Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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539 auch meistens Mißhandlungen. Nur in sehr vereinzelten Fällen traten sie in überwiegender Zahl den Angreifenden entgegen, was zu scharfen Kämpfen und beiderseits zwar starken aber nicht tödtlichen Verwundungen führte. Feuerwaffen scheinen nicht zur Anwendung gekommen zu sein, dagegen auf beiden Seiten scharfe Waffen und dicke Stöcke. Das Vorgehen der Polizei und des Militärs war äußerst energisch, es zeichneten sich hierbei besonders die Kosaken aus. Von ihren leichten Pferden herab ergriffen sie im schärfsten Trabe die Flüchtenden, drängten das Volk im schnellsten Schritt zurück, ohne Jemanden zn verletzen, immer rechtzeitig das Pferd parirend; die Gewandtheit der Rosse, sowie der Reiter war wirklich bewundernswerth. Des Nachts bivouakirte das Militär auf den größeren Plätzen und durchstreifte in Patrouillen ununterbrochen die Stadt, in der nun die Ruhe vollkommen hergestellt war. Gestern Nachmittag begann der Unfug tu den anfangs genannten Straßen zwar noch einmal, doch die Aufrührer, von allen Seiten umstellt, beruhigten sich bald wieder und wurden während der Nachtstunden nach und nach festgenomnien und auf zwei im großen Hafen liegende Lastschiffe gebracht, wo die aufgeregten Gemüther während der kalten Nacht hinreichend "Gelegenheit fanden, sich abzukühlen. Die Lage der Verhafteten, welche übrigens keiner harten Bestrafung entgegengehen, ist dadurch außerordentlich komisch, daß auf dem einen Schiffe die sestgenomnieuen Russen (800), auf dem andern aber die verhafteten Juden (150) gefangen sitzen. Diese letzteren haben sich ebenfalls Vergehen zu Schulden kommen lassen, welche ihre Festnahme zur Folge hatten. Es ist jedoch im höchsten Grade bedauerlich zu sehen, daß auch Schüler der höheren Schulanstalten und Leute besserer Stände zu den Aufrührern gehörten. Der verursachte Schaden dürfte 20,000 Rubel nicht übersteigen. Ein Frauenzimmer und sieben Männer, darunter vier Juden, sollen ernstlich verletzt worden sein. Am 18. Mai wurden die ersten Urtheile über die Unruhestifter in Schmerinka gefällt. Als Haupturheber wurden zwei Personen hingestellt: der Chef einer kleinen Eisenbahnstation Padrin, und der frühere Conducteur Gaskow; beide wurden zu dreimonatlicher Haft verurtheilt. 80 Personen wurden Gefängnißstrasen von 10 Tagen bis zu einem Monat zuerkannt. — In Podwoloczyska (österreichische Grenzstation) eingelangte Nachrichten von jenseits der Grenze lauten beruhigend; die Flüchtlinge kehren zurück. Von 400 Personen sind etwa 250 in Podwoloczyska zurückgeblieben. — Die Polen suchen die Schuld an der Beunruhigung der Juden in Warschau deutschen Agitatoren zuzuschieben. Es werden sogar einzelne Namen genannt, indessen wird man gut thun, alle diesbezüglichen Nachrichten mit der größten Vorsicht aufzunehmen. Aus Petersburg. Von Seiten der russischen Regierung ist bekanntlich verbreitet worden, daß die Judenhetzen in Südrußland durch die Nihilisten oder andere, aus dem Norden gekommene Persönlichkeiten veranlaßt worden seien. Dem gegenüber behauptet nun aber im „Kiewljänin," also in einen: offizösen Blatte, ein Correspondent, welcher als Augenzeuge den Ereignissen in Kiew beigewohnt hat, daß an all' den Gerüchten nichts sei.' Derselbe schreibt: „In Folge aufmerksamer Beobachtung kann ich vollständig alle Gerüchte dementireu, au den Unruhen hätten irgendwelche augereiste junge Leute in Hüten und Brillen theilgenommeu, die erst auf den Klavieren gespielt, ehe dieselben zerbrochen wurden. Ich bin der Ansicht, daß alle ähnlichen Gerüchte, wenn wir über die Vorgänge in anderen Städten Berichte von Personen hätten, die spstematisch die Handlungen des Pöbels beobachtet, sich als erfunden, als Märchen erweisen würden " Ein anderer Augenzeuge erklärt in sehr origineller Weise den Grund der Hetze. Der Pöbel soll nämlich der Meinung gewesen sein, daß er ein sehr gutes Werk vollführe, das ihm sogar anbesohlen sei. „Als wir," schreibt dieser Augenzeuge, „uns bemühten, das Volk zu beruhigen, antwortete man uns in völlig überzeugtem Tone: „Es ist befohlen, die „Krämer," auszurotten. Einen „Krämer" bezeichnen die Kleinrusseu aber mit dem Wort „Kramornik" und so war denn aus dem Wort „Kramolnik" (der Rebelle) „Kramornik" (der Krämer) entstanden. Da nun die meisten Juden Krämergeschäfte treiben, so glaubte das Volk, es werde von der Regierung aufgefordert, die „Krämer" (Kramornik) zu bekämpfen und siel daher über die Juden her." Das Ganze klingt wenig wahrscheinlich, da unter den Krämern auch sehr viele Russen sind, diese aber nicht belästigt wurden. Trotzdem glaubt der „Golos" an diese Erzählung, denn er bemerkt zu derselben: „Dieser Umstand dürfte auf die Nothwendigkeit Hinweisen, zum Volke in einer ihm verständlichen Sprache zu reden und alle ihm unverständlichen Ausdrücke zu vermeiden. Es ist ja bekannt, daß einige Worte in dem denkwürdigen Manifeste vom 19. Februar 1861 in einzelnen Fällen von den Bauern ebenfalls falsch verstanden worden. Sehr verständig spricht sich der „Porjadok" ans, welcher schreibt: Das Wichtigste bei einer solchen Lage der Dinge — ist die Berechtigung der Presse, ihre Stimme frei vor dem ganzen russischen Volk zu erheben, das Recht freier Beurtheilung aller Verhältnisse und Bedingungen unseres inneren Lebens. Dann