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Der Israelit · 1881-06-29 · Heft 26 (29.6.1881) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 26 (29.6.1881)
Date
1881-06-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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639 das Tischgebet in Gegenwart des Fürsten die Lehrmeinung der Genossen, die der des Rabbon Gamliel entgegengesetzt war, factisch zur Geltung brachte. Auch hier stellte Rabbi Akiba der Beschwerde denselben Grundsatz gegenüber.*) Aber auch Rabbi Josua ben Chanania, der, nachdem Rabbi Elieser ben Horkinas sich vom Schauplatze der allgemeinen Lehrthätigkeit zurückgezogen hatte, unbestritten der größte Lehrer in Israel war, unterwarf sich nur schwer der Autorität des Fürsten. Wir haben oben erzählt, wie in zwei Fällen Rabbon Gamliel diese Autorität selbst Rabbi Josua gegenüber zur Geltung brachte. Das dritte Mal sollte es ihm nicht gelingen. Unter den Weisen Israels herrschte darüber eine Meinungsverschiedenheit, ob das Beten der achtzehn Benedictionen am Abende freiwillig oder ob man dazu verpflichtet sei. Rabbi Josua lehrte das erstere, Rabbon Gamliel das letztere. Einst kam ein Schüler zu Rabbi Josua und fragte ihn, und Rabbi Josua lehrte seiner Ansicht gemäß. Da ging derselbe Schüler zu Rabbon Gamliel, der in entgegengesetzter Weise entschied. Der Schüler aber sprach: Rabbi Josua hat das Gegentheil gelehrt. — Komm morgen ins Lehrhaus, sagte der Fürst, und wiederhole Deine Frage. — Und also geschah es. Da entschied Rabbon Gamliel, wie er vorher entschieden'hatte und Rabbi Josua wagte nicht zu widersprechen. - Jetzt stellte ihn Rabbon Gamliel zu Rede, und als Rabbi Josua eingestand, einer abweichenden Meinung Ausdruck gegeben zu haben, befahl ihm der Fürst aufzustehen und dem Lehrvortrage stehend anzuwohnen wie einer der Schüler. — So saß Rabbon Gamliel und lehrte, während Rabbi Josua stehen mußte, bis die Genossen alle sich über dieses harte Vorgehen des Fürsten empörten und den Verkünder der Lebrmeinungen Rabbon Gamliels, Rabbi Chuzpith, zwangen, den Vortrag zu unterbrechen. Nun erhoben sich alle die anwesenden Gelehrten, es waren deren zweiundsiebenzig zugegen, wie ein Mann und riefen dem Chasan**) Rabbi Sinon zu: Sprich! — Und sie ließen ihn den Bibelvers verkünden: „Denn wer fühlte Deine Geißel nicht!"***) (Nachum Cap. 3. V. 19). Und Rabbi Sinon sprach also zu Rabbon Gamliel, und alle Anwesenden hörten es stehend mit an, und Einer sprach zum Andern: Wie lange sollen wir es dulden, daß Rabbi Josua von dem Fürsten gekränkt werde! Er hat ihn gekränkt bei dem Vorgänge mit *) Berachoth 37 a. **) Chasan war die Bezeichnung für Denjenigen, welcher mit der Aufrechterhaltung der Ordnung betraut war. ***) Nach dem Jeruschalmi; die Weisen kleideten deßhalb die dem Fürsten zu machenden Vorwürfe in einen Bibelvers, damit dieselben weniger verletzend erscheinen sollten. Vergleiche die Responsen des Rabbi Joseph von Tram zu Joreh Deah. Nr. 16. dem Erstlinge des Rabbi Zadok, er hat ihn im vorigen Jahre gekränkt bei der Bestimmung des Neumondes, und jetzt kränkt er ihn wieder! Wir wollen ihn der Fürstenwürde entkleiden, wir wollen ihn absetzen! Sie traten zur Berathung zusammen und beschlossen die Absetzung des Rabbon Gamliel. Wer aber sollte an seine Stelle treten? Rabbi Josua, dem es vor allen Andern gebührt hätte? Unmöglich! Es hätte ja das Ansehen gewonnen, wie wenn persönliche Gründe, wie wenn die Bevorzugung Rabbi Josua's die Weisen zu dem harten Vorgehen gegen Rabbon Gamliel veranlaßt hätten. — Nach Rabbi Josna war Rabbi Akiba der größte Mann in Israel; aber man konnte sich nicht entschließen, ihn zum Fürsten zu ernennen, da er von heidnischer Abkunft war. Die Wahl fiel auf den jungen Rabbi Elasar ben Asaria. Dieser war aus vornehmem Geschlechte; er war der zehnte Nachkomme des Esra, des Hohenpriesters, der einst Israel aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgeführt hatte; er war trotz seiner Jugend ein großer Gelehrter, befähigt in allen Fragen zu entscheiden; er war auch sehr begütert und konnte, wenn es sein mußte, für die Gesammtheit große Opfer bringen. Als man Rabbi Elasar die Fürstenwürde anbot, sprach er: Ich muß mich erst mit meinem Weibe berathen. — Die Gemahlin Rabbi Elasars hatte keinen Ehrgeiz; sie suchte ihn zurückzuhalten, weil sie fürchtete, man könne auch ihn der Fürstenwürde wieder entkleiden, und weil sie meinte, daß ihr Gatte noch zu jung sei, als daß man vor ihm die nöthige Ehrfurcht haben könnte. Da geschah ein Wunder, und Haupthaar und Barthaar des jungen Rabbi erbleichten. Jetzt zögerte Rabbi Elasar nicht länger, das ihm angetragene Fürstenamt anzunehmen. Er kehrte in das Lehrhaus zurück, bestieg den hervorragenden Sitz und leitete die Vorträge Rabbon Gamliel hatte die Pforten des Lehrhauses geschlossen gehalten und hatte nur Demjenigen Einlaß gewährt, von dem er überzeugt war, daß er sich nur aus reiner Absicht mit der Thora beschäftige. Jetzt wurden die Pforten des Lehrhauses weit geöffnet und Jedem der Zutritt gestattet. Von allen Seiten strömten sie nun herbei, die Weisen und die Schüler, und während früher acht Bänke genügt hatten, mußten jetzt Hunderte aufgestellt werden, so daß die langen Reihen der Lehrenden und Lernenden den Reihen der Weinstöcke im Weinberge glichen. Das ist der berühmte Weinberg von Jabneh, der Weinberg des Ewigen, des Herrn der Heerschaaren. An jenem Tage wurden unzählige Fragen gestellt und unzählige Zweifel gelöst; an jenem Tage wurden die Zeugnisse entgegengenommen in Bezug auf die Lehrmeinungen und Entscheidungen der ver-

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