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Der Israelit · 1881-06-29 · Heft 26 (29.6.1881) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 26 (29.6.1881)
Date
1881-06-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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640 gangenen Geschlechter; an jenem Tage wurde der Tractat Edioth festgestellt, und überall, wo es im Talmud heißt: „An jenem Tage," ist der Tag gemeint, an welchem Rabbi Elasar ben Esaria den Fürstenthron bestieg. Jener Tag ist auch ein ewiges Denkmal der Geistesgröße des der Fürstenwürde entkleideten Rabbon Gamliel. Er war nicht haßerfüllt gegen die, welche ihn entsetzt hatten; er suchte sich nicht an ihnen zu rächen; er zog sich auch nicht grollend zurück, sondern er blieb im Lehrhause und er betheiligte sich an der sich entspinnenden gewichtigen Discussion. Bei vielen schwerwiegenden Fragen, die angeregt wurden, gab er seine Meinung ab und ließ es ruhig über sich ergehen, daß die Entscheidung gegen ihn getroffen wurde. So wurde an jenem Tage festgestellt, daß von den damaligen Bewohnern der Länder Ammon und Moab vollberechtigte Proselyten ausgenommen j werden dürften, da die Bewohner jener Länder nicht! mehr den Völkerschaften angehörten, denen Gott den! Eintritt in die Gemeinschaft Israels versagt hat. j Auch Rabbi Akiba war von diesem Vorgänge! schwer betroffen; er war durch sein großes Wissen und Leisten als der Würdigste bezeichnet, und dennoch war ihm ein Anderer vorgezogen worden. Nicht um seinen Ehrgeiz zu befriedigen, sondern um für Israel recht viel Gutes wirken zu können, hätte er gewünscht, mit dem Fürstenamte betraut zu werden. Jetzt sprach er wehmuthsvoll: „Nicht weil Elasar ein größerer Gelehrter ist als ich, hat man ihn mir vorgezogen, sondern weil er von großen Ahnen abstammt. Heil dem Menschen, der sich auf das Verdienst seiner Voreltern stützen kann!"*) Am andern Tage beschloß Rabbon Gamliel, sich mit Rabbi Josua auszusöhnen. Er suchte ihn in seiner Wohnung ans. Die Wände des Hauses, welches Rabbi Josua bewolmte, waren von Rauch geschwärzt, denn dieser betrieb das Handwerk eines Nadelmachers. Als Rabbon Gamliel ihn erblickte, sprach er zu ihm: „Aus den Wänden Deines Hauses kann man erkennen, daß Du ein Nadelmacher bist." „Und das wußtest Du bis jetzt nicht?" fragte Rabbi Josua. „Das ist eben das Unglück, daß Du nicht weißt, wie mühsam wir unfern Lebensunterhalt erwerben müssen, sonst würdest Du, der die niederen Sorgen des Lebens nicht kennt, es nicht wagen, uns so geringschätzig zu behandeln." „Ich habe gefehlt," antwortete Rabbon Gamliel. „Ich bitte Dich, verzeihe mir." „Ich kann." antwortete Rabbi Josua, „Dir die *) Nach dem Jeruschalmi. tiefe Kränkuug nicht verzeihen, die Du mir dreimal zugefügt hast." „Und willst Du es nicht um meinetwillen thun, so verzeihe mir um meines Vaters willen. Du hast ihn ja gekannt, geliebt und verehrt, den großen Lehrer Israels, der den Märtyrertod gestorben zur Heiligung des göttlichen Namens." Und Rabbi Josua verzieh' ihm- Nachdem Rabbon Gamliel und Rabbi Josua sich versöhnt hatten, beschloß Rabbi Josua, die Rabbinen zu veranlassen, Rabbon Gamliel wieder in , sein Amt einzusetzen. Ein Wäscher bot sich dazu j an, den im Lehrhause versammelten Rabbinen diese Botschaft zu überbringen. Er ging hin und richtete aus, was ihm aufgetragen war. Rabbi Akiba aber sprach zu seinen Genossen: „Verrammelt die Thüren, damit die Knechte des Rabbon Gamliel nicht kommen und Gewalt gegen uns üben!" Als der Wäscher diese Nachricht brachte, sprach Rabbi Josua: „Ich muß wohl selbst hingehen und die Rabbinen benachrichtigen!" Und er that also. Und Rabbi Akiba sprach: „Wenn Du, Rabbi Josua, Dich mit ihm versöhnt und ihm verziehen hast, so ist für uns kein Grund mehr vorhanden, ihm länger zu zürnen!" Und die Rabbinen beschlossen, Rabbon Gamliel zwar wieder in sein Amt einzusetzen, aber auch für Rabbi Elasar ben Asaria einen Theil der ihm übertragenen Würde zu erhalten. Von nun an und weiter sollte Rabbon Gamliel stets zwei Wochen den Vorsitz im Lehrhause haben; in jeder dritten Woche jedoch sollte Rabbi Elasar ben Asaria im Lehrhause die Verhandlungen leiten.*) Daher begegnen wir im Talmud mehrfach der Frage: Wessen Woche! war es? und der Antwort: Es war die Woche des Rabbi Elasar ben Esaria. — Auch der Ausspruch des Rabbi Elasar: „Bin ich doch wie ein Siebzigjähriger!" erklärt sich aus den mitgetheilten Ereignissen. Wiewohl noch jung, hatte Rabbi Elasar das Aussehen eines Siebenzigjährigen. Jener Schüler, welche die verhängnißvolle Frage erst an Rabbi Josua und dann an Rabbon Gamliel richtete, war der später so berühmt gewordene Rabbi Simeon ben j Jochai. ' (Fortsetzung folgt.) *) CO muß auch die Lesart in unfern Talmuden berichtigt worden, wo dem Nabbon Gamliel drei Wochen und dem R. Elasar stets die vierte Woche zugethetlt wird. Vergleiche den Eommentar des Rabbi Salomon Lyreleio zu Jeruschalmi Berachoth. Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des , Israelit" große Bleiche 45. I. GottLl eben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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