Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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538 Weh über derartige elende Spaßmacherei bedeutet). Es versteht sich von selbst, daß dieser Gassenbubenstreich eben nur als solcher ausgenommen wurde und keine weitere Erregung hervorgerufen hat, als nur ungeheurre Heiterkeit. Ein jüdischer Federviehhändler benutzte sogar die Sache als Geschäftsreclame, indem er in der Zeitung annoncirte, daß er, da er als Jude doch nur noch bis Freitag Abends zu leben habe, den Rest seiner Fettgänse zu ermäßigten Preisen verkaufen wolle. Uebrigens sind bereits Maßnahmen getroffen worden, den Verfasser der sauberen Placate zu ermitteln. Die Synagogenfrage ist vorläufig dahin erledigt, daß die Polizeibehörde die Benutzung der beiden Betschulen noch bis zum 1. April k. I. gestattet, aber unter der Bedingung, daß bis dahin für Herstellung einer den Anforderungen der Baupolizei entsprechenden Synagoge oder Beseitigung der vorhandenen Mängel gesorgt werde. Ein junger academisch gebildeter Chemiker (russischer Israelit) beabsichtigt in Verbindung mit einem hiesigen jüdischen Fleischer hier eine Fabrik koscheren Fleisch-Extractes zu errichten. Nicht nur, daß diese Fabrikation hier überhaupt noch nicht vertreten, so gewinnt das Unternehmen noch dadurch eine allgemeine Bedeutung, daß es ausschließlich die Herstellung des Fleischcrtractes aus dem Fleische rituell geschlachteter Thiere im Auge hat, wodurch es dem religiösen Juden ermöglicht wird, sich dieses stärkenden Nahruugsftoffes, der ihm bisher ungenießbar bleiben mußte, ebenfalls zu bedienen. Garantie für die Güte der Qualität bietet die Fachkenntniß des jungen, strebsamen, überdies mit Betriebsmitteln reichlich ausgeftatteteu Unternehmers; in ritueller Beziehmlg bürgt hinlänglich die Religiosität desselben. Uebrigens wird in dieser Beziehung die Fabrikation wohl nicht ohne Aufsicht Seitens des Gemeinde- Rabbiners Herrn Dr. Feilchenfeld bleiben. R u ß l a n d. Aus der Fülle der zum Theil leider schwer zu controllirenden Nachrichten über die scheußliche Judeuhetze in Südrußland heben wir noch Folgendes hervor. Man schreibt der „K. Z." aus Odessa, 17. Mai: Die schon lange Zeit in dem niederen Volke gegen die Juden herrschende Gährung sollte bereits in den Feiertagen zum Ausbruch kommen. Die starke militärische Besatzung der Stadt jedoch, noch mehr aber anhaltender Regen verhinderten an diesen Tagen sowie an dem folgenden Sonntage größere Zusammenrottungen; der letzte Sonntag dagegen war vom Wetter außerordentlich begünstigt. Das Militär stand zwar marschbereit in den Kasernen und auch von der Polizei waren verständige Anordnungen (Verbot des Branntweinausschankes u. s. w.) getroffen worden, doch zeigten sich nur sehr selten Patrouillen, wodurch die Frechheit des Pöbels noch mehr stieg. Eine beängstigende Spannung herrschte in der ganzen Stadt, kein Magazin war geöffnet, was an den christlichen Feiertagen sonst bei den den Juden gehörenden Magazinen stets der Fall ist, ebenso waren in den von Juden bewohnten Stadttheilen alle Hausthürcu und Fensterläden geschlossen und hinter den durch eiserne Gitter geschützten Fenstern drängten sich Kops an Kopf die geäugftigten Bewohner, ihrem Schicksal in stummer Ergebung entgegensehend. Endlich brach der schon seit frühem Morgen erwartete Sturm ohne besondere Veranlassung Nachmittags gegen 5 Uhr los. Ein entsetzliches Pfeifen und Schreien ertönte vom Tolschok (Krammarkt), wo eine Bande von über 100 Manu Arbeitern und Vagabunden, Bessergekleideten und Lumpen, Alten und Jungen, alle Verkaufsbuden zerstörten. Dasselbe geschah zu gleicher Zeit aus den: alten und dem griechischen Bazar, von wo sich der Aufruhr in wenigen Minuten über die ausgedehnte Stadt ausbreitcte. Von den Wachtthürmcu wehten als Alarmsignale blutrothe Flaggen, Militäruuterstützung für die au Zahl zu schwache Polizei herbeirufend. Doch inzwischen nahm der Unfug immer größere Ausdehnung an; die tobende Menge wuchs zu Tausenden. In der Tiraspolskaja, Uspenskaja- und Kriwaja-Straßc, in denen sich die öffentlichen Häuser befinden, deren Besitzer fast nur Juden sind, drangen die Aufrührer schon sin die Wohnungen und warfen Möbel und Betten auf die Straßen. Aus einzelnen Wirthshäusern wurden bereits Fässer mit Wein und Schnaps auf die Straßen gerollt, dort anfgeschlagcn und ausgetrunken, selbst im Kern der Stadt, in der griechischen Richelieu- und in unserer Hauptstraße, der Rue de Ribas, wurden daun bei Juden und Christen Fenster und Thüren zertrümmert und mit Ausplünderung einzelner Magazine begonnen, als im äußersten Augenblick, ungefähr eine halbe Stunde nach Beginn des Aufruhrs, das Militär in die Stadt einrückte und die Hauptplätze besetzte. Durch starke Infanterie- und Kosaken- Patrouillen unterstützt, konnte jetzt erst die Polizei ihre Thätigkeit mit Erfolg wieder aufnehmen, da vorher die Verhafteten stets durch die Uebermacht des Volkes wieder befreit worden waren. Schon nach 6 Uhr war die tobende Menge zerstreut, einige 100 Mann festgenommen und die Ordnung wiederhergcstellt. Im Allgemeinen hatten sich die Juden trotz ihrer großen 'Anzahl (Odessa zählt 80,000 jüdische Einwohner) vollkommen passiv verhalten und bei der Vernichtung ihres Eigenthums nur auf lautes Jammern beschränkt. In dieser Weise entgingen sie