Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1881)
- Date
- 1881-06-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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527 nicht eher, bis sie den streitigen Fall geklärt und die religiösen Vorschriften seftgestellt hatten. So war zur Zeit der Richter es zweifelt geworden, ob die Ausschließung der Amoniter und Moabiter sich bloß auf die männlichen Mitglieder dieser beiden Nationen, oder auch auf die weiblichen erstreckt. Der Vetter des Boas weigerte sich deßhalb, die zum Judenthum übergetretene Moabiterin Ruth zu heirathen, während Boas selbst kein Bedenken trug. Aber noch Jischai, der Enkel der Ruth, der Vater David's wurde, wie unsere Weisen im Midrasch erzählen, vom Zweifel wegen seiner vielleicht illegitimen Abstammung gequält. Erst der Autorität des großen Propheten Samuel gelang es, es unumstößlich festzustellen, daß die Ausschließung der Amoniter und Moabiter sich lediglich auf die Männer, aber nicht auf die diesen Nationen entstammenden Frauen erstrecke. — Nichts war so geeignet, in Israel eine gefährliche Spaltung hervorzubringen, als eine tiefeingreifende Meinungsverschiedenheit in Bezug auf die Ehegesetze. Eine solche existirte zwischen den Schulen Schimmais undHillels. — Wenn Jemand kinderlos verstirbt, so ist sein Bruder verpflichtet, die Wittwe des verstorbenen Bruders zn ehelichen, oder den Akt der Chaliza an sich vornehmenzu lassen*). Wenn jedoch die Wittwe eine nahe Verwandte des Schwagers ist, z. B. die Schwester seiner Frau, so findet weder Schwagerehe noch Chaliza statt; dies war in den Zeiten, in welchen die Polygamie gestattet war, auch in Bezug ans die Nebenfrauen der Verwandten der Fall. Nur in Bezug auf die Nebenfrau der Tochter lehrte die Schule Schammais, daß bei dieser die Schwagerehe gestattet sei, während die Schule Hillels sie als verboten erklärte. Längst war die religiöse Vorschrift nach der Lehre der Schule Hillels festgestellt. Da verbreitete sich das Gerücht, daß einer der ältesten und bewährtesten Lehrer in Israel, Rabbi Doßa ben Harchinas, eine Entscheidung im Sinne der Schule Schammais getroffen habe. Rabbi Doßa war schon sehr alt, und fein Augenlicht war erloschen. Es war daher nicht möglich, ihn nach Jabneh zu cktiren und ihn aufzufordern, seine abweichende Meinung zu rechtfertigen oder sie aufzugeben. Andererseits war die Autorität des großen Mannes eine allgemein anerkannte. Daher beschloß Rabbon Gamliel, eine Deputation an ihn zu senden, um ihn zur Rede stellen zu lassen. Diesen schwierigen Auftrag auszuführen, erboten sich Rabbi Josua, Rabbi Eleasar ben Asarjah und Rabbi Akiba. Als sie die Reise antraten waren Rabbi Eleasar und Rabbi Akiba sehr in Sorge wegen der Ausfüh¬ *) In unserer Zeit und in unseren Gegenden muß statt der Schwagerehe immer die Chaliza eintreten. rung dieses hekilen Auftrages. Welche Mittel standen ihnen zu Gebote, den großen, uralten und allverehrten Rabbi zum Aufgeben seiner abweichenden Meinung zu bestimmen? „Seid nicht ängstlich, meine Freunde," tröstete sie Rabbi Josua; „es wird besser gehen, als ihr befürchtet. Ich hatte einst einen viel schwierigeren Auftrag auszuführen und ich war allein. Als mein großer Lehrer Rabbon Jochanan ben Sakkai noch lebte, verbreitete sich das Gerücht von unerhörten Dingen, die in Antipras sich ereignet haben sollten. Dort lebte ein reicher, vornehmer, gelehrter Mann, Namens Schimeon. Dieser, so sagte man, hielt ein gastfreies Haus, wie einst unser Vater Abraham es gehalten. Jeder Fremde erhielt bei ihm Speise, Trank, Nachtlager, und wurde in fürstlicher Weife bewirthet und bedient. Sobald aber der Fremde unter vielen Dankesworten Abschied nehmen wollte, winkte Schimeon seinen Dienern. Diese ergriffen den Gast, banden ihn auf einen Balken und hieben unbarmherzig auf ihn los. — So erzählte man. — Mein Sohn Josua, sagte mein Lehrer zu mir, ich, der Fürst Israels, darf solche Schandthaten nicht dulden. Reise nach Antipras und überzeuge Dich, ob an der Sache etwas Wahres ist. — Das war nun ein böser Auftrag. Mußte ich mich nicht der Gefahr aussetzen, mich von den Dienern des Schimeon mit Schlägen tractiren zu lassen? Ich kam nach Antipras, und man zeigte mir das Haus Schimeon's, ein palastähnliches Gebäude. In der Thüre trat mir der Besitzer entgegen und begrüßte mich auf das Herzlichste. Ein schönes Zimmer wurde mir zur Wohnung angewiesen und ein herrliches Gastmahl wurde hergerichtet, bei welchem ich neben dem Hausherrn sitzen durfte. Ich war hungerig und sprach den köstlichen Speisen und vorzüglichen Weinen herzhaft zu. Nach Tische unterhielt ich mich mit dem Hausherrn lange von unserer heilige. Gotteslehre und lernte ihn als einen frommen, gelehrten, edeldenkenden Mann kennen. Trotzdem wagte ich nicht, von meinem Aufträge zu sprechen, denn Schimeon hatte etwas Energisches in seinem Gesichte, das mich fürchten ließ, die vielleicht in ihm schlummernde Wildheit wach zu rufen. In der darauf folgenden Nacht quälten mich die schrecklichsten Träume; stets kam es mir vor, wie wenn ich von Dienern Schimeons ergriffen und unbarmherzig durchgeprügelt würde. Am anderen Morgen besuchte ich gemeinsam mit dem Hausherrn die Synagoge und dann nahmen wir zusammen das Frühstück. Jetzt war die Stunde des Abschiedes gekommen und ich erzitterte schon bei dem Gedanken an die zu erwartende Mißhandlung. Allein es geschah nichts Derartiges. Schimeon lehnte meinen Dank ab und er-- bot sich, mir eine Strecke weit das Geleit zu geben. — Laß uns durch meinen Garten gehen, sprach