Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXII. Jahrgang. Erste Beilage jit tlr. 22 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Wericht. Die beiden ersten Lieferungen des Prachtwerkes „Palästina", herausgeg. von Ebers u. Gut he, Verlag von Eduard Hallberger in Stuttgart, sind soeben erschienen und entsprechen den großen Erwartungen, die man zu stellen berechtigt war. Als Titelbild tritt uns eine Ansicht Jerusalems vom Oelberge aus entgegen, welches das Herz mit Sehnsucht nach der heiligen Stadt erfüllt. — Durch das Jaffathor halten wir gleichsam unfern Einzug in die heilige Stadt. „Jerusalem!" — so beginnt, der die Bilder begleitende Text — „mit welcher andern Stadt könnten wir unsere Fahrt durch das heilige Land beginnen! Es ist eine Bcrgstadt im vollen Sinne des Worts und liegt mitten im Herzen einer gebirgigen Landschaft, die von der großen Ebene Esdrelon bis zur südlichen Grenze des gelobten Landes reicht. Felsige Kalkgebirge, deren Abhänge von trockenen Regenbetten zerklüftet werden, umgeben es auf allen Seiten; rauhe und beschwerliche Bergpfade allein bringen uns in seine Nähe. So hat die Natur selbst die Mauern gebaut, welche den festen Ort beschützen sollten." Jerusalem, Berge umgeben es, so umgibt der Ewige sein Volk von nun an bis in Ewigkeit (Psalm 125, V. 2.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aschaffenbura, 16. Mai. Der folgende mysteriöse Vorfall gab der hiesigen k. Staatsbehörde Veranlassung zu einer Untersuchung. Vor. einigen Wochen fand der Leichengräber des isr. Friedhofs, welch letzterer auf einer mehr als eine Stunde von der Stadt entfernten Anhöhe ganz isolirt, von einer Mauer umschlossen, gelegen ist, ein Grab, das nicht seiner Hände Arbeit war. Er machte der Gemeindeverwaltung Meldung, welche ihrerseits wiederum der Staatsbehörde Anzeige machte. Die Ausgrabung wurde verfügt und man fand in unbedeutender Tiefe ein neues hölzernes Kistchen, das den schon stark verwesten Leichnam eines etwa sechs Monate alten Kindes enthielt. Nach dein behördlichen Befund dürfte das Kind schon vor 6—8 Monaten verstorben, also bisher an einem anderen Orte verborgen gewesen sein. Da hier ein Verbrechen vorznliegen scheint, so ersucht die Staatsanwaltschaft vermittelst öffentlicher Bekanntmachung um Anhaltspunkte, die es ermöglichen, die Herkunft dieses Kinderleichnams zu ermitteln. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 20. Mai, 11 Uhr Während Fürst Liechtenstein eine Interpellation des Inhaltes ankündigt, ob die Regierung Maßregeln zu treffen ^gedenke, um die Einwanderung der aus Rußland flüchtenden Juden nach Oesterreich zu verhindern, bringen die galizischen Blätter ergreifende Schilderungen über die in den russischen Grenzorten statigefnndenen Exzesse. Da die russischen Behörden jeden Schutz verweigerten, flüchteten die wohlhabenderen Juden vorher über die Grenze, weßhalb sich die Wuth des Pöbels ganz besonders gegen die zurückbleibenden armen Juden wandte. Am 15., 16. und 17. Mai Nachts fanden in Woloczyska Ueberfälle statt, denen die russische Gendarmerie keinerlei Widerstand leistete. Ein Bericht der „N. fr. Pr." aus Podwolczka schildert den Beginn der Excesse wie folgt: Am 15. Mai um Mitternacht tönten Jammergeschrei und Hilferufe von Woloczka, sodann Sturmläuten. Die Einwohner und das in der Stadt befindliche Militär eilten der russischen Grenze zu, woselbst sich ihnen ein schreckliches Bild bot. Hunderte von Frauen, halbnackt, zumeist nothdürftig bekleidete Säuglinge auf den Armen, die übrigen Kinder nach sich ziehend, drängten jammernd der österreichischen Grenze zu, wurden jedoch vom russischen Grenzwächter am lleberschreitcn der Grenze gehindert. In Folge dessen entstand ein Chaos, ein Drängen und Uebereinanderstürzen, wobei mehrere Personen Armbrüche erlitten. Endlich hob sich der Schlagbaum und eine unübersehbare Menge von Frauen und Kindern eilte nach Podwolocza, wo die meisten, da alle Häuser über-