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Der Israelit · 1881-06-08 · Heft 23 (8.6.1881) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 23 (8.6.1881)
Date
1881-06-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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566 Haben sie doch Reichthümer gesammelt, die Andere zu sammeln nicht verstanden, haben sie doch Schätze gefunden, die Andere nicht entdecken konnten, haben sie doch Wege gebahnt, die für Andere verschlossen blieben. Da steckt schließlich die eigene Spitze des Dolches, die man dem Juden auf die Brust setzt: reich ist er geworden! Man haßt eben wen man beneidet! Nun aber frage ich, wie stünde es denn, wenn der Jude nicht reich geworden wäre, ganz abgesehen von den Tausenden, die arm und mühselig „im Staube der Straße" dahin ziehen, uud kaum das tägliche Brod verdienen, wie stünde es denn, wenn der praktische und intelligente Jnde sich nicht des Handels und der Industrie bemächtigt und sie auf einen relativen Höhepunkt gebracht hätte? Stünde es dann wirklich besser um die Andern? Würdet Ihr Anderen es besser haben, mehr verdienen? Das Gesetz legt doch nicht Euch, sondern gerade den Juden Hindernisse in den Weg! Er überwindet sie, Ihr aber — ja warum schlaft denn Ihr, statt Euch zn rühren, ihm den Weg zu verlegen?! Ihr seid doch die Mehrzahl, die Geschützten, die Bevorzugten, ja selbst die Reicheren, denn Ihr selbst sagt.es ja, der Jude beginne arm und werde dennoch schnell reich. Auch hierauf habt Ihr eine Antwort: „Der Jude scheue kein Mittel, um zu verdienen, er sei gewissenlos, darum könne man mit ihm nicht konkurriren!" O, Ihr Tug« ndhelden! O, Ihr Splitterrichter! Ich habe bis jetzt in den schlimmsten Judenfeinden nichts weniger als die moralischsten und gewissenszartesten Seelen gesunden. Scheut Ihr denn die schlechten Mittel, wenn Ihr sie kennt und es versteht, sie ohne „Gefahr" zu benutzen? Ist Euer Gewissen rein und vorwurfsfrei in Geschäft und Verkehr, in Amt und Stellung? O nicht doch! Aber an Intelligenz, an Arbeitskraft und Arbeitslust, an Ausdauer fehlt es Euch, und daß der Jude diese Eigenschaften besitzt und Euch dadurch überflügelt, wurmt Euch. Seid doch froh, daß er für Euch mit denkt, und wenn er aus den Quellen des Landes, aus Handel und Industrie Reichthümer zieht, so vergeht nicht, daß die Reichthümer dem Lande bleiben und ihm zu Gnte kommen, Euch auch, jedem Einzelnen im Kleinen, dem Ganzen aber im Großen! Hieraus — wofern ich nicht unrecht habe — folgt, daß es nicht um ein Haar besser um Rußland stünde, wenn kein Jude darin existirte, kein Jude reich wäre. Schlechter vielmehr stünde es um Land und Leute; denn der Jude hat neben seinen unleugbaren Nationalfehlern auch seine Nationaltugendcn, und dazu gehört nächst seineni Sinne für die Familie, den kein Volk in diesem Maße besitzt, in erster Reihe sein Wohlthätigkeitssinn. Der Jude thut wohl im Kleinen wie im Großen und über das ganze Land hin kann man die Spuren davon sehen. Wäre der Jude nicht reich, Andere wären trotzdem sicher nicht wohlhabender, als sie es eben durch eigene Kraft werden konnten (eher haben Konkurrenz und Vorbild ihren Eifer gespornt), dem Armen dagegen ginge verloren, was der wohlhabende, was der reiche Jude spendet, und ich wünschte nur, es ließe sich eine Statistik darüber zusammenstellen, wieviel das ist; die Welt würde staunen! — Thut aber der Jude nach Eurer Meinung zuviel für die Seinigen (wem wären die Seinigen nicht die Nächsten!) nun so macht ihn zu dem Eurigen und er wird mit Herz und Gefühl thun, was er jetzt aus Wohlthätigkeitssinn thut, — Ihr alle werdet ihm die Seinigen sein! .... Gebe man mir zu, daß der Jude Handel und Industrie gehoben hat, so will ich ja andrerseits auch gerne zugeben, daß er mit Wucher und Schacher dem Lande schade; ob aber der Christ weniger als der Jude, das bliebe doch noch zu beweisen. Möge man dagegen Gesetze schaffen, rigorose Gesetze, aber keine Gesetze gegen Juden, sondern gegen alle Uebertreter der Vorschriften des Rechtes und der Moral. Es gibt deren genug, auch unter uns Christen." Unter den in Kiew anläßlich der Ruhestörungen verhafteten Personen haben sich nach dem offiziösen „Kiewljanin" sehr wenige, zu den sogenannten intelligenten Klassen gehörige Personen gefunden, und auch diese wenigen waren schon längst als Trunkenbolde bekannt und zählten sozusagen zu den Kiewer Sansculotten. Als Beweis dafür, aus welcher Sorte von Menschen die tumnltirende Menge bestand, mag der Umstand dienen, daß seit jenen Verhaftungen alle kleinen Diebstähle und jeglicher Straßenunfug in Kiew gänzlich aufhörten. Der Polizei nachstehende Personen erklären diese Erscheinung damit, daß eine bedeutende Anzahl Kiewschen Diebsgesindels hinter Schloß und Riegel gerathen sei, die in Freiheit gebliebenen aber entweder mit dem Verwischen der Spuren ihrer Vergehen beschäftigt sind, oder Wider Willen ihre Thätigkeit eingestellt haben, angesichts der Schwierigkeit, das gestohlene Gut an die bisherigen Hauptabnehmer, die Juden, abzusetzen. — Der General-Gouverneur von Moskau, Fürst Dolgorukow, hat eine Bekanntmachung erlassen, welche Ansammlungen aus den Straßen verbietet. Zuwiderhandelnde werden dem Kriegsgerichte unterstellt. Der General-Gouverneur erwähnt der Gerüchte über bevorstehende Judenverfolgungen in Moskau und erklärt, er werde solche durch Militärmacht verhindern; die Juden genössen den Schutz der Gesetze wie alle übrigen Staatsbürger. Dieser Erlaß soll beruhigend gewirkt haben. Warschau, 2. Mai. Die „Pol. Eorr." erhält von hier folgende Zuschrift des Vorsitzenden in: Vorstände der jüdischen Gemeinde, Dr. Ludwig Natanson:

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