Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1881)
- Date
- 1881-06-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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643 Aber warum entziehen sich die Juden so gern der Wehrpflicht?" Der Gefragte erwiderte: „Eure Majestät, der Wille, der Wehrpflicht zu entgehen, kommt bei den Juden vor, wie bei den anderen Konfessionen. Die einheimischen, russischen Kaufleute lassen es daran auch nicht fehlen, und zwar weil sie denken, daß derjenige, der fünf bis sechs Jahre beim Militär war, dann nicht mehr Kaufmann sein könne und nun dem Staate zur Last fiele. Den Juden ist es aber auch leichter, sich der Wehrpflicht zu entziehen, weil sie eben so dicht beisammen sind; wären sie im Lande verbreitet, so würden sie Russen sein, wie alle Anderen." Der Kaiser wendete sich zum nächsten Mitgliede der Deputation und dieses sprach: „Die Judenfrage wird in Rußland aufhören, sobald es den Juden gestattet sein wird, im Lande zu wohnen und zu arbeiten und wie überall sind auch hier die Juden die treuesten Unterthanen." Ein viertes Deputationsmitglied setzte, mit Erlaubniß des Kaisers seine Meinung aussprechend, hinzu: „Meine Wahrnehmungen in oen Provinzen, wo die Juden nicht in großen Massen zusammengepfercht sind, gingen dahin, daß sie dort sich leicht mit dem Volke assimilirten, vollkommen zu Russen wurden und ihre Eigenthümlichkeiten gänzlich verloren. Dort entziehen sie sich auch der Wehrpflicht nicht und nach Gefühl und Sprache sind sie Russen." In Czenfiocharr im Weichsel-Gouvernement siud, einer Meldung des Czas zufolge, einige unbekannte Jndividuuen angekomnien, die während des dortigen Ablasses das Landvolk aus der Umgegend gegen die Juden aufwiegelten. Auch wurden explodirende Bomben geworfen, wodurch ein Jude getödtet und einer verwundet wurde. Das Militär schritt ein, acht Personen wurden verhaftet, bei denen man aufrührerische Placate gefunden hat. Feuilleton Salomon Kothenberger.') i. Es war am Vorabende des Sabbat, als Herr Salomon Rothenberger aus der Synagoge nach Hause kam und in die festlich erleuchtete Sabbatstube trat. Seine Frau, Perl, ging ihm mit freundlichem Sabbatgruße entgegen und nahm ihm den durchnäßten Mantel ab, denn es war in den letzten Tagen des November, und es stürmte und schneiete draußen. Schutzlos war Herr Rothenberger durch das Unwetter gewandert; er hatte den großen, rothen Regenschirm *) Nachdruck verboten; Uebersetzungsrecht Vorbehalten. zu Hause gelaffen, da man am Sabbat in C. nicht tragen durfte. „Setze Dich an den Ofen, Salomon", sagte Perl, „und wärme Dich erst durch, es ist ja ein schreckliches Wetter draußen." „,,O, das macht mir nichts,"" entgegnete Salomon, „„ich habe mir schon mehr Wind um die Nase wehen lassen, da ich als Lieferant mit in den Krieg gezogen bin."" „Du vergissest, lieber Mann, daß Du seitdem so viel älter geworden bist." „„Bin ich Dir etwa zu alt, Perl-Leben?,," „Chochom, ich bin ja auch seitdem so viel älter geworden!" „„Du bist aber noch immer meine schöne, herzige Perl! Du wirst nicht älter, Du wirst alle Tage jünger!"" „Freilich! ich glaube, es sind jetzt gerade dreißig Jahre, daß unsere Hochzeit war, und wenn dem so wäre, wie Du sagst, so würde ich jetzt so jung sein, daß ich erst in zehn Jahren geboren würde." Salomon umarmte und küßte sein treues Weib und stellte sich dann vor den festlich gedeckten Tisch, auf welchem die Sabbatsbrode lagen, um die Engel des Friedens zu begrüßen, die den frommen Juden aus der Synagoge in sein Haus begleiten. Als er fertig war, fragte Perl: „Hast Du keinen armen Mann mit nach Hause gebracht?" „„Es war keiner da, auch den armen Wanderern ist das Wetter zu schlecht."" Dann ergriff er den silbernen Pokal, der auf dem Tische stand, füllte ihn mit Wein, sprach den Sabbatsegen, wusch sich die Hände und schnitt eines der beiden Sabbatbrode an, aß davon und theilte auch seiner Gattin mit, die sich ebenfalls unterdeß die Hände gewaschen hatte. Hierauf trat Perl an den Ofen, nahm die Platte mit Fischen, die auf demselben stand, und setzte sie auf den Tisch. Damals — es sind ungefähr sechzig Jahre seitdem verflossen — war es noch allgemein Sitte, am Freitag-Abend die Fische zuerst zu verzehren. Da nämlich der fromme Jude zwischen dem Genuß von Fisch- und dem der Fleischspeisen sich die Hände wäscht, so ersparte man dadurch, sich einmal die Hände zu waschen. „„Die Karpfen sind köstlich,"" sagte Salomon, nachdem er von dem großen Karpfstücke, welches Perl ihm vorgelegt hatte, genossen. „„Ich glaube aber auch, in der ganzen weiten Welt versteht kein Mensch die sauren 'Karpfen besser zu bereiten als meine Perl."" Die so Gelobte seufzte tief auf.