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Der Israelit · 1881-05-25 · Heft 21 (25.5.1881) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 21 (25.5.1881)
Date
1881-05-25
Page
– (sequence 19)
Language
German
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B 515 Markte in die Stadt gekommene Bauern sich ganz naiv erkundigten, ob es wahr sei, daß der Kaiser? befohlen habe, sie sollten zu den Feiertagen zur j Stadt kommen, um die Juden umbringen zu helfen, I sing die jüdische Einwohnerschaft an 'sich zu beunj ruhigen und ersuchte die Polizei um Vorkehrungen j zu ihrem Schutze, die natürlich auch zugesagt wurden. Der Gouverneur von Ehersson telegraphirte sogar am 21. April, wie ich selbst gelesen habe, einem jüdischen Arzte, der sich selbst an ihn gewendet hatte, er möge sich beruhigen, denn alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln seien getroffen. Die drei Feiertage, an denen sowohl die christlichen, als auch alte jüdischen Geschäftslokale, Schenken zc. geschloffen waren, ver- » flössen in schönster Ruhe, so daß die Befürchtungen 6 schwanden. Diese Ruhe war aber eine trügerische, | denn Mittwoch Nachmittag brach der Sturm doch 8 los. Hier muß ich einschalten, daß die alljährlichen 8 Volksbelustigungen, jedenfalls in Folge der Trauer, j nicht gestattet worden waren. Einige vergnügungs- 1 süchtige Burschen beschuldigten nun die Juden, diese 1 Maßregel durch Bestechung der Polizei herbeigeführt j zu haben, geriethen hierüber mit ihren Partnern in z Streit und prügelten dieselben durch. Hiermit war | das Signal zur Hetze auf die Kinder Israels ge- 1 geben, die sich mit Windeseile über die ganze Stadt 1 verbreitete. Auf der Haupt- und den angrenzenden 1 Nebenstraßen entwickelte sich sofort eine Reihe von s Keilereien zwischen den vielen Spaziergängern und (zwar unter Beobachtung der Regeln der Arbeitstheilung: das gewöhnliche Volk schlug auf die erschrockenen Juden los, das bessere Publikum klatschte und schrie den elfteren für das amüsante Schauspiel Beifall zu, alles war in heiterer Erregung, nur die Polizei bot dem Auge einen Ruhepunkt: sie verhielt sich absolut passiv..... Die herrschende Stimmung 1 in den russischen Kreisen kennzeichnen am besten die j Äußerungen zweier „gebildeten" Bekannten, wovon l der eine mich versicherte, einige von ihm wunderbar ] applizirte Hiebe würden ihm den schönsten Schlaf seines Lebens thun lassen, während der andere, der - nicht einmal Nationalrusse ist, lebhaft bedauerte, daß I die „fixen Jungen" nicht die Messer gebraucht und einige Tausend Juden umgebracht hätten. Als ich am nächsten Morgen ausgiug, erzählten mir die Nachbarn schmunzelnd, man habe in der verflossenen i Nacht gut „gearbeitet" und ich mußte dies selber zugeben, als ich die Straße entlang ging und mir die i Arbeit ansah, während sie in vollem Gange war... j Daß das Volk zu solchen Gräuelthaten fähig ist, J wußte ich, daß das herumstehende Publikum dieselben | billigte, sah ich, daß aber zur Aufrechterhaltung der \ Ordnung berufene Organe ganz ruhig zuschauen konnten, daß einzelne der Zerstörer es sogar wagen \ konnten, den Soldaten Schnaps anzubieten, ohne so- - fort verhaftet zu werden, das begreife ich auch heute noch nicht. Auch jetzt hätte dem Nebel noch Einhalt geboten werden können durch vollständiges Abschließen der Straßen. Dies unterblieb jedoch und so vertheilten sich denn die eigentlichen „Arbeiter", deren höchstens 100 bis 200 Mann waren, in kleine Gruppen von 5 bis 10 Manu über die ganze sehr ausgedehnte Stadt und demolirten die jüdischen Wohnungen schonungslos . . . Am zweiten Tage Abends (mittlerweile waren die Bauern vom Lande eingetroffen, um auf den Straßen und in den Ecken liegende Sachen fortzuschleppen) als die Mehrzahl der jüdischen Wohnungen, sowie die am ersten Tage verschont gebliebenen Bazarbuden ausgeplündert waren, geriethen die Väter der Stadt in Besorgniß, es möchte nun auch ihr Hab und Gut an die Reihe kommen, und versammelten sich in der Duma, um Raths zu pflegen. Rach kurzer Debatte, während welcher manche bittere Anklage gegen das Militär erhoben wurde, einigte man sich dahin, den kommaudirenden General, der erklärt hatte, die ihm zu Gebote stehende Macht reiche zur Dämpfung des Aufruhrs nicht aus, zu ersuchen, er möge mit aller Energie Vorgehen und den Gebrauch der Waffe anordnen: Glücklicherweise traf dann auch die schon früher nachgesuchte Erlaubnis; zu letzterer Maßregel höheren Ortes frühzeitig ein, so daß die Nachricht davon noch Abends in der Stadt verbreitet werden konnte, welchem Umstande, wie auch der Müdigkeit des Pöbels nach so anstrengender Arbeit es wohl zuzuschrciben ist, daß die Nacht ziemlich ruhig vorüberging. Am Freitag (dritter Tag) sollte, wie verlautete, nach dem Programme der Barbaren die Erstürmung der großen, auf der Hauptstraße befindlichen Bijouterie- und Galanteriewaaren-Geschäfte erfolgen und zum Schluffe ein obligates Judenschlachten abgehalten werden, doch kam es dazu, Gott sei Dank, nicht, denn gegen Morgen langte ein Regiment Kavallerie nebst einem Bataillon Infanterie, sowie mit dem Frühzuge Se. Excellenz der Gouverneur hier an. Nunmehr wurden die Straßen wirklich abgesperrt und die Zugänge zur Stadt verlegt, zum großen Verdruß der Landbevölkerung, die frühzeitig wieder angczogen kam, mit der Absicht, das Aufräumen fortzusetzen'. In der Stadt selbst konnte hierauf die Ruhe als wicderhergestellt betrachtet werden, dagegen ging der Skandal in den umliegenden Ortschaften los, wohin starke Patrouillen abgingen, die zugleich die Aufgabe hatten, das aus der Stadt geraubte Gut znrückzubringen. Bis jetzt wurden auch bereits einige 50 Fuhren Maaren nebst vielen Marodeuren eingeliefcrt; mehr wird jedoch nicht beizubringen sein, da die 'Räuber, um der angedrohten Strafe zu entgehen, ihre Beute vernichten und auf der Steppe verbrennen, wobei gestern allein 30 Mann abgefaßt wurden. Im Ganzen befinden.

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