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Der Israelit · 1881-06-01 · Heft 22 (1.6.1881) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 22 (1.6.1881)
Date
1881-06-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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526 bestehe — und nicht in dem Gehorsam gegen die Gesetze, welche er euch als „Ceremonialgesetze im kurzen Auszuge" nebenbei mitgetheilt hat; daß es genüge am Sabbat und Feiertag den Tempel zu besuchen und die Gesetze der „Moral" zu beobachten. Und so wisset ihr nicht, daß, wenn er jetzt sich in salbungsvoller Stellung erhebt und die Hände fromm faltet, um dem Herrn dafür zu danken, daß es ihm vergönnt ist, wiederum diese jugendliche Schaar Ihm zuzuführen; er den Betrug und den Berrath, den er an euch begangen, durch blasphemirende Heuchelei krönt! So ist bereits ein Geschlecht unter uns erstanden, welches von der Hoheit und Erhabenheit des priesterlichen Berufs des Juden keine Ahnung besitzt — Dennoch aber schreitet der Siegeszug der Thora weiter. Wohl mögen Viele untergehen — die Thora ist ewig, und Israel ist ewig, die Zukunft ist ihr gewiß. Die Weisheit unserer Väter gibt uns am ersten Tage des Schabuothfestes das erste Capitel Jecheskeel in die Hand, und führt uns damit vor die Seele, wie „dreißig Jahre" nach dem achtzehnten Jahre des Königs Joschijah verflossen waren, dreißig Jahre nach dem merkwürdigen Ereignisse, daß die Thora einem jüdischen Könige als ein ihm unbekanntes Buch gebracht worden war, — und sich dem Propheten „die Himmel öffneten" am Strome Kebar, im fremden Lande. Der Fund dieses Buches der Lehre war bedeutungsvoll für die ganze Zukunft Israels. Chiskijah's Sohn, Menascheh, hatte während seiner langen Regierungszeit den crassesten Götzencultus in Juda eingeführt und sein Nachfolger Amon war in seine Fußtapfen getreten. Vergessen schien das Gesetz, vergessen die Thora — dem Heidenthume hatte sich das Reich in die Arme geworfen. Und das eine Exemplar der Thora, welches der Hohepriester Chilkijahu dem jungen Könige, dem Enkel des Menascheh, brachte, vollbrachte das, Wunder der gänzlichen Umwandlung. Als Joschijah den Inhalt der Thora vernahm, da „zerriß er seine Gewänder" und griff mit energischer Hand in das Götzenunwesen ein. Seinem Feuereifer ist die Rettung des Volks für die Thora zu danken. Der Staat ging in Trümmer, aber die Thora blieb dem Volke und wanderte mit ihm in die Verbannung. Dreißig kurze Jahre waren verflossen — und die Schechinah weilte mit Israel am Strome Kebar. Sollen wir da kleinmüthig sein, dürfen wir da verzweifeln? So lange noch in eines Juden Brust die Begeisterung für die Thora wach ist, so lange ist für unsere Zeit nichts zu fürchten. Der Geist der Thora ist mächtig und gewaltig, er erfaßt das Herz der Menschen und führt sie zinn Gehorsam und zur Treue zurück. Feuilleton. . % a i 6 a. xxn. Es war ein großer Jubel im Laude Judäa, als die Weisen mit der beglückenden Botschaft zurückkehrten, daß der Tyrann gestorben und daß ein neuer Kaiser an der Spitze des römischen Reiches stand, welcher den Juden ein gütiger Herr und Beschützer sein wollte. Die Weisen nahmen ihre Lehrthätigkeit wieder auf; denn jetzt galt es, die Zeit des Friedens und der Ruhe zu benützen, um volle Klarheit in die mündliche Lehre zu bringen und manche einander widerstreitende Traditionen zu erörtern und zu klären. Wir müssen bei dieser Gelegenheit Einiges über die Art und Weise, wie solche einander widersprechende Traditionen entstehen konnten, mittheilen. Als der allmächtige Gott sich auf dem B^rge Sinai seinem Volke offenbarte, gab Er dem Moscheh die ganze Thora, welche sechshundertdreizehn Vorschriften, 248 Gebote und 365 Verbote enthält; für jedes einzelne derselben gab Gott unserem Lehrer Moscheh die mündlichen Erläuterungen. Diese überlieferte Moscheh dem Josua; von ihm gingen sie auf die Aeltesten, dann auf die Propheten, dann auf die Männer der großen Synode, dann auf die Männer über, welche stets zu zweien an der Spitze Israels standen und unter dem Namen Sugoth (Paare) bekannt sind. Das Letzte dieser Paare waren die beiden großen Lehrer Israels Hillel und Schammai. Beide hatten Schulen gegründet, die in ihren Lehrmeinungen sich vielfach einander gegenüberstanden. Wie waren nun diese verschiedenen Lehrmeinungen entstanden? Unsere Weisen erzählen, daß schon während der dreißig Tage, welche Israel in Trauer und Wehklagen um das Hinscheiden unseres großen Lehrer Moscheh verbracht hatten, eine stattliche Reihe | mündlicher Traditionen vergessen worden war, daß Z jedoch Athniel ben Kenas, welcher später der erste j Richter Israels wurde, sie durch seinen Scharffinn \ wieder herbeigebracht hat. So ging die Tradition Z mit der logischen Folgerung Hand in Hand. Wenn j einmal gegen eine Tradition Zweifel sich geltend 1 machten, so ruhten die Weisen Israels aller Zeiten 3

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