Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1881)
- Date
- 1881-05-25
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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516 sich ca. 400 mehr oder minder schuldige Personen im Gewahrsam, die gegenwärtig forttrt und je nachdem durchgepeitscht und freigelaffen, oder aber für die spätere gerichtliche Untersuchung „klargestellt" werden. Verwundete gab es ziemlich viel, Todte dagegen, Gottlob nur einige, darunter zwei der Tumultuanten, welche in einem Keller, in dem man anßer Wein und Schnaps allein für 35,000 Rbl. Spiritus hatte auslaufen laßen, in betrunkenem Muthe ersoffen. Die zerstörten Wohnungen schätzt man aus gegen 1000 und den Werth der vernichteten und gestohlenen Gegenstände aus Millionen. Eine Kommission ist eben beschäftigt die näheren Daten zu sammeln. Der indirekte Schaden, den unsere Stadt durch den am 15. und 16. verübten Vandalismus erlitten hat, läßt sich gegenwärtig noch gar nicht übersehen, ebenso wenig, was aus den vielen an den Bettelstab gebrachten Familien, welche die Stadtverwaltung täglich mit den nöthigsten Lebensmitteln versehen muß, werden wird, lieber die moralischen Folgen der Hetze will ich, bei der im Lande ohnehin herrschenden Gährung ein Urtheil zu fällen, ja nur Muthmaßungen aufzustellen, nicht versuchen. Man munkelt stellenweise davon, daß die Anzettelung der Judenverfolgung das Werk der Nihilisten sei, ich glaube hieran nicht, will aber auch darüber nicht urtheilen, hingegen kann ich bestimmt versichern, gestützt auf meine eigenen Beobachtungen, sowie ans das Urtheil anderer vorurtheilsloser' Zuschauer, daß der Exceß nie eine solche Ausdehnung hätte nehmen können, wenn die Bürgerschaft nicht in großer Selbstvcrblendung den Ausstand anfänglich als Gaudium betrachtet und wenn die zur Ausrechthaltung der Ordnung in erster Stelle berufenen Organe, ihre Schuldigkett nur einigermaßen erfüllt hätten. lieber das Auftreten des Militärs bei der Judenhetze in Kiew spricht sich ein Korrespondent der „Neuen Zeit" folgendermaßen aus: „Die Truppen und die Polizei machten alle Anstrengungen um den Unordnungen zu steuern. Diese Anstrengungen bestanden darin, daß sie ohne Anwendung von Gewalt durch Ermahnungen die Menge zur Einstellung der Unordnungen zu veranlassen suchten. Den Truppen war befohlen, die Anwendung von Gewalt zu vermeiden, aber die Menge hörte nicht auf Ermahnungen, fuhr fort zu zerstören und zu plündern. Was war da zu machen? Jeder Kommandirende entschied diese wichtige Frage aus seine Weise: die Einen sahen zu wie man plünderte, Andere warfen sich in die Menge, durchbrachen den Haufen, redeten zu, daß man sich zerstreuen solle, die Dritten, das Vergebliche der Ermahnungen erkennend, und, weil sie nicht passive Zuschauer bleiben wollten, warfen sich auf die Menge, bedrängten sie und, wenn das nicht half, wandten sie Gewalt an. Dieser Letzteren waren allerdings sehr Wenige. In diesen Fällen, wenn nämlich Gewalt angewendet wurde und man Arretirungen vorzunehmen suchte, gerietst die Menge in Wuth und leistete den Truppen ernsten Widerstand, ^o wurde der Kosacken-Oberst Kletschanowski durch einen Steinwurf außer Gefecht gesetzt. Nicht wenige Mannschaften wurden durch Steinwürfc und Stockschläge verwundet." Bei der ganzen Affaire haben sich eben Bosheit und Rathlosigkeit oben und unten bemerkbar gemacht. Den Petersburger Blättern vom 17. Mai entnehmen wir über die Judenhetze in Südrnßland folgende Einzelheiten: Das Gefängniß in Kiew ist voll Arretirter. Mit dem „Sortiren" und Verhören dieser Masse Menschen ist eine ganze Anzahl Gerichtspersonen beschäftigt. Unter den Verhafteten befindet sich auch eine anständig gekleidete Dame, die man auf einer Droschke mit einem ganzen Bündel geraubter Sachen erwischt hatte. Mehrere Bauern, die ihre mit geraubten Sachen angefüllten Ouersäcke eben tut Begriff waren, auf der Bahn in Sicherheit zu bringen, waren gleichfalls rechtzeitig ergriffen worden. Eine Menge geraubter Sachen fand man ferner auf dem Dnjepr-Barken versteckt. Die Polizei ist eifrig damit beschäftigt, Haussuchungen und Verhaftungen von Personen, welche im Besitz von geraubten Sachen sind, vorzunehmen. So wurde unter Anderem bei einen: Kaufmann 1. Gilde, T—nin, in dessen eigenen: Hause eine sorgfältige Haussuchung veranstaltet, die fünf Stunden lang dauerte und eine Masse gestohlener Sachen ergab, die im Hofe versteckt und mit Ziegelsteinen bedeckt worden waren. Mit den Sache:: wurde gleichzeitig auch der Sohn dieses biedere:: Handelsmannes in Verwahrung genommen. In: jüdischen Lazareth sind bereits zwei Inden an den Folgen der Verletzungen, die sie während des Krawals davöngetragen hatten, verschieden. Es hat sich ein Eomite gebildet zur Unterstützung der obdachlos Gewordene::. Dieses Eomite nimmt entgegen: 1. Geld und Kleidungsstücke, 2. Nahrungsmittel 2c., 3. sorgt für Evacuatiou, Unterkunft und Einführung der Geschädigten in ihre früheren Wohnungen, 4. nimmt entgegen einlaufende Beschwerden, sichtet sie und adressirt sie an die betreffenden Instanzen. Vorläufig hat das Eomite 1600 Rubel assignirt zur Beschaffung von Speisen für die Geschädigten. Aus Kiew und den umliegenden Ortschaften haben sich nicht weniger als über 20,000 Inden nach Berditschew geflüchtet. — In Odessa kamen am 16. Mai Morgens zwar einzelne unbedeutende Fälle von Unruhen vor, jedoch wurden denselben unverzüglich von