Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1881)
- Date
- 1881-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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583 Sohn Josua, die Zeit ist gekommen, da ich von Dir hinweggenommen werden soll. Hast Du mich noch etwas zu fragen, so frage. — Mein Herr Mofcheh, antwortete Josua, ich bin nicht aus dem Zelte der Thora gewichen, nicht einen Augenblick, und Du hast mir die ganze Thora überliefert; Du hast mir Alles so erklärt, daß ich über nichts im Zweifel geblieben. Und Moscheh starb, und ganz Israel beweinte ihn dreißig Tage lang. Während der Zeit der Trauer und des tiefen Schmerzes wurde das Studium der Thora vernachlässigt und eine ganze Reihe von religiösen Vorschriften wurde vergessen. Wenn aber auch Einzelheiten dein Führer und Lehrer Israels, dem Josua, entfallen waren, die allgemeinen Grundsätze waren geblieben, durch welche der Scharfsinn die einzelnen Vorschriften wieder herzustellen vermochte, und so gelang es denn dem Athniel, dem Sohne des Kenas, durch sein scharfes Denken das Vergessene wieder herzustellen. Und so ist es geblieben in Israel Jahrtausende hindurch. Die Schärfe des Verstandes schafft aus dem Gegebenen Rath für alle einzelnen Fälle. Hierbei ist es jedoch nicht anders möglich, als daß die Auffassung in manchen Nebenumstünden eine verschiedenartige ist. Bei dem Einen tritt der eine Umstand in den Vordergrund, bei dem Andern ein anderer. So entstanden schon in den ältesten Zeiten in Bezug auf einzelne religiöse Vorschriften Meinungsverschiedenheiten, die so lange währten, bis Männer von großer Autorität die Majorität der Weisen für sich gewonnen und dann endgiltig die Halachah feststellten. Wir wollen das an einemBeispiele klar machen, das wir bereits oben kurz erwähnten. Die Thora verbietet die eheliche Verbindung mit von den Amonitern und Moabitern aufgenommenen Proselyten; ob dieses Verbot sich auch auf die weiblichen Mitglieder dieser Völker erstrecke, war zweifelhaft. Es wird uns erzählt, daß der Vetter des Mas sich deßhalb weigerte, die Moabiterin Ruth zum Weibe zu nehmen, während Boas sie heirathete. Auch Jischai, der Vater Davids, hegte in dieser Beziehung noch Zweifel. Erst der Prophet Samuel und das ihm zur Seite stehende Sanhedrin stellten die Halachah endgiltig fest. Bei solchen Feststellungen galt der Grundsatz, daß die Weisen abstimmten und nach der Majorität entschieden. Der größte Mann in Israel war in der Zeit, von welcher unsere Erzählung berichtet, unstreitig Rabbi Elieser ben Horkinas, dem seine Zeitgenossen deßhalb auch den Beinamen „der Große" gegeben haben. Sein Wissen war unermeßlich; sein Lehrer Rabbi Jochanan ben Sackai hatte ihn mit einer cementirten Cisterne verglichen, die keinen Tropfen verliert. Als Rabbi Elieser einst seinen Lehrer an einem Neumondstage besuchte, sagte dieser: Du, der Du einem Brunnen gleichest, in welchem sich nur reines Wasser befindet, wozu brauchst Du noch den Sohn Sackai's aufzusuchend — Und Rabbi Elieser sprach: Es ist doch meine Pflicht, meinen Lehrer zu begrüßen! — Die Weisen berichten, daß Rabbi Elieser würdig gewesen wäre des prophetischen Geistes, wenn sein Zeitalter sich dazu geeignet hätte. Schon Moscheh war es verkündet worden, daß einst ein großer Mann, Namens Elieser, in Israel lehren würde, und er hatte deßhalb seinem Zweitgeborenen diesen Namen gegeben. Hundert Jahre vor der Zerstörung des heiligen Tempels hatten zwei große Männer an der Spitze Israels gestanden, deren "Schulen nicht unerheblich in ihren Lehrmeinungen von einander abwichen. Im Laufe der Zeiten hatte die Schule Hillels über die des Schammai den Sieg davon getragen, und die Halachah war nach den Bestimmungen der Schüler Hillels festgestellt worden. Auch Rabbi Jochanan ben Sackai hatte der Schule Hillels angehört, und wiewohl Rabbi Elieser in Rabbi Jochanan ben Sackai seinen vorzüglichsten Lehrer verehrte, so hatte er doch auch zu den Füßen solcher Männer gesessen, die der Schule Schammai's angehört hatten. Da erhob sich nun ein Zwiespalt zwischen Rabbi Elieser und seinen Genossen zu Jabneh. Es handelte sich um den Achnai-Ofen. Rabbi Elieser verglich denselben einem Gebäude und lehrte deßhalb, daß dieser Ofen für die Unreinheit nicht empfänglich sei; seine Genoffen verglichen diesen Ofen einem irdenen Gefäße und lehrten deßhalb, daß ein solcher „tame" werden könne. Es entspann sich eine lebhafte Discussion, in welcher Rabbi Elieser trotz der scharfsinnigsten und ausgiebigsten Beweisführung seine Genoffen nicht bestimmen konnte, seine Entscheidung zu acceptiren. Da sprach Rabbi Elieser: Wenn meine Autorität Euch nicht genügt, so mag der Eharub, der Johannisbrodbaum, entscheiden *). Eharub, so nannte man einen der bedeutendsten Männer jener Zeit, den Rabbi Chaninah ben Dosah. Auch er war ein Schüler des Rabbi Jochanan ben Sackai gewesen; er führte einen heiligen Lebenswandel, und sein Gebet war oft von Gott in wunderbarer Weise erhört worden. So groß war sein Ruf, daß einst, als der Sohn Rabbi Jochanan ben Sackai's schwer krank darniederlag, der betrübte Vater zu seinem Schüler Rabbi Chanina schickte und ihn bitten ließ, für den kranken Sohn zu beten. Und Gott erhörte das Gebet Ehanina's uno der Kranke genas. — Rabbi Chanina war sehr arm, und er lebte nur von der Frucht des Johannisbrodbaumes, *) Die Deutung, die mir hier der Erzählung des Talmuds geben, ist den Erklärungen des Rabbi Melr Schiff H'L entnommen.