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Der Israelit · 1881-06-08 · Heft 23 (8.6.1881) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 23 (8.6.1881)
Date
1881-06-08
Page
– (sequence 20)
Language
German
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568 reißen können, in Hattenfels hätten sie's wirklich nicht nöthig, mit dem Sabbatausgang so über Hals und Kopf zu eilen. Auf meine Frage, ob diese Unsitte noch nie von ihm gerügt worden sei, lächelte Herr Waldberg wehmüthig. An Worten hat's bei mir nie gefehlt, erwiderte er, aber die helfen nichts. Wenn Sie die Leute zu Rede stellen, warum sie die paar Minuten nicht dem zugeben wollen, so halten sie Ihnen eine ganze Rede über die Bedeutsamkeit ihres Geschäfts, wie Zeit Geld sei, und wie man auch wenige Minuten nicht leichtsinnig verschwenden dürfe, wenn man eben erst einen ganzen Tag sein Geschäft geschlossen gehalten habe. Dieselben Leute, die so haushälterisch von ihrer Zeit sprechen, können Sie heute und jeden Abend nicht nur ihre Minuten, sondern volle Stunden beim Kartenspiel vergeuden sehen. Dieselben Leute, die heute von der Bedeutsamkeit ihres Geschäfts den Mund nicht voll genug nehmen können, brauchen Sie nur morgen früh in ihren Comptoiren anfzusuchen und zur Beisteuer für einen wohlthätigen Zweck aufzufordern, dann werden Sie von denselben Lippen hören, wie jetzt die Geschäfte so schlecht und die Zeiten so flau seien, daß man eben nicht viel oder gar nichts sür außergewöhnliche Zwecke übrig habe. Einmal habe ich, fuhr Herr Waldberg fort, mit unsrem liebenswürdigen Herrn Vorsteher über den Gegenstand einen Diseurs gehabt. Als alle Argumente an der hochmüthigen Nonchalance gescheitert waren, mit der er das Thema zu behandeln beliebte, nahm ich plötzlich eine feierliche Miene an und warf nur so nebenher die Bemerkung hin, die Sache habe auch noch eine gar ernste Seite, die aber mein Takt mir verbiete jetzt zur Sprache zu bringen. Damals hatte unser Vorsteher gerade die Anordnung getroffen, daß das Gitter in der Frauen- Synagoge entfernt werden sollte. Vergebens betonte ich die religionsgesetzliche Seite der Angelegenheit, vergebens wies ich darauf hin, wie z. B. die Einführung einer Orgel, welche allenthalben die gesetzestreucn Elemente der jüdischen Gemeinden veranlaßte, ein derart profanisirtes jüdisches Gotteshaus zu meiden, wie eine Orgel in der Synagoge noch nicht einmal eine solche Höhnung des jüdischen Gesetzes bedeute, als eine Beseitigung der Schranke, die jüdisches Gesetz und jüdische Sitte zwischen den beiden Geschlechtern gezogen; vergebens gab ich meinem Widerpart ferner den Eonnex zu erwägen, der vielleicht zwischen der factischen Scheidung der Geschlechter in der Synagoge und der Sittigkeit, Züchtigkeit und Zurückhaltung bestehe, die in der Reinheit und Keuschheit des jüdischen Familienlebens so herrliche, allgemein anerkannte Triumphe feierte; der Herr Vorsteher blieb unerbittlich. Als dann, ich weiß nicht mehr durch welche Veranlassung, die Unterhaltung auf das Abendgebet am ’nspo kam, glaubte der Herr Vorsteher mein noch in petto gehaltenes Argument, das zur Sprache zu bringen mir der Takt untersagte, streife irgendwie an dieses Thema oder an irgend eine Piquanterie, und drang nun erst recht darauf, daß ich Mes zur Sprache bringen sollte, was ich auf dem Herzen habe. Was ich noch vorzubringen hatte, war aber für mich und jeden unbefangenen Menschen höchst unschuldiger, ja humoristischer Natur. Aber unser Vorsteher, der, wie Sie bereits wissen, immer eine ganz dicke Gänsehaut bekömmt, wenn er von Tod, Himmel, Hölle und dergleichen hört, überflog ein merkliches Gruseln, als ich auf sein eigenes Verlangen hin nun mit feierlichem Ernst mit meinem letzten Trumpf anrückte. „Sie haben gewiß schon gehört, daß die O’yzn, welche im Gehinnom die Folgen ihres irdischen Treibens zu verbüßen haben, am Schabbos von dieser ihrer Folterqual erlöst sind." Meinem vis-ä-vis fing schon der Schweiß an durch die Stirne zu brechen, und sein gläserner auf mich stierender Blick fragte, ohne daß sich die Lippen bewegten, wie denn das hierher käme „Am Freitag Abend," fuhr ich ruhig fort, „wenn in den jüdischen Gemeinden der Schabbos einzieht, zieht auch im Gehinnom Ruhe und Frieden ein, und wenn am Schabbos Abend die jüdischen Gemeinden den Schabbos verabschieden und die neue Woche betreten, flieht der Sabbatfriede auch die im Gehinnom Schmachtenden und sie werden dann auf's Neue ihren Qualen für die lange Woche preisgegeben." „Glauben Sie das wirklich?" keuchte der Herr Vorsteher. Glauben Sie, daß hier vor unsrer Nase eine Lampe auf dem Tische brennt? erwiderte ich dem aufgeklärten Fragesteller. — Das glauben Sie nicht, das sehen Sie, das wissen Sie. — Sie glauben auch nicht an die Richtigkeit des kleinen Einmaleins, sondern Sie sind davon überzeugt, es ist kein Gegenstand des Glaubens, des bloßen Fürwahrhaltens, es ist ein Gegenstand des Wissens, der Ueberzeugung, daß 2 x 2 — 4 ist. So ist es nicht mehr Gegenstand des Glaubens, sondern der innigsten, wahrhaftigsten Ueberzeugung, daß, wenn es einen Gott gibt, der Welt und Menschen geschaffen und ihr Wohl und Wehe an die Befolgung oder Nichtbefolgung gewisser Gesetze geknüpft hat, daß es dann eine Belohnung und eine Bestrafung geben muß, die viel weiter reicht, als unsre sieben Jahrzehnte umfassende Daseinsspanne. — Ich, Herr Vorsteher, möchte keinen Antheil haben an dem Geschick derjenigen, die nicht nur für sich Gottes Gesetze mit Fü-

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