Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-06-01 · Heft 22 (1.6.1881) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 22 (1.6.1881)
Date
1881-06-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447870--17597-2473608
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

530 füllt sind, in den Straßen campiren lun^teir. Ten in Woloczyska zurückgebliebenen Juden gelang es für dieses Mal den Angriff abzuschlagen. Am 16. Mai kehrten die Flüchtlinge nach Woloczyska zurück, um ihre Habseligkeiten über die Grenze zu schaffen. Ein langer Zug von Bauernwagen mit Getreide, Hausgeräthe und Bettzeug beladen, bewegte sich fortwährend über die Straße, dazwischen Wagen mit Wöchnerinnen, Kranken, Greisen und Kindern, begleitet von Flüchtlingen. Am Abend desselben Tages brachen stärkere Rotten, bewaffnet mit Aexten, Brecheisen und Revolvern in Woloczyska ein., Fast alle Häuser wurden demolirt, darunter auch die Gemeindeapothekc. Am 17. wurde unter passiver Assistenz der russischen Gendarmerie das Zerstörungswerk fortgesetzt. Tags darauf erst kam russisches Militär an. Das Elend unter den über die Grenze Geflüchteten ist groß. R u ß l a n d. Heber die Judenhctze in Kiew theilt man der „N. Fr. Pr." noch folgende Einzelheiten mit: Der ganze hiesige Bazar, ungefähr 600 Läden, wurde geplündert: die Maaren wurden auf Fuhren geladen und nach den umliegenden Dörfern geschleppt; was man nicht mitnehmen konnte, wurde zerrissen, in den Fluß geworfen oder mit den Füßen in den Koth getreten. Mehr als 400 Judenhäuser sind zerstört, die Einrichtungsstücke derselben vernichtet. 1170 jüdische Familien (circa 6000 Seelen) sind brodlos, an den Bettelstab gebracht. Dies Alles geschah am Hellen Tage, in Gegenwart des Militärs und der Polizei! Bon Todesfällen ist zwar wenig zu hören, dagegen von einer Masse Verwundungen. Ans der Straße wurden Uhren aus den Taschen geraubt, Ringe von den Fingern gezogen und wenn dies nicht leicht ging, der Finger abgebissen, Ohrringe aus den Ohren der Damen gerissen. Auch wurde Frauen Gewalt angethan. Das Elend, das hierdurch hervorgerufen wurde, ist ein fürchterliches und Unterstützung thäte dringend noth." — Von anderer Seite wird über den ersten Anstoß zu den Unruhen gemeldet: "Nachdem in den ersten drei Tagen der Ostern Alles ruhig geblieben war, zogen die in Jelisawetgrad konzentrit gewesenen Truppen wieder ab. Am anderen Morgen, Mittwoch, waren in der ganzen Stadt und Umgegend Plakate von offizieller Form angeschlagen, worin bekannt gemacht wnrde, der Kaiser habe aus Liebe zum Volk die Branntwein-Accise (die sehr hoch ist, ganz aufgehoben, so daß von nun an eine „Kruschka" Schnaps nur jnoch 2 Kopeken anstatt 8 Kopeken koste. Das ganze Volk stürzte sich nun in die Schänken, und da die Juden immer noch 6 Kopeken für den Schnaps forderten, ging selbstverständlich der Spectakel los. Die Plakate sollen angeblich von den Nihilisten angeschlagen worden sein. Der „Golos" äußert sich über die Judenverfolgungen wie folgt: „Warum macht sich in civilisirten Ländern die Erbitterung des Volkes gegen die Juden nicht bemerkbar? Ungeachtet aller Bemühungen der Antisemitenliga fallen die Deutschen doch nicht über die Juden her. Der englische, französische und sogar deutsche Jude ist schwer vom Engländer, Franzosen und Deutschen zu unterscheiden. In diesen Ländern sind die Juden in Allem, die Religion ausgenommen, mit dem herrschenden Stamm — verschmolzen und besitzen dieselben bürgerlichen Rechte. Keine Gesetze beschränken ihren Aufenthalt, ihr Gewerbe ein. Der Grund der Erbitterung gegen die Juden fehlt, als gegen ein Volk, das ausschließlich auf Kosten seines Nächsten lebt. Ihnen ist die volle Arbeitsfreiheit gewährt und sie befinden sich mit der übrigen Bevölkerung unter gleichen Bedingungen. Die schauderhaften gegen die Juden gerichteten Wuthausbrüche des (russischen) Volkes im Süden haben unsere volle Aufmerksamkeit der Judenfragc zuzulenken. Es hieße sich auf den Standpunkt des wüthenden Pöbels stellen, welcher den Juden, indem er ihr Vermögen zerstört, eine gute Lehre zu ertheilen vermeint, wollen wir annehmen, daß diese traurigen Ereignisse den Juden als eine gute Lehre dienen und sic bessern würden. Nur durch Veränderung der Bedingungen, unter denen die Juden sich befinden, kann ein besseres Verhältnis zwischen diesen und der christlichen Bevölkerung angebahnt werden. Eine solche Aendernng der Bedingungen würde von einigen unserer Preß- Organe selbstverständlich dem Einfluß des Westens zngeschrieben werden. Es fragt sich aber, welchem Einfluß sind diese furchtbaren Ausschreitungen zuzuschreiben, die der wüthende Pöbel gegen die Juden in Jelissawetgrad, Golta, Kischinew, Kijew verübt hat? Welcher Geist spricht sich in diesen wilden Ausschreitungen aus? iSollen denn ökonomische Verhältnisse bei uns auf'dem Wege des Faustrechts regul irt werden? Petersburg. In der Zeit vom 8. bis Mai sind in Kiew 1227 an den Ruhestörungen betheiligte Personen verhaftet worden, darunter 73 Frauenzimmer. Der General-Gouverneur von Kiew hat am 15. Mai eine Aufforderung an alle diejenigen Personen, welche in den Tagen der Unruhen etwa „herrenloses Gut" eingesammelt und an sich genommen haben, erlassen, wonach diese aufgefordert werden, bis zum 30. Mai das „herrenlose Gut" der Polizei einznliefern, widrigenfalls Diejenigen, bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.