Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1881)
- Date
- 1881-06-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447873--17676-2473690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
606 „Wie das Oel sich nicht mit anderen Getränken verbindet und vermischt, so Israel, wie es heißt: Und ich habe euch gesondert von allen Nationen." Diese Sonderung ist durchaus notwendig für den Bestand Israels, für die Erfüllung seiner Aufgabe. Nur eine kleine Schaar Auserwählter vermag die vielen Gesetze, Verbote und Vorschriften unsrer heiligen Religion zu beobachten, in ihren Sinn einudringen, sie geistig zu erfassen und im Leben thatächlich zur Geltung zu bringen. Die große Menge der Völker kann nur auf einem langen, weiten Wege zu den Zielen der Menschheit geführt werden. Jede Vermischung mit den Nationen muß nach dem natürlichen Gesetze des Aufgehens der Minderzahl in die Mehrzahl zur Auflösung führen. Als einst vom Judenthume eine Secte sich loslöste, die große Mehrzahl der Gesetze desselben aufgab und nur einige wenige Glaubens- und Sittenlehren beibehielt, da konnte diese neue Religion sich den Sitten und Eigenthümlichkeiten der Völker anschmiegen und zur herrschenden Staatsreligion werden. Das Judenthum konnte und durfte solche Erfolge nicht erzielen, solange die Völker für die wahrhafte Gotteserkenntniß nicht reif sind. Was wäre aus dem Judenthum geworden, wenn ein römischer Imperator, wie einst Conftantin das Christenthum, die jüdische Religion zur herrschenden Staatskirche erhoben hätte? Die Völker wären linker der äußern Form des Judenthums Heiden geblieben und die Juden wären in ihrer Mitte spurlos verschwunden. Die Nothwendigkeit der Sonderung ist auch von den Propheten und Weisen Israels zu allen Zeiten klar erkannt worden. Deßhalb wiesen die Führer Israels die Kuthäer zurück, als diese sich den aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrenden Juden anschließen wollten. Klein und gering waren die Anfäuge des neu-jüdischen Staates, dem die Verbindung mit den Kuthäern eine viel festere Grundlage hätte geben können. Eine Zurückweisung dieser Freundschaft mußte die junge Pflanzung mit Vernichtung bedrohen. Allein die Führer Israels zogen es vor, die größten Gefahren über sich ergehen zu lassen, ehe sie gestatteten, daß sich das Volk mit fremden Elementen vermische. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, der sich nunmehr entwickelte; aber das Judenthum ging rein, wohlerhalten und siegreich aus demselben hervor. Eine noch tiefer einschneidende Frage trat an die Führer Israels heran. Während der babylonischen Gefangenschaft hatten viele Juden heidnische Frauen geheirathet. Sie mußten sich von den Heidinnen lossagen; wenn sie sich dessen weigerten, so wurden sie aus der Gemeinschaft Israels ausgeschlossen. Durch solche Maßregeln gelang es, den jüdischen Staat in seiner Reinheit und Heiligkeit wieder herzustellen. Und als nun das jüdische Staatsgebäude zum zweiten Male in Trümmer sank, als die Söhne und Töchter unsres Volkes zerstreut wurden unter die Völker der Erde, da hatten die Weisen Israels schon von langer Zeit her eine Schutzmauer um das Gottesgesetz gezogen, damit dieses selbst den inmitten anderer Nationen Vereinzelten erhalten bleibe. Wir wollen einen Stein aus dieser Schutzmauer näher ins Auge fassen. Biblisch ist nur -p.j s", der Trankopferwein der Heiden, uns zum Genüsse verboten. Unsere Weisen haben dieses Verbot auf d'-dj •yv oj” ono, den gewöhnlichen Wein der Nichijuden ausgedehnt. -in.v dwo orrnua bjn onwja D’sra qj” by nu Sie haben es deßhalb gethan, um die Mischehe zu verhindern. Wer den Wein nicht trinkt, den ein Nichtjude berührt hat, wird niemals dazu kommen, eine Nichtjüdin zum Weibe zu nehmen. Was wäre aus dem Judenthume geworden, wenn die Juden in den Ländern der Diaspora sich mit den Nichtjuden verschwägert hätten? Es wäre schon längst keine Spur mehr von ihnen vorhanden. Freilich haben wir durch die strenge Sonderung vielfach Haß und Feindschaft auf uns gelenkt. Allein selbst um diesen Preis ist die Erhaltung unserer Existenz nicht zu theuer erkauft. Die Israeliten könnten ihre Sonderstellung in der Mitte der Nationen nicht aufgeben, selbst wenn sie wollten. Für die göttliche Weltordnung ist die Existenz Israels nothwendig. Durch die Vermischung mit den andern Völkern würde Israel aufhören, zu existiren. Daher hat Gott uns gesondert von den Nationen, cd™ o’Djjn p, und Er selbst sorgt dafür, daß diese Sonderung erhalten bleibe. Daher die merkwürdige Erscheinung, daß gerade in jener Stadt, von welcher aus sich der moderne Abfall vom Gottesgesetze über alle jüdische Kreise verbreitet hat, daß gerade in Berlin in neuerer Zeit der Judenhaß am mächtigsten aufgetreten ist, daß selbst solche Juden als Juden verfolgt werden, die in ihrem Leben und Glauben ganz außerhalb des Judenthums stehen, daß von dieser Verfolgung selbst solche Juden nicht verschont werden, die oder deren Eltern schon sich durch die Taufe von dem Judenthume losgesagt und den herrschenden Völkern angeschlossen haben cd™ v-aw D’Dj?n p „Ich, spricht Gott, ich habe Euch gesondert von den Völkern, und Ich werde diese Sonderung aufrecht erhalten." Wer sie dennoch aufgeben will, der gewinnt nichts dadurch von allem Dem, was er erstrebt; aber er verliert unendlich viel, er verliert die hohe, erhabene Bestimmung des Judenthums; er verliert das wahrhafte Glück in dieser Welt und das ewige Leben im Jenseits. Wer aber treu bleibt den Gesetzen und Vorschriften unserer heiligen Religion, wird, trotz der