Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1881)
- Date
- 1881-05-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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503 aus dem er einen Tropfen Blut preßte. Da seufzte er und sprach: „Wäre dies doch alles!" So kam die fünfte Stunde heran, ohne daß sich etwas ereignete; und als sie vorüber war, bemächtigte sich des Kaisers eine wahnsinnige Freude. Er verlangte ein Bad zu nehmen und sich für die Abendmahlzeit anzukleiden. Kaum war dies geschehen, als Stephanus in das Gemach des Kaisers trat. „Was willst Du, mein Stephanus?" fragte der Kaiser. „„Kaum in Deine Dienste getreten, mächtiger Cäsar,"" antwortete Stephanus, „„nahe ich mich Dir schon als ein Bittender."" „Nur nichts, was Domitilla betrifft," sagte der Kaiser. „„Nicht doch,"" "entgeguete Stephanus, „„es betrifft Deine eigene Person, Du Liebling der Götter! Du Erkorener des römischen Volts!"" Bei diesen Worten überreichte er dem Kaiser eine Schrift, die Domitian nahm und zu lesen begann. Da zog Stephanus aus dem Aermel seines Gewandes einen Dolch hervor, und stieß mit aller Gewalt nach dem Kaiser. In die Weichen getroffen, aber nicht tödtlich, griff Domitian nach seiner eignen Waffe, fand aber das Schwert aus der Scheide entfernt. Darauf packte er des Mörders Dolch und schnitt sich dabei bis auf die Knochen in die Finger, suchte ihm dann mit den blutenden Fingern die Augen auszudrücken und schlug mit einem goldncn Becher ans seinen Kopf los, wobei er fortwährend um Hilfe schrie. Es war ein fürchterliches Ringen, und trotz seiner gewaltigen Körperkraft wäre Stephanus unterlegeil, wenn ihm nicht jetzt Parthenius, Maximus und die andern Verschworncn zu Hilfe gekommen wären. Sie stießen mit ihren Dolchen aus den verzweiflungsvoll ringenden, blutenden Kaiser los, bis er zu Boden stürzte. Es war die höchste Zeit gewesen. Noch lebte Domitian, als durch sein furchtbares Geschrei seine treuen Legionäre herbeigezogen wurden und mit entblößten Schwertern hereinstürzten. Zu ihren: Entsetzen sahen sie ihren Herrn sterbend am Boden liegen. „Wer hat dasgethan?" schrie einer von ihnen. Der sterbende Kaiser raüte seine ganze Kraft zusammen und sprach ächzend: „Stephanus!" Da hieben die Legionäre mit ihren Schwertern auf Stephanus los, während die andern Verschwornen sich eiligst entfernten. Stephanus wurde in Stücke zerhauen, und so fanden der Kaiser und sein Mörder ein gleichzeitiges Ende. Mit Windeseile verbreitete sich die Nachricht von der Ermordung des Kaisers. Die Senatoren waren in der Curie versammelt und begrüßten den Sturz des Tyrannen mit lärmendem Jubelgeschrei. Die Väter des Volkes brachen in Schmähungen und Verwünschungen gegen den Gemordeten aus, stellten Leitern an die Wände und rissen seine Trophäen und Bildnisse herab. Nachdem der erste Jubel sich gelegt hatte, beeilte man sich, den Senator Marcus Coccejus Nerva mit der höchsten Gewalt zu bekleiden. Die Juden waren noch in der Synagoge, der Versöhnungstag neigte sich zu Ende, als plötzlich das Gerücht von dem Tode des Tyrannen sich verbreitete. Da warf sich Rabbon Gamliel zur Erde nieder und rief: „Der Ewige ist Gott, der Ewige ist Gott!" — Und alles Volk folgte seinem Beispiele, und die Synagoge erzitterte von dem Jubelrufe der aus Todesangst Erretteten. Freude und Lust herrschte in Rom. Die Stadt war übervoll von den Standbildern des ermordeten Imperators; diese fielen jetzt insgesammt der Vernichtung anheim; die von Marmor wurden zu Pulver zerrieben, die von Gold, Silber oder Bronce wurden eingcschmolzcn, unter ihnen auch die herrliche Kolossalstatue auf dem Forum. Der Name Domitians wurde von jeden: Monumente ausgelöscht; seine Triumphbogen sammt den Janusbögen, mit denen er die Straßen geschmückt hatte, wurden niedcrgerissen. Ünterdeß blieb der Leichnam des ermordeten Herrschers der Welt unbeachtet auf der Stelle liegen, an welchem der Imperator gefallen war. Es fand sich kein Mensch, der ihm die letzte Ehre erweisen wollte, nicht seine Gemahlin Domitia, keiner von all den sreigelaffenen Delatoren, die er mit Reichthümern und Würden überhäuft hatte, keiner von all den Schmeichlern, die ihn angebetet und ihm göttliche Ehre erwiesen haben. So lag die Leiche da, in Fäulniß übergehend und den Palast verpestend, bis die alte Amme des Kaisers, Phyllis, die einzige, die ihm auch im Tode die Treue bewahrte, sich seiner annahm, die Leiche verbrannte und die Asche in: Tempel der Flavier neben der Urne der Julia, der Tochter des Titus, beisetzte. Aber auch der neue Kaiser konnte seiner Würde nicht froh werden. Die Prätorianer empörten sich und verlangten stürmisch Rache für das vergossene Kaiserblut. Parthenius und Maximus wurden von ihnen getödtet. Calpurnius Craffus, ein Nachkomme des berühmten Triumvirn, verlangte für sich den Purpur. Mit Mühe wurden diese Verschwörungen unterdrückt. Als Nerva endlich zur Ruhe gekommen war, begann eine Herrschaft der Milde und Schonung. Die blutigen Gesetze, die Domitian gegeben, wurden aufgehoben, die Verbannten wurden nach Rom zurückberufcn. Für Domitilla kam diese Zurückberu-