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Der Israelit · 1881-06-08 · Heft 23 (8.6.1881) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 23 (8.6.1881)
Date
1881-06-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXII. Jahrgang. Ziveitk Leilage ui tlr. 23 -es Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, den 8. Juni. Wir haben soeben sür die Armen, Nothleidenden re. im heiligen Lande die Summe von 3690 Mk. 44 Pf. an das Centralcomitk zu Amsterdam geschickt. Die Summe der von uns in diesem Jahre gesammelten und übermittelten Gelder beträgt nunmehr 9888 Mk. 95 Pf. Aus Bayern, 30. Mai. In Würzburg wurde auch die Nr. 6 des dort erscheinenden „Antisemit" wegen eines Gedichtes gegen die Juden confiscirt. Rußland. Petersburg. Wie der Russe seine Hoffnungen von einem festlichen Tage auf den andern verschiebt, so knüpft er auch seine Befürchtungeu an Festtage an. Es circulirt hier das Gerücht, daß es am zweiten Pfiugstfciertage gegen die Juden losgehen solle. Wahr ist jedenfalls, daß die Bewegung in Odessa und Kiew hier nicht ohne Einfluß geblieben ist. Mir erzählte ein hiesiger angesehener Israelit, der vor mehreren Tagen einen nahen Verwandten begraben hatte, daß der Leichenzug durch Schimpfreden Vorübergehender mehrfach insultirt sei. Das ist ein höchst bedenkliches Zeichen, da der Russe vor Leichen eine eigentümliche Scheu hat und keinem Leichenzug seine Reverenz versagt. Im Uebrigen sind hier ohne Zweifel seitens der Regierung sehr scharfe Maßregeln getroffen worden, um energisch jeder Bewegung entgegen zu treten. Die Schwierigkeit der Situation wird vom Stadthauptmann keineswegs verkannt. Es ist merkwürdig, wie schnell die Bevölkerung für einen allgemeinen Scandal empfänglich geworden ist! Roch vor einem halben Jahre, als die Judenhetzen in Berlin im besten Flor standen, glaubte man die Juden vor Hetzereien aus dem Volke — die Negierung hat mit ihnen immer ziemlich kurzen Prozeß gemacht — nirgends sicherer als in St. Petersburg. Petersburg, 24. Mai. Eine aus Ssaratow und Ssamra eingetroffene Bürgerdeputation beabsichtigt, den Kaiser zu bitten, die Errichtung einer Bürgerwehr mit militärischer Organisation wegen der im Süden bewiesenen Unzulänglichkeit der Polizei _ gegenüber den Unruhen zu gestatten. — Die hiesige „Börsenzeitung" tadelt den Goldverkauf Seitens der Reichsbank als künstliche mißlungene Erhöhung der Eourse und sagt: Die Bank beabsichtigte, das effectvolle Circular des neuen Ministers des Innern zu beleuchten. Sie erklärt bündig, eine Eourshebung sei nur möglich, wenn Ordnung herrsche und die Judenhetze aufhöre. — Rach dem gestrigen freundlichen Empfang der Judendeputation beim Kaiser beginnt das Hetzblatt „Rowowremja" eine Meinungsänderung. Petersburg, 25. Mai. Die jüdische Deputation, welche vorgestern in Gatschna vom Kaiser empfangen wurde, bestand aus folgenden Personen: Baron Günzburg, A. I. Sack, A. I. Paffower, E. B. Bank und G. M. Berlin. Der Verlauf der Audienz ist bekannt. — Zu der Judenhetze veröffentlicht die konservative und streng evangelische deutsche ,/Lt. Petersburger Zeitung" ein Eingesandt „von einem Christen", dem wir die folgenden treffenden Bemerkungen entnehmen: Als vollkommen Unparteiischer, soweit es möglich ist, für das Recht nicht Partei zu ergreifen, — möchte ich nämlich jene ovscenen Publizisten, die ihre Ansichten durch bissige, persönliche Angriffe verteidigen, fragen, ob sie wohl eine Idee davon haben, wie viel jene geschmähten Juden, deren Einige sie glaubten an den Pranger der Oeffentlichkeit stellen zu müssen, jfür das Wohl Rußlands gethan haben? Nicht etwa nur für die jüdischen Gemeinden, die jüdischen Schulen, die jüdischen Asyle, nein, ich meine sür rein christliche Anstalten, oder für speziell christliche Zwecke, für den Bau von Kirchen und Schulen, für Armenhäuser und Wohltätigkeits-Anstalten, für das Rothe Kreuz und das Gefängnißkomitee, für Ueberschwemmte und Abgebrannte, ohne Ansehen der Konfession! Und wie dankt ihnen das Land? Nicht allein mit Spott und Hohn, mit Fluch und Verachtung lohnt es ihnen, nein auch an Hab und Gut, an Leib und Leben bedroht es sie! — Freilich doch!

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