Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1881)
- Date
- 1881-06-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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644 „Schade," sagte sie, „daß wir sie allein verzehren müssen." „„Närrchen,"" entgegnete Salomon, „„Du solltest Dir doch endlich diese Thorheil aus dem Kopfe schlagen! Nach dreißig Jahren muß man doch endlich darüber getröstet sein, daß Gott uns den Kindersegen versagt hat. Es ist Sein heiliger Wille so gewesen. Er weiß, was uns Menschen das Beste ist. Sein heiliger Name sei gepriesen immer und ewig."" „Amen", stimmte Perl zu, aber eine Thräne rann über ihre Wangen, die ste verstohlen trocknete. Nichtsdestoweniger hätte Salomon die Thräne bemerkt. „„Kind,"" sagte er, „„sei nicht undankbargegen den allgütigen Gott, der uns so viel Gutes erwiesen und der uns seine Wohlthaten so reichlich hat zu Theil werden lassen. Es sind gerade setzt vierzig Jahre, oder vielmehr es waren im Frühjahre vierzig Jahre, daß ich als armer Jüngling hinwegzog aus meines Vaters Hans, einer ungewissen Zukunft entgegen. Mein Vater war ein armer Hausirer in dem pfälzischen Dorfe Kleinfischlingen. Damals zogen viele junge Leute aus meiner Heimath nach Hannoverland, um sich dort ein Unterkonnnen zu suchen. Ich schloß mich ihnen an und wandertc ohne einen Heller zu besitzen, den weiten Weg nach Norden, nur von der Unterstützung wohlthätiger Glaubensgenossen lebend. Meine Altersgenossen mit denen ich zog — von ihnen hatte jeder ein Ziel vor Augen. Der Eine hatte einen Onkel in Göttingen, der Andere hatte einen Vetter in Wunstorf, ( der Dritte einen Bekannten in Vruchhausen, der Vierte einen Landsmann in Hoja, ein Fünfter, war im Besitze eines Empfehlungsbriefes an den( reichen Herz in Rethem an der Aller — ich allein reiste planlos in die Welt. Ich durchzog Hannoverland von einem Ende zum andern und konnte nirgendwo ein Unterkommen finden, bis ich nach Scharmbeck kam in Deines Vaters Haus. Dort fand ich ein Unterkommen, aber was für eins! Ihr wäret elf Geschwister, und der selige Schwiegervater hatte manchmal sür sich und die Seinen nichts zu beißen. Trotzdem war er immer vergnügt; sein unerschütterliches Gottvertrauen ließ ihn nicht einen Augenblick den Muth verlieren. Durch die lange Reise war ich ganz sürchlerlich heruntergekommen; meine Kleider waren zerrissen, meine Schuhe zerfetzt. Voll Mitleid nahm er mich auf und sprach: Wo dreizehn satt werden, wird der Vierzehnte auch nicht verhungern. — Ich begleitete ihn auf seinen Geschäftsgängen in die benachbarten Dörfer und suchte redlich das harte Stückchen Brod zu verdienen, das meinen Hunger stillte. Du warst damals noch ein kleines Kind und erinnerst Dich wohl kaum, durch welche glückliche Fügung plötzlich ein Umschwung in den Verhältnissen Deiner Eltern eintrat."" „Doch, doch," rief Perl, „ich erinnere mich noch ganz genau. Es war an einem Sabbatnachmittag. Die seligen Eltern saßen aus der grün angestrichenen Bank vor der Hausthüre. Die Mutter hatte das jüngste Schwesterchen auf dem Schooße. Du standest vor dem Vater und unterhieltst Dich mit ihm über eine Stelle aus den Pirke- Owaus ....." ,,„Dn hast ein gutes Gedächtniß"", unterbrach sie Salomon; „ich erinnere mich der Stelle noch ganz genau; sie lautet: Gib Ihm von dem Seinigen, denn Du und was Dir gehört ist Sein, und so heißt es auch bei David: Denn von Dir ist Alles und von Deiner Hand geben wir Dir es wieder."" „Die anderen zehn," fuhr Perl fort zu erzählen, „spielten umher. Da kam der Schloßhauptmann, der Freiherr Friedrich von Ottrenberg, des Weges. Mein Vater stand auf, entblößte sein Haupt und verneigte sich. Der Schloßhauptmann blieb stehen, überschaute die Kinderschaar und sagte: Feist, Feist, wie fängst Du es nur an, alle diese hungrigen Mäuler zu stopfen? Da gibt es Leute, die nur zwei oder drei Kinder haben und sie nur unter schwerer Mühe und Anstrengung ernähren, und Du hast für so viele hungrige Mägen zu sorgen! — Gnädiger Herr, antwortete mein Vater, Sie haben dock in der Armee gedient! Wenn nun der König Sie heute wieder einberufen und Ihnen den Oberbefehl über 10,000 Mann übertragen würde, wie wollten Sie dieselben ernähren? — Einfältige Frage, antwortete der Baron, da würde mir Seine Majestät, unser allergnädigster König, Rationen anweisen lassen für 10,000 Mann. — Und wenn sich nun 20,000 Mann unter ihrem Oberbefehl befänden? — Dann würde ich für so Viele die Rationen bekommen. — Ganz recht! Und je größer die Armee, desto mehr Rationen würde ihnen der König überweisen lassen. Sehen Sie, gnädiger Herr, gerade so macht es der König aller Könige. Wer zwei Kinder hat, dem gibt Er für zwei Kinder Brod, wer sechs Kinder hat, dem gibt er Mittel und Wege an die Hand, daß die sechs Kinder nicht zu darben brauchen; mir aber weist er die Rationen für elf Kinder an. — Die Antwort gefiel dem vornehmen Herrn ausnehmend gut. Von diesem Tage an genoß mein Vater sein ganzes Vertrauen, und die vielen Geschäfte, die er für den reichen Freiherrn zu besorgen hatte, setzten meinen Vater in den Stand, seine zahlreiche Familie u ernähren und auch manchen Thaler zu erparen." „„Und als nun,"" nahm Salomon das Wort, „„der Wohlstand des Hauses zunahm, das Geschäft