Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1881)
- Date
- 1881-06-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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616 Volk von den schädlichen Folgen der neuen Gesetzgebung, welche den angeblich fremden Juden das christlich-germanische Deutschland ansliefere, vor was Zeug halte, säen Zwist und Erbitterung in die Gemüther, aber diese Bäume werden auch nicht in den Himmel wachsen. Doch es müsse von Seiten der Juden etwas Positives geschehen, um die Bewegung unschädlich zu machen. Somberg meinte dagegen, daß die Juden sich nur literarisch wehren könnten, das sei ja auch geschehen, er selbst habe von England aus in diesem Sinne eingegriffen. Kohn aber glaubte, daß die Juden weiter nichts zu thun hätten, als durch ihr Leben die Unwahrheit der Beschuldigungen, die man gegen sie häuft, zu beweisen. Seien auch unter den Inden schädliche und schändliche Subjecte, nun so solle man einmal einen Menschenkreis vorführen, dessen Glieder nur Tugendspiegel seien. Wer aber es nicht einsehen wolle, daß es überall schlechte Menschen gebe, und die Gesammtheit für die Schlechtigkeit des Einzelnen verantwortlich machen wolle, dem könne man überhaupt nichts beweisen. Ueberdies singen die Christen an sich der Sache der Juden anzunehmen, und das sei für den Erfolg besser. Das Wort eines Christen für die Juden falle schwerer in die Wagschale als das eines Juden. Arno theilte dann mit, daß er in dem engern Vaterlande, in dem er Minister sei, schon feilten Einfluß zur Geltung gebracht, dort werde eine Hetzerei nicht aufkommen, er habe zu gute und edle Juden kennen gelernt, als daß er nicht glauben solle, die Schurken gehörten bei ihnen zu den Ausnahmen. Spät trennte sich Arno mit seiner Gemahlin von seinem Freunde mit dem Versprechen, den nächsten Tag bis zu seiner auf den Abend festgesetzten Abreise mit chm zu verleben. Somberg war noch geblieben; er hatte mit Ungeduld auf den Moment gewartet, in dem er sich allein mit Kohn unterhalten konnte. Zuerst mußte er diesem einen kurzen Abriß seiner Lebensgeschichte mittheilen. Sie war sehr einfach. Er war nach London gegangen, um eine Hauslehrerstelle zu bekleiden, war dann zu einer bedeutenden Lehrtätigkeit in einer andern Stadt Englands berufen worden, wo er sich einen bedeutenden literarischen Namen erwarb. „Du siehst, daß mein Leben keine besondere Ereignisse aufzuweisen hat," schloß Somberg seinen Bericht, „nur einmal ist auch mir ein Abenteurer begegnet, und ich warte schon den ganzen Nachmittag darauf, es Dir mitzutheilen." „Ich bin gespannt darauf, laß einmal hören!" „Es war an einem nebligen Herbsttage, als ich gegen Abend durch die Straßen Londons schlenderte. Ich gelangte in ein ziemlich stilles Viertel auf eine der vielen Brücken, welche die beiden Ufer der Themse verbinden. Ein Frauenzimmer, das unverwandt in das Wasser blickte, fesselte meine Aufmerksamkeit. Nichts Gutes ahnend, halte ich mich in der Nähe hinter einem Candelaber verborgen: da schwingt sich die Unglückliche aufs Brückengeländer, ich springe herbei, packe sie und reiße sie vom Geländer herunter. Das Mädchen fällt in Ohnmacht, ein herbeigerufenes Cab befördert sie nach meiner Wohnung. Ich konnte dem Mädchen umsomehr mein Zimmer überlassen, als ich noch am selben Abend auf voraussichtlich vier Wochen verreisen mußte. Meine freundliche Wirthin versprach mir, das Mädchen gut zu pflegen und für eine Unterkunft zu sorgen. Meinen Namen verbot ich ihr zu nennen. Als ich wieder zurückkam, war das Mädchen nicht mehr da, es hatte sich selbst eine Stellung verschafft. Wohin sie gerathen, hatte meine Wirthin nicht erfahren; aber nach vierzehn Tagen hatte sie einen Brief erhalten, in welchem sie mit beu herzlichsten Ausdrücken für die Güte dankte, mit welcher sie behandelt worden war; besonders bat sie ihren ihr unbekannten Netter zu danken; über sich schrieb sie nichts weiter, als daß die furchtbarste Noth sie zu einem Schritte der Verzweiflung treiben wollte, den man ihr nicht mißdeuten möge; sie hoffe aber, daß ihr Geschick sich jetzt gewendet. Eine Unterschrift war unter dem Briefe nicht, aber Styl und Schrift zeugten, daß die junge Dame den gebildeten Kreisen Deutschlands entstammte. Und heute bin ich beim Eintritt in dieses Zimmer an jene Affaire lebhaft erinnert worden." Mit steigendem Interesse hatte Kohn der Erzählung seines Freundes zugehört, auf den Gipfel des Erstaunens brachte ihn aber der Schluß der Mittheilung Sombergs. „Wie ist das zu verstehen, daß Du heute bei mir an jene Begebenheit erinnert wurdest?" „Bei dem herrschenden Dunkel konnte ich die Züge des jungen Mädchens nur undeutlich erkennen, und doch glaubte ich, dasselbe irgendwo einmal gesehen zu haben. Heute nun wurde ich durch die Frau v. Hauenstein wieder an das junge Mädchen von damals erinnert. Sollte die von mir Gerettete das Fräulein v. Botho gewesen sein, dem ich einmal flüchtig im Hause Deines Onkels begegnet bin?" „Kaum glaublich! Allerdings war Hulda v. Botho in England." „Nun hoffen wir, daß die Zukunft das Geheimniß enthüllen wird; aber meinen Namen darfst Du nicht nennen." Es war schon sehr spät als Somberg seinen Freund verließ und sich nach seinem Hotel begab. Am andern Morgen wurde Kohn schon sehr