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Der Israelit · 1881-06-13 · Heft 24 (13.6.1881) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 24 (13.6.1881)
Date
1881-06-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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578 Aber selbst in den Zeiten, in welchen es leicht war, die Gelegenheit zum Thorastudium zu finden, war der Erwerb dieser Kenntniß und das demgemäße Leben stets mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Es gehört zu den Eigenthümlichkeiten dieser wunderbaren Wissenschaft, daß sie nur dem zu eigen wird, der sich ihr mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele hingibt, der sie in der Absicht erlernt, um sie wieder zu lehren, um ihre Vorschriften zu beobachten, um ihre Gebote auszuüben. Der Außenstehende vermag nicht in ihren Sinn einzudringen, in ihre Tiefen unterzutauchen und ihre Höhen zu erklimmen. Es ist ein Studium, welches den ganzen Menschen für sich in Anspruch nimmt; es ist ein Studium, das nicht einen Theil des menschlichen Wissens und der menschlichen Thätigkeit, sondern das ganze, weite Gebiet des Forschens und der praktischen Konsequenzen desselben umfaßt. Uusere Weisen deuten den Bibelvers wan oopnoa „In Finsternisse hat er mich gebracht" auf den babylonischen Talmud. Sowohl die Form als die Materie desselben ist ungemein schwer zu erfassen. Schon die Sprache des Talmuds bietet Schwierigkeiten wie keine andere. Sie ist nicht hebräisch, nicht chaldäisch, nicht griechisch, nicht lateinisch, nicht persisch, sie ist das alles zusammen. In den dazu notwendigen Kommentatoren finden sich auch deutsche, französische, italienische, spanische und arabische Worte. Nicht minder schwierig ist die Satzbildung und die Art der Constructionen. Das Alles will erlernt sein, und doch sind diese Schwierigkeiten nur gering und unbedeutend im Vergleiche mit denen, welche sich der Erfassung des Inhaltes entgegenstellen. Da wird der Geist auf Gebiete geführt, mit denen er sonst nicht in Berührung kömmt. Die Jurisprudenz, die Medicin, die Philosophie, die Mathematik, die Astronomie, die Zoologie, die Botanik, die Landwirtschaft, alle Handwerke und Künste und und noch viele andere Wissenschaften und Fertigkeiten werden im Talmud behandelt und zum Zwecke des religiösen Lebens dargelegt. Unvorbereitet muß der Knabe, der Jüngling an Materien herantreten, deren Studium unter anderen Verhältnissen lange Vorbereitungen erfordert. Dazu kömmt noch die ganz eigentümliche Eruirung talmudischer Lehrsätze; sie werden nicht aus den betreffenden Wissenschaften herausgefolgert, sondern sie werden aus der schriftlichen Lehre gedeutet oder beruhen auf der vom Sinai stammenden Tradition. Da treten Widersprüche zu Tage, die gelöst werden müssen; da sind Vergleichungen nothwendig, durch die das scheinbar Unzusammenhängend verbunden werden muß; da treten Lehrmeinungen auf, die dem gemeinen Verstände zu widersprechen scheinen; da wird in Räthseln und Allegorien gesprochen, deren Verständniß das tiefste Nachdenken erheischt. Es packt auch wohl mit scharfen Krallen der Zweifel des Menschen Brust und sucht ihn auf Abwege zu führen. Aber das Studium selbst überwindet die Schwierigkeiten des Studiums rapo nr tmata *p jus on temon rva\ Wenn der Zweifel dich packt, so führe ihn in's Lehrhaus; eifriges Forschen wird dich zur Wahrheit durchdringen lassen. Ist auch der Anfang bitter, so ist doch das Ende süß. Mühen sich doch die Menschen ab, um mit Aufgebot aller ihrer Kräfte irdische Schätze zu erlangen, und doch halten alle irdischen Schätze den Vergleich mit der Thora nicht aus tto Tssn na iiV' Sie regelt unser Denken, Reden und Thun nach dem Willen des Allerhöchsten; sie erfüllt mit unaussprechlicher Freude unser Herz; sie ebnet alle unsere Pfade selbst in den schwierigsten Verhältnissen: ihr Besitz ist das Beglückendste in diesem Leben und bahnt den Weg zum ewigen Heile. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Cvrrespondenzen. Deutschland. Mainz, 8. Juni. Vor der Strafkammer des Landgerichts erscheinen heute fünf Bewohner von Nieder-Olm, der Ackersbursche R. K., der Schuhmacher Ph. A. B., der Küfer und Spezereihändler P. S., der Tüncher F. B. und der Schuhmacher I. B. A. Dieselben stehen unter der Anschuldigung, zu Fastnacht l. I. einen Maskenzug veranstaltet zu haben, durch welchen verschiedene israelitische Einwohner Nieder-Olms verhöhnt und beleidigt wurden; eine weitere Beschuldigung ist dahin gerichtet, daß ein gewisser jüdischer Bewohner des bezeichnten Ortes durch die Rufe: „Hepp! Hepp! Jud! Jud!" beleidigt wurde. Die Personen des Zuges stellten nur Juden dar. Auf einem Wagen befand sich eine Guillotine, zu welcher zeitweise Personen aufgezogen wurden, welche auf dem Rücken Aufschriften trugen, die eine Jdentificirung mit den fraglichen isr. Einwohnern ausmachten und eine Verhöhnung und Beleidigung derselben bewirkten. Ein Scharfrichter mit rothem Hemd stand auf der Guillotine und hantirte mit einem großen Messer, ein Fallbeil darstellend. Auf einem Wagen befand sich die Aufschrift: „Nach Palästina!" Der Maskenzug hielt vornehmlich an von Juden bewohnten Gebäuden und führte die angedeuteten Manöver aus. Auch andere Teilnehmer des Zuges trugen auf dem Rücken Aufschriften oder führten Gegenstände mit sich, durch welche sie auf bestimmte jüdische Personen anspielten respective solche

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