Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1881)
- Date
- 1881-06-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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556 Wenn wir das Verhältniß der Judenchristen zu den Juden in jener Zeit näher ins Auge fassen, so werden wir ernennen, daß der oben erzählte Vorgang von der größten Bedeutung und Wichtigkeit war. Die Schüler und Anhänger des Stifters der christlichen Religion unterschieden sich nur im Glauben von den Juden. Sie verkehrten, wie wir gesehen haben, mit den Juden und verkündeten Gesetzesauslegungen, welche die Halachah betrafen, im Namen ihres Meisters; sie besuchten die Synagogen, und die Apostel predigten daselbst*). Unter diesen Umständen konnte es natürlich nicht ausbleiben, daß viele, und manchmal auch hervorragende Juden zu der neuen Sekte hinübergeführt wurden. So wird uns im Midrasch Kohelet erzählt, daß Chanina, der Vrudersohn des Rabbi Josua ben Chananjah, beinahe zum Abtrünnigen geworden wäre, wenn ihn nicht sein Oheim gerettet hätte, und Chanina war doch einer der hervorragendsten Männer seiner Zeit, da von ihm berichtet wird, daß er, als er später nach Babylon auswanderte, seinesgleichen nicht im heiligenLande zurückließ. Im Midrasch Kohelet werden uns noch mehrere Beispiele erzählt, wie gefährlich die nahe Berührung mit der neuentstandenen Sekte selbst bedeutenden Männern wurde. Daher war es von der größten Wichtigkeit, daß durch Rabbi Akiba veranlaßt, Rabbi Elieser öffentlich vor seinen Schülern bekannte, daß er Unrecht daran gethan habe, die Halachah mit einem Manne zu discutiren, der schon völlig außerhalb des Judenthums stand. Während Rabbi Elieser noch mit seinen Schülern sprach, trat ein schöner Jüngling herein, dessen Tracht ihn als einen vornehmen Römer erkennen ließ. „Verzeih' mir, Rabbi," sprach er, „daß ich Dich hier aufsuche; ich habe Dich heute beim Proconsul gesehen. Da habe ich mir vorgenommen, bei Dir Belehrung zu suchen. Mein Name ist Aquila; ich bin ein naher Verwandter des Kaisers. Ich wurde von einem Pädagogen erzogen, den der Vater des Kaisers aus dem jüdischen Kriege in das Haus meiner Eltern brachte. Von ihm habe ich die hebräische Sprache erlernt und seitdem habe ich mich viel mit Eurer Thora beschäftigt; ich habe gelesen, daß ein einziger Gott die Welt erschaffen und Israel zu Seinem Volk erwählt hat. Ich möchte mich Eurem Volke anschließen; aber sage mir eins, Rabbi. Es heißt im 5. B. M. Cap. 10, Vers 17 u. 18: Denn der Ewige Euer Gott ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der mächtige, große, *) Actor. Xlll, 14, 15; b«f. XIV, 1; das. XVII1, L u. 17. gewaltige, furchtbare Gott, der kein Ansehen achtet und keine Bestechung nimmt, der da Recht verschafft der Waise und der Wittwe, der da liebt den sich dem Judenthume anschließenden Fremdling, ihm zu geben Brod und Gewand. — Nun sage mir, Rabbi, ist das die Liebe, die Gott dem Fremdling erweist, das er ihm Brod und Gewand in Aussicht stellt? Wahrlich, meinen Sclaven, die ich belohnen will, stelle ich Pfauen und Fasanen in Aussicht!" Da zürnte Rabbi Elieser und sprach: „Wir brauchen keine Proselyten, und gewiß nicht solche, denen nicht einmal genügt das, was unser Vater Jacob sich erbeten hat, Brod zum Essen und Gewand zum Anziehen." Betrübt ging Aquila von dannen. Rabbi Akiba aber ging ihm nach und sprach zu ihm: „Wolltest Du nicht, o Fremdling, Deine Frage einem Andern unserer Lehrer vortragen?" „Wohl, antwortete Aquila, führe mich, und ich werde Dir folgen." Und Rabbi Akiba führte ihn zu Rabbi Josua ben Chananja, vor dem Aquila seine Frage wiederholte. „Mein Sohn," sprach Rabbi Josua, „wenn ein Fremder aus reiner Absicht und in Folge gewonnener Ueberzeugung dem Judenthume sich anschließt, so kann er groß werden in der Thora, die da das Brod ist, mit dem Gott uns speist, und er wird einst sich hüllen dürfen in die Gewänder des Heils, mit denen Gott uns bekleidet in der künftigen Welt; er kann seine Tochter, die im Judenthum geboren wird, einem Priester verheirathen und sein Enkel kann Hoherpriester werden, der mit den heiligen Priestergewändern bekleidet, darbringt Ganzopfer auf dem Altar, die da gleichfalls sind das Brod unseres Gottes." „Habe Dank, Rabbi," sprach Aquila, „für diese Deine Erklärung und gestatte mir, unter Deiner Leitung in der Lehre des einzigen Gottes zu forschen." Rabbi Akiba aber sprach: „An Dir, mein Lehrer, hat sich erfüllt das Wort des weisen Königs: Besser ist der Langmüthige als ein Held. — Ohne Deine Langmuth wäre Aquila dem Judenthume entfremdet worden*). (Fortsetzung folgt.) *) Vergleiche Koheleth Rabbah, Paraschah 7; man muß jedoch die dort durch Fehler entstellte Lesart nach Bereschith Rabbah Paraschah 70 richtig stellen. Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des .Israelit' große Bleiche 45. I. GottSIeben'» Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).