Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1881)
- Date
- 1881-06-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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560 Feuilleton. Air Jugendfreunde. Von A. Königshofen. XXI. Acht Jahre waren seit den zuletzt erzählten Begebenheiten verflossen, und oer junge Geistliche, dessen Unterredung mit Arno wir zu belauschen Gelegenheit hatten, war unterdeß zu einem vielgenannten Redner geworden. Der Name des Hofpredigers Stöcker galt jetzt als Gattungsname für alle Diejenigen, die mit unerbittlichem Haß gegen Juden und Judenthum zu Felde zogen. Die Judenhetze war eine Modesache geworden. Judenfeindliche Stimmen wagten sich gleich nach Beendigung des französischen Krieges an die Oeffentlichkeit, diese Stimmen aber waren nur vereinzelte, ja zumeist noch in einer anständigen Tonart gehalten, daß man dieselben als den Ausdruck eines Nationalgesühls, wenn auch eines kranken, begreifen konnte. Es waren nicht die niederen Leidenschaften angerufen, nicht Worte, die geradezu zum Haß und zur Verachtung aufforderten, sondern das Nationale war hervorgekehrt und aus der falschen Prämisse, daß weil die Juden aus dem Orient stammten, sie auch nicht deutsch fühlen und denken könnten, eine Reihe von falschen Folgerungen gezogen. Solche Ausschreitungen wird es nach jeder bedeutenden nationalen Erhebung geben, Fanatiker derNationalität werden dann immer auf Grund der Stammbäume exclusive Theorien aufstellen und zur Geltung zu bringen suchen. Aber dabei blieb es nicht; unter dem Aushängeschild des Patriotismus und deutscher Gesinnung begannen dunkle Existenzen ihr Wesen zu treiben, denen die Scandalsucht und die Lust am Scandale eine willkommene Gelegenheit bieten sollten, ihre zerütteten Finanzen ein wenig aufzubeffern Die traurigen Geschäftsverhältnisse, eine natürliche Folge des plötzlichen Milliardensegens, der sich zum Unsegen umwandelte, gaben die Veranlassung, den Juden all den Jammer aufzubürden, welchen der unselige Gründungsschwindel der ersten siebenziger Jahre im Gefolge hatte. Eine Fluth unsauberer Schmähschriften überschwemmte Deutschland, die niedersten Leidenschaften wurden aufgestachelt und unverhüllt wurde es ausgesprochen, daß man dreinschlagen müsse, um sich der Juden zu erwehren. Durch die Haltung angesehener conservativer Männer fühlten jene traurigen Agitatoren in ihrem wüsten Treiben sich ermuntert. Bei jenen waren es politische Gründe, daß ihnen die Judenhetze willkommen war; war ja die Emancipation der Juden ein Werk des Liberalismus, und diesem, der ihnen zu mächtig zu werden drohte, wollte man gar gern einen Schlag versetzen. Sie wollten weniger die Juden als die liberalen Ideen des neunzehnten Jahrhunderts treffen. Jetzt stieg nun Stöcker auch in die Arena dieses unsauberen Kampfes herab. Er, dessen Stellung ihn vor ein glänzendes Auditorium führte, ließ dieses und wählte sich das der Bierkneipen. Es ist eine Art von Selbstverleugnung, wenn, um die Menschen zu verbessern und zu veredlen, der Mann des Wortes das Parquet der vornehmen Säle verläßt, um unter Tabaksgualm und Bierdunst Liebe und Einigkeit zu predigen. Je widerwärtiger wird aber solches Gebühren, wenn Haß und Zwietracht in das Herz des Volks gestreut wird, je höher der Mann gesellschaftlich steht, der sich in solcher Weise angeblich zum Volke herabläßt. Es war die social-christliche Versammlung des Herrn Stöcker wieder sehr stark besucht. Der Herr Hofprediger hatte gesprochen, und seine Rede war stellenweise von stürmischen Bravo's unterbrochen worden. Aber auch Zischlaute hatten sich vernehmbar gemacht. Denn damals war noch der Besuch dieser Versammlungen Jedem gestattet, und ein großer Theil war nur des Amüsements wegen gekommen, aber Viele hatten sich auch eingefunden, um die unberechtigten Angriffe auf die Inden abzuwehren. Herr Stöcker hatte also geendet, und die Discussion begann. Ein Mann, der sich als früherer Gutsbesitzer der Versammlung vorstellte, wollte aus seiner eigenen Erfahrung den schädlichen Einfluß, welchen der Jude namentlich auf dem Lande übe, Nachweisen. Er habe einen ansehnlichen Complex von Ländereien besessen, Alles sei nach und nach in die Hände der Juden übergegangen, nun sei er von Haus und Hof getrieben. Dagegen behauptete nun ein schlichter Handwerker aus der Stadt, daß er die Juden nur^ von der besten Seite kennen gelernt habe, sie zahlten alle prompt, und es wäre an ihnen etwas zu verdienen; was den früheren Herrn Gutsbesitzer betreffe, so wolle er nur fragen, ob denn dessen Verarmung an den Juden läge, ob nicht er selbst die Schuld trage 2 Na, meinte jener, wenn die Jtzigs, die Cohns, die Schmuls Logen im Theater hätten, dürfe er als altadliger Herr doch sich auch einmal ein Vergnügen gönnen, ohne daß ihn das arm machen dürfte. Er habe höchstens drei Jagdpartien im Winter mitgemacht und über zwei Flaschen Wein habe er sich selten Abends im Wirthshause erlaubt. Warum solle er als eingeborner altadliger Preuße sich nicht eine kleine Erholung gönnen dürfen, wenn die Frau Jtzig jeden