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Der Israelit · 1881-06-08 · Heft 23 (8.6.1881) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 23 (8.6.1881)
Date
1881-06-08
Page
– (sequence 19)
Language
German
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567 Sehr geehrter Herr Redakteur! In mehreren deutschen Blättern sind tu letzter Zeit verschiedene Gerüchte über ein gespanntes Verhältnis zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung über daselbst bevorstehende Unruhen publizirt worden. Da dabei auch erwähnt wurde, daß ich, als Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, Se. Excellenz den Herrn Generalgouverneur um Schutz für die jüdische Bevölkerung gebeten habe, betrachte ich es als meine Pflicht, den wahren Sachverhalt zur öffentlichen Kenntniß zu bringen. Zu Ende voriger Woche sind an einigen Straßenecken lithographirte und geschriebene Blätter angeklebt worden, welche Hetzereien gegen die Juden enthielten. Gleichzeitig'versammelte sich am Krasinski'schen Platze ein Haufen von ungefähr 100 Menschen, welche einige Arbeiter gegen die Juden aufzuwiegeln suchten. Die ersterwähnten Plakate waren ursprünglich fremden Ursprungs, da sie Ausdrücke enthielten, die in der polnischen Sprache nie gebraucht werden. Der Arbeiterhaufen wurde ohne Mühe durch die Polizei auseinandergejagt. Dieses ist Alles was vorgefallen ist. Sofort hat sich aber die ganze christliche Bevölkerung mit bemerkenswerter Einmüthigkeit gegen wie immer geartete Ausschreitungen ausgesprochen. Ju allen Kirchen wurde ein Hirtenbrief des hiesigen Erzbisthumsverwesers verlesen, in welchem der ehrwürdige Prälat Sotkiewicz jedes feindliche Auftreten gegen die Juden, die er als „Mitbürger anderer Confession" bezeichnet, auf's Entschiedenste verdammt. In allen Zeitungen sind Leitattikel erschienen, die jede Möglichkeit eines Confliktes zwischen Juden und Christen in Abrede stellen und als eine die hiesige Bevölkerung beleidigende Insinuation zurückweisen. Angesichts dieser Sachlage, die uns auch ohne diese Kundgebungen der öffentlichen Meinung bekannt war, lag weder für den Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde, noch für irgend Jemand eine Veranlassung vor, sich um Schutz an die Behörden zu wenden. Indem ich Sie höflichst bitte, diesen Brief in Ihr geschätztes Blatt freundlichst aufnehmen zu wollen, zeichne ich u. s. w. Dr. Ludwig Natanson, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Warschau. Warschau, 23. Mai. Nach einer der „Pol. C." von hier zugehenden Meldung vom Heutigen erschien beim Verweser des dortigen Erzbisthumes Soekiewicz eine Deputation der Warschauer Judengemeinde, um ihm für seinen menschenfreundlichen Hirtenbrief nnd für die von bestem Erfolge gekrönten Bemühungen der Warschauer Geistlichkeit zur Beschwichtigung der durch fremde Agitatoren in eine antisemitische Gährung versetzten Bevölkerungsmassen zu danken. Der Sprecher der Deputation erklärte, die Juden hätten diesmal einen neuen Beweis erhalten, daß die katholische Geistlichkeit in Polen ihre erhabene Mission verstehe, nnd daß das von ihr beeinflußte Land seinen bekannten Traditionen in Bezug auf religiöse Toleranz treu geblieben sei. Sie betheuerten zugleich, um so eifrigeres Streben an den Tag legen zu wollen, damit die jüdische Bevölkerung ihren Bürgerpflichten dem Lande gegenüber gewissenhaft Nachkomme. Feuilleton. Aus dem Tagevuche eines Iezirks- Aabbiners. XV. Hatttenfels, im October. Es gibt wenige das jüdische Leben der Gegenwart berührende Fragen, die während meines dreistündigen Besuchs bei Herrn Waldberg nicht wenigstens gestreift wurden/ Die großartige Auffassung des Judcnthums und der Judcnheit, wie sie der wackere Greis bei dieser Gelegenheit entwickelte, hinterließ einen tiefen Eindruck bei mir, selbst wenn die Darstellung hie und da ein etwas paradoxes Colorit annahm. Ich brauche die Dbtails nicht in mein Tagebuch niederzuschreiben, denn sie werden mir auch ohnedies unvergeßlich bleiben. Sie passen auch gar nicht in den Rahmen meiner übrigen Hattenfelser Erlebnisse. Als es zu dämmern anfing und ich meinen Wirth daran erinnerte, daß es wohl Zeit sei, zur Synagoge zu gehen, sagte er, daß er mich nicht davon zurückhalten wolle, er gehe aber schon länger als 20 Jahre nicht an Sabbatausgang zur Synagoge, weil sie dort meistens gerade am nua? ’nsio eine so unheimliche Hast entfalten, daß man mit dem Maariwgebet vollständig zu Ende ist, ehe es nur vollständig Nacht geworden ist. Ich glaubte Herrn Waldberg zu beruhigen, indem ich ihm sagte, daß diese keine Hattenfelser Eigentümlichkeit, sondern eine leider auch in frommen Gemeinden vielfach herrschende Unsitte sei. Herr Waldberg ließ das aber nicht gelten. In frommen Gemeinden, meinte er, in denen der rov gewissenhaft gehalten wird, hat der y-n -is* mindestens eine Ausrede, den Ausgang des ratp zu beschleunigen Ein Jehudi, der z. B. am keine Geschäftsbriefe öffnen läßt, mag vielleicht den frühen Ausgang des Sabbat mit Rücksicht auf seine geschäftliche Neugierde entschuldigen. Aber in Hattenfels, wo sie auch ani Sabbat mit ihrem Denken und Sprechen sich nicht aus ihrer Werktagstretmühle

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