Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-05-25 · Heft 21 (25.5.1881) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 21 (25.5.1881)
Date
1881-05-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447869--17574-2473584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

508 Judenkreisen, die Besorgmß geäußert wird, daß ohne die Anwendung rechtzeitiger Vorsicht die gewitterartig von Kiew nach Westen sich ausbreitende Bewegung die österreichische Grenze eventuell überschreiten und namentlich in das von der russischen Grenzstation Woloczyska nur durch eine Brücke getrennte Podwoloczyska hinüberdringen könnte. Nach einer in jüdischen Kreisen allgemein verbreiteten Behauptung soll nämlich Woloczyska in der That zum Objekte eines von russischen Banerubanden für den nächsten Montag verabredeten Raubanfalles ausersehen sein.!)l U ß l a n d. Petersburg, 15. Mai. Wegen Befürchtungen von Judenhetzen versammelte Baranow die isr. Gemeindeältesten und bat um vorläufige Zurückhaltung gegen die Christen in geschäftlicher imb in kirchlicher Beziehung. Cr garantire ihnen '-Sicherheit ihrer Person und ihres Cigentbums und wolle bei den geringsten Anzeichen die Waffen gegen die Hetzer gebrauchen. Petersburg, 17. Mai. Ciu Telegramm des Odessaer Gencralgouverncnrs, datirt Odessa, l5. Mai, meldet: Abends tumultuirte ein unbedeutender.Haufen, aus Betrunkenen bestehend, und warf an einigen Judenhäuseru die Fenster ein; um neun Uhr Abends wurde durch energische Maßregeln die Ordnung hergestellt. An demselben Tage und am Vorabend fanden gegen die Inden Tumulte in Losowaja, Romny, Smela, Wolotscknsk statt; außer Smela, wo Militär eiuschritt, waren die Unordnungen nur unerheblich. Augenblicklich isr die Ruhe allerorts hergestellt. Feuilleton. Die Jugendfreunde. Von A. Königshofen. XIX. Es läßt sich denken, daß die Conftituirung einer Gemeinde, welche das Princip des orthodoxen Judenthums auf ihre Fahne schrieb, bei allen denen, welche den Abfall vom Judenthum als Lebensweisheit priesen, im ersten Moment einen Sturm der Entrüstung oder auch eine Fluth von Spötteleien hervorrief. „Reaction!" „Muckerthum!" „Finsterlinge!" scholl es von der einen, „Scheinheilige!" „Zizzisspinner!" „Harleguine!" von der andern Seite. Aber Alles hat seine Zeit, die Erregung dauert nicht ewig, und der Spott wird stumpf, und so trat nach und nach eine Beruhigung ein, welche bei den Einen in Gleichgiltigkeit auslief und bei den Andern ein besonnenes Nachdenken aufkommen ließ. Am unbesonnensten benahmen sich die und konnten am wenigsten leicht die Thatsache mit Ruhe hiunehmen, welche gern Alles hätten stürmen mögen, aber nicht entschieden genug waren, die Consequenzen zu ziehen, welche der Verband des Reformvereins bereits seit Jahren gezogen hatte. Die Entschiedenen werden in allen Verhältnissen weniger von denen, die mit derselben Entschiedenheit das entgegengesetzte Princip vertreten, bekämpft werden als von den aus Rücksichten Schwankenden und Unentschlossenen. So begann man in Berlin in den Kreisen der entschiedenen Reform eher die Entschiedenheit der neu gebildete!; Gemeinde zu respektiren als in beneu, welche den Ansichten der Herren vom grünen Tische huldigten, deren Judenthum einen vor- und rückwärts schauenden Januskops trug. Die Extremen mochten wohl die Gründer der neuen Gemeinde als im Jrrthum befangen glauben, aber vor dem Ernst, mit dem das Werk in Angriff genommen und gefördert, vor dem, was geleistet wurde, vor der rücksichtslosen Durchführung deS Princips — vor dem bekamen sie Respekt, sie konnten die Anerkennung rechtlichen Sterbens nicht versagen. An Reicherssohn konnte man die Wandlungen, die bei den Führern und deu intelligenten Männern der extremen Resormpartei sich kundgaben, recht deutlich wahrnehmen, denn bei seiner eigenen Unbildung und seinem unselbständigen Urtheil waren seine Worte die Scala, an welcher man die unter den gebildeten Männern seiner Partei herrschenden Ansichten ablesen konnte. Er hatte ein bewundernswerihcs Aneignungsvermögen von Ansichten und Meinungen. Anfangs war natürlich Herr Reicherssohn auch ein heftiger Opponent, doch seine Opposition äußerte sich nicht immer gleichmäßig, zuweilen machte sie sich im Spott Luft, zuweilen in Ausdrücken des Zorns und Aergers; das hing namentlich immer davon ab, ob er heute gerade den Vorsteher Herrn A. gesprochen hatte, der die neue Gemeinde nicht genug bewitzeln konnte, oder den Vorsteher B., welcher in einen wahren Wuthanfall gerieth, wenn er etwas von der wieder herzuftellenden Orthodoxie in Berlin hörte. Ganz besonders ärgerlich mußte ihm das neue Verhältnis erscheinen, als es nur dazu dienen konnte, die religiöse Opposition seiner Frau und Tochter gegen ihn zu kräftigen. Er hielt lange Tiraden über die Reaction, die sich wieder einschleiche, über den „Obscönitisrnus", wie er den Obscurantismus umwandelte und dergleichen, womit er aber weder das Herz der Frau noch der Tochter rührte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.