung eine durchaus französische geworden, was sich namentlich dadurch documentirte, daß er nur französische Zeitungen las. Trotzdem war er ein eifriger, deutscher Patriot, und bei der jüngsten Reichstagswahl ließ sich der hochbetagte Greis, der nicht mehr gehen konnte, an die Wahlurne fahren, um seiner Pflicht als Bürger des deutschen Reiches nachzukommen. Darmftadt, 28. Juni. Die hier wohnhafte, unverheirathete Sara Herz wurde, von schwerer Krankheit befallen, in das hiesige katholische Rochus- Hospital, welches unter der Leitung der barmherzigen Schwestern steht, verbracht. Als das Mädchen, welches seit längerer Zeit gelähmt ist, zu seinen Verwandten zurückkehrte, fanden dieselben, daß es ein Kreuz auf der Brust trug. Das Mädchen selbst wußte darüber keine Auskunft zu geben. Später stellte es sich heraus, daß es im Hospital in bewußtlosem Zustand getauft worden war. — Natürlich hat diese erzwungene Taufe weder religiöse noch rechtliche Folgen; wir glauben jedoch das Factum zur Warnung veröffentlichen zu müssen. Berlin, 28 Juni. Aus antisemitischen Kreise wird der „Volkszeitung" geschrieben: Kurz bevor