Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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52 8 Schimeon, da schneiden wir ein Stück des Weges ab. Es war ein schöner parkatiger Garten. Aha, dachte ich, am Ende des Gartevs, im Waldesdunkel, sind die Diener verborgen, die über mich herfallen werden. Allein ich erreichte ungefährdet die Landstraße, auf der mich Schimeon noch eine Strecke weit begleitete. — Habe nochmals Dank, sagte ich, aber ich gestatte nichts daß Du Dich weiter bemühest. — Ich danke Dir, entgegnete Schimeon, für Deinen Besuch, der mein Herz erfreut hat. — Dann umarmte und küßte er mich, und wir schieden von einander. Als ich nun so dahin ging, kam es mir in den Sinn, daß ich meinen Auftrag nicht erfüllt hatte. Vielleicht hatte Schimeon nur mir gegenüber, den er als einen Talmid Chacham verehrte, Rücksicht walten lassen. Da drehte ich mich um und rief: Rabbi, Rabbi! — Als Schimeon umkehrte, lief ich ihm entgegen. Rabbi, sagte ich, mein Besuch bei Dir war kein zufälliger; ich bin von meinem Lehrer Rabbi Iochanan den Sackai, dem Fürsten Israels, geschickt worden, um Dich zu fragen, ob es wahr ist, daß Du au den Gästen, die Du gastfrei bewirthcst, zum Abschiede die Geißelung vollziehen läfsesi. — Ja, sagte Schimeon, ich habe das schon oft gethan. — Und warum, fragte ich, Haft Du mich damit verschont? — Rabbi, entgegnete er, Du hast bei mir gegessen und getrunken bis zur Sättigung; als Du aber gesättigt tvarst, da nahmst Du nichts mehr, trotz allen Zuredens. Nicht so machen es die thörichten Leute. Sie weigern sich zu essen und zu trinken, und wenn man ihnen zuredet, da schwören sie, daß sie nichts mehr u sich nehmen können, und nachher essen und trinken ie trotz ihres Schwures. Da lasse ich denu, ehe sie fortgehen, die Strafe der Geißelung an if)uctt vollziehen, damit sie die Sünde der falschen Schwüre büßen. — Du thuft ganz recht, entgegnete ich ihm, und wenn Dir wieder solche Leute Vorkommen, so bitte ich Dich, lasse sie zweimal geißeln, eimnal zur Sühne ihrer falschen Schwüre, und das andere Mal für die Angst, die ich ihretwegen ausgestanden habe." Die Weisen erreichten den Wohnort Rabbi Doßa's. An der Thüre empfing sic eine Magd, welche ihm Rabbi Iosua und seine Genossen anmeldete. Als sie eintraten, befahl Rabbi Doßa seiner Dienerin, daß sie Rabbi Iosua einen Stuhl hinstellen sollte. Rabbi Iosua setzte sich und sprach: Rabbi, gestatte, daß auch ein anderer Deiner Schüler sich niedersetze. — Wer ist es? fragte der Hausherr. — Es ist Elasar, der Sohn des Asarjah. — Ah, hat mein alter Freund Asarjah einen Sohn hinterlassen, der groß ist in der Gotteslehre? So ist denn erfüllt die Verheißung David's: Ich bin jung gewesen und alt geworden, und habe nicht gesehen den Frommen verlassen und seine Nachkommen Brod suchend. — Rabbi, sprach Rabbi Iosua, gestatte auch einem andern Deiner Schüler, sich niederzusetzen. — Wer ist es? fragte Rabbi Doßa. — Es ist Akiba ben Joseph. — Ah, rief Rabbi Doßa erfreut, Du bist Akiba ben Joseph, dessen Ruf sich erstreckt von einem Ende der Welt bis zum andern! Setze Dich, mein Sohn, wie Du möge es Viele geben in Israel. Die Weisen fingen nun an, mit ihrem Wirthe von der Thora sich zu unterhalten, bis sie die Rede brachten auf Zoras Habasz (die Nebenfrau des Sohnes). Und sie fragten ihn, wie verhält es sich mit Zoras Habasz? — Und. er sprach: Es ist eine Streitfrage zwischen der Schule Schammais und der Schule Hillels. Und wie entscheiden wir? — Wie die Schule Hillels. — Man hat uns aber gesagt, daß Du eine Entscheidung wie die Schule Schanunais getroffen. — Habt Ihr gehört, daß Doßa so entschieden, oder daß ben Horchinas jene Entscheidung getroffen. — Wir können darüber nichts Bestimmtes sagen. — So wisset denn, ich habe einen jüngeren Bruder, Jonathan heißt er, der ist ein äußerst scharfsinniger Mann, und er gehört zu den Schüler» Schammais, und er lehrt, daß die Schwagerche mit der Nebenfrau der Tochter erlaubt sei. Aber ich rufe Himmel und Erde zu Zeugen an: auf diesem Mörser da hat der Prophet Chagi gesessen und gelehrt, daß die Schivagerehe mit der Nebenfrau der Tochter verboten sei. Jetzt kehret zurück und stellet die religiöse Vorschrift fest. Nehmt Euch aber in Acht, daß Euch mein Bruder nicht begegne und durch seinen Scharfsinn die feftzuftellende Halacha nicht wieder erschüttere. Durch drei verschiedene Thüren verließen die Weisen das Haus. Rabbi Iosua und Rabbi Eleasar entkamen glücklich; aber Rabbi Akiba wurde von Jonathan aufgefangen. Lange disputirten die Beiden mit einander; Jonathan blieb unbesiegt. „Bist Du Akiba," fragte er, „dessen Ruf sich erstreckt von einem Ende der Welt bis zum anderen? Wohl Dir, daß Du das Glück hast, berühmt zu sein. Aber Du verdienst den Ruhm nicht. Du kömmst an Scharfsinn nicht einmal den Rinderhirten gleich." „Nicht einmal den Schafhirten," antwortete Rabbi Akiba bescheiden. (Fortsetzung folgt.) Hierzu fünf Beilagen. &rront»ortU6c Redaetion: Dt. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des , Israelit* große Bleiche 4L. I. E 9 i t 81 e b e n'L Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).