Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1881)
- Date
- 1881-06-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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642 Winter in der Turnhalle. Die gymnastischen Uebungen kräftigen den Körper der bei ihrem (Eintritt meist schwächlichen Kinder, verbessern ihre Haltung und geben ihren Bewegungen Sicherheit und Gewandtheit. Reichliche nahrhafte Kost, Baden einmal in jeder Woche, regelmäßige Bewegung im Freien und eine angemessene Bekleidung verleihen den Zöglingen das blühende Aussehen, welches von allen Besuchern der Anstalt stets mit Freude bemerkt wird. Die religiösen Feste des Jahres, deren Bedeutung den blinden Kindern zum Verständnis; gebracht wird, begehen diese auf feierliche Weise; jeden Sabbat und Feiertag wohnen die Zöglinge dem Gottesdienste im Betsaale bei, am Neujahrs- und Versöhnungstage ist der Gottesdienst ein öffentlicher, damit den blinden Kindern die Gelegenheit geboten werde, ihre Andacht mit einer Gemeinde zu verrichten. An dem Chanukafest, dem die blinden Kinder mit freudiger Erwartung entgegensehen werden dieselben reichlich beschenkt. Wir vermögen diesen Bericht von der Thätigkeit unseres Institutes nicht besser abzuschließen, als mit der Versicherung, daß die unserer Obsorge anvertrauten Kinder in ungetrübter Heiterkeit, in freudiger Thätigkeit einem lichtvollen Ziele entgegengehen. Am 31. December 1880 zählt unser Verein 419 Mitglieder, die Summe der Jahresbeiträge beträgt fl. 4285.—, die Summe der Erziehungsbeiträge von Zöglingen fl. 3690.— jährlich. In den letzten drei Jahren sind 45 neue Mitglieder beigetreten, dagegen 51 Mitglieder (inclusive der verstorbenen) ausgetreten; die Jahresbeiträge haben sich in diesem Zeiträume per Saldo um fl. 55.— vermindert, die Erziehungsbeiträge um fl. 2490. — erhöht. Das Vereinsvermögen in Effecten hat per 31. December 1880 haben einen effectiven Werth von circa fl. 141.000. — mit einem jährlD'en Zinserträgniß von circa fl. 8000.—. Seit 31. December 1877 hat dieses Vermögen um Nom. fl. 20.300 österr. Papierrente zugenommen; Nom. fl. 500 ungar. Grundentl.-Obligationen wurden verloost und eincassirt. Der Unterstützungsfond für austretende Zöglinge, hat sich seit December 1877 um Nom. fl. 3300 Silberrente vermehrt. In dieser Zeit wurden aus demselben 3 ausgetretene Zöglinge mit dem Betrage von fl. 591.87 zusammen unterstützt. E n g l a n d. London. Der englische Historienmaler Salomon Alex. Hart ist am 11. ds. im Alter von 91 Jahren in London gestorben. Derselbe, auch als Landschaftsmaler geschätzt und eines der ältesten Mitglieder der königlichen Akademie der Künste, wurde 1657 zum Professor der Malerei an derselben ernannt und acht Jahre später zum Bibliothekar der Akademie. Eines seiner erfolgreichsten Gemälde, das in den Besitz von Sir Francis Goldsmid übergegangen, war „Menascheh ben Israel sich bei Oliver Cromwell um die Zulassung der Juden in England verwendend." Hart war mosaischen Glaubens. Rußland. Ein Petersburger Eorrespondent der „Pr." theilt nachträglich folgende Einzelheiten über die Audienz der jüdischen'Deputation beim Kaiser mit: Der Kaiser sagte: „Ich liebe alle meine Unterthanen ohne Unterschied der Confession und Nationalität. Die Ueberfälle gegen die Juden sind ein Werk der Anarchisten, die dadurch nur einen Vorwand erlangen wollten, um Unruhen anzustiften. Aber — setzte der Kaiser hinzu — auch auf der Seele der Inden brennt eine Sünde, denn man gibt ihnen Schuld, daß sie die christliche Bevölkerung exploitiren!" Ein solcher Vorwurf von Seite des Kaisers machte die Deputations-Mitglieder sehr betroffen. Doch Einer von den Abgeordneten der Peterburger Judengemeinde nahm sich Muth und bat dexr Kaiser, er wolle geneigtest befehlen, einige Worte zu sprechen. Da, Da, (ja, ja), sagte der Kaiser und biese Zustimmung gab dem Deputaten Anlaß, mit aller schuldigen Ehrfurcht, aber auch mit vollem Freimuth Folgendes zu sagen: „Die Juden sind gezwungen, in wenigen Orten dicht beisammen zu wohnen. Die Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung in Süd- und Westrußlaud hat aber solche Anomalien geschaffen, daß die Juden gezwungen sind, selbst untereinander sich das Brod vom Munde zu reißen und darunter leidet die christliche Bevölkerung mit; die Juden sind ein Handels- und Jndustrievolk geworden, sie wären aber auch den: Handwerk ganz ergeben, wenn die Bevölkerung dort, wo die Juden wohnen dürfen, auch nur ein anderes Handwerk benöthigen würde — als daß man ihr Branntwein reicht. Die Zustände sind dort derart, daß das Volk selbst auf der unentwickeltsten Eulturstufe steht. Die Juden sind also gezwungen, da sie nicht anderwärts leben dürfen und von nichts Anderem leben können, Branntwein zu verkaufen. Das Zusammendrängen der Juden hat einen Sumpf geschaffen und aus diesem treten Miasmen auf, welche sowohl die jüdische als die christliche Bevölkerung vergiften. Wir hoffen, daß die Regierung Eurer Majestät den Juden die Erlaubniß geben werde, in ganz Rußland zu wohnen, und daß diese die Möglichkeit erhalten werden, den eisernen Ring zu brechen und wie sie es wollen, treue Bürger des Staates zu sein." Der Kaiser antwortete: „Ich bin fast auch dieser Meinung.