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Der Israelit · 1881-06-22 · Heft 25 (22.6.1881) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 25 (22.6.1881)
Date
1881-06-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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615 nahmen darzubringen. Ein Wort von Ew. Majestät wird alle Beunruhigungen zerstreuen. Wir sind überzeugt, daß Ew. Majestät alle ihre Unterthancn mit derselben Gnade ohne Unterschied der Rasse und Religion umfassen." Der Kaiser erwiederte, daß er sie wohl verstanden, und daß Unterschiede für ihn in Bezug auf treue Unterthanen ihrer Religion und Race wegen nicht existirten. Die Juden hatten unglücklicher Weise den Vorwand für die Ruhestörungen im Süden abgegeben. Man müsse in dieser Hinsicht jedoch berücksichtigen, daß dort spezielle ökonomische Zustände die Ausbeutung der Bauern durch die Juden ermöglichen. Hierauf wsts ein Mitglied der Deputation auf den Umstand hin, daß die vorhandenen Nebel eine Folge der Eingrenzung der Juden auf bestimmte Punkte des Reiches feien. Die Juden, die vorwiegend Gewerbetreibende seien, fänden bei den armen Bauern keine Gelegenheit zu anderer Gewerbsthätigkeit, als zum Betriebe der Schankwirthschaft. Die Israeliten hofften, daß diese Eingrenzung der Juden beseitigt werden müsse. Der Kaiser erkannte an, daß in dem Gesagten viel Wahres liege, und sprach den Wunsch aus, daß die geäußerten Anschauungen in einem Memorandum dem Minister des Innern dargelegt würden. Die Aufnahme der Deputation war von Anfang bis Ende eine überaus gnadenvolle. Petersburg. Die antijüdische Bewegung ist in ein ruhigeres Fahrwasser gekommen; aber man würde irren, wenn man sie erstickt halten oder auch nur glauben wollte, daß sie allmählich aufhören werde. Das Wort des Kaisers und die polizeilichen Maßregeln, die jetzt wirklich überall in relativ vorsichtiger Weise getroffen sind, lassen einen Wiederausbruch offener Feindseligkeiten vorläusig nicht befürchten, aber die Lage der Juden ist noch immer eine unsichere, zunächst natürlich da, wo Krawalle bereits stattgefunden haben. Ich habe kürzlich zwei sehr wohlhabend und sehr ruhig denkende Juden aus Kiew gesprochen, die eine Aufnahme ihrer Handelsbeziehungen einfach für unmöglich halten und die geradezu der Ansicht sind, daß der Jude, der noch etwas zu verlieren hat, dies schleunigst in Sicherheit bringen müsse. Dieselbe Meinung habe ich von Petersburger Israeliten gehört, die fest behaupten, daß hier an dem Samstag, welcher dem Empfange der jüdischen Deputation beim Kaiser vorherging, ein offener Coup gegen die Juden nur wie durch ein Wunder unterblieben sei. Die Hetzereien in Deutschland sind — das ist außer allem Zweifel und ist mir vielfach bestätigt worden — auf die antijüdische Bewegung in Rußland von großem Einfluß gewesen. Namentlich in Moskau und Petersburg, wo in allen Lokalen deutsche Zeitungen aufliegen, haben sie den Haß gegen die Israeliten sehr lebhaft schüren helfen. In Kiew gab es, wie der dortige Kijewlianin schreibt, am 2. d. neuerdings Judenkrawalle, welche auf dem sogenannten Schitnyj-Bazar zum Ausbruche kamen und große Dimensionen angenommen hätten, wenn sie nicht rechtzeitig durch Militär vereitelt worden wären. Aulaß zu den Krawallen gab eine Bäuerin, welche in der Mehlhandlung des jüdischen Kaufmannes Lazar Brodski Mehl gekauft und dann das alberne Gericht verbreitet hat, daß, nachdem sie von dem Mehle Brod gebacken, sowohl sie als ihr Kind dadurch vergiftet worden seien. In Folge dessen sammelte sich vor dem Mehlladen eine Menge Volk an, welche den Laden stürmte und alle Juden in demselben niedermetzeln wollte. Die rechtzeitig herbeigeeilte Polizei sperrte und versiegelte den Laden und rettete so die Bedrohten. Feuilleton. Die Jugendfreunde. Von A. Königshofen, xxm. (Fortsetzung und Schluß.) Arno glaubte in Somberg sein vis-a-vis von gestern Abend in der Stöcker'schen Versammlung zu erkennen, und als er diese Vermuthung bestätigt fand, war bald ein Anknüpfungspunkt für eine lebhafte Unterhaltung, die alle interessirte, gefunden. Daß es Arno gelungen war einen abgefeimten Betrüger zu entlarven, daß Rothkopf endlich der Gerechtigkeit anheimgefallen war, wurde wohl zum Erstaunen und zur Befriedigung Kohns erzählt, aber diese Persönlichkeit bildete nicht den Mittelpunkt des Gesprächs, die Judenfrage war es, die das Interesse der Freunde vor Allem fesselte. Arno sprach seinen tiefen Abscheu aus über die Vorgänge, die sich in Berlin zum Hohne des 19. Jahrhunderts abspielten. Eine Befriedigung war es für ihn, daß nach einer Notiz der Morgenblätter der Kronprinz während seines Aufenthaltes in Italien von einem Schamgefühl gesprochen habe, das ihn beschleiche, wenn er an die Hetzereien in Deutschland denke. Aber auch der Kronprinz, meinte er, würde mit diesem verurtheilenden Ausspruch die Bewegung nicht ersticken: es sei eine kleine aber mächtige und rührige Partei, die immer den Mund voll von Loyalität und Unterthanentreue nehme, — wenn es ihnen paßt — diese Partei stehe hinter diesen Hetzereien, um eine Reaction in Scene zu setzen, bel der sie wieder ihren früheren Einfluß zu gewinnen glaubte. Darum stachele man die Gemüther auf, sage dem

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