Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1881)
- Date
- 1881-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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502 beiden Synagogen fast umgestaltende Renovation oder ein völliger Neubau wird schließlich nicht zu umgehen sein. Rußland. Petersburg, 22. Mai. (Telegramm.) Ueber den Empfang der jüdischen Deputation durch den Kaiser in Gatschina wird weiter gemeldet: Die Deputation wurde vom Bahnhof in Hofwagen zum Palais gebracht, dort vom Grasen Woronzow-Daschkow empfangen und in das Vorzimmer des kaiserlichen Kabinets geführt, wo der Kaiser die Deputation allein empfing. Baron Güuzburg stellte die Deputationsmitglieder vor und richtete eine kurze Ansprache an den Kaiser, in welcher er für den bisherigen Schutz dankte und weiteren Schutz erbat. Der Kaiser war äußerst huldvoll und gnädig, sprach mit jedem einzelnen und hörte in zwangloser Conversation alles an. Er ersuchte die Deputation, ihm durch den Minister des Innern die jüdischen Anliegen schriftlich üoi’ftcffcu zu lasten. Schließlich erklärte der Kaiser, die Deputation möge allen Glaubensgenossen sagen, daß für ihn keine Unterschiede zwischen treuen Unterthanen bezüglich der Religion und Nationalität existiren, daß die Verfolgungen der Juden nur ein äußerer Vorwand seien und daß er wisse, wie die Juden so lange friedlich neben den Christen gewohnt hätten. Die Deputation war höchst befriedigt. Moskau, 21. Mai. Mit Rücksicht auf die Gerüchte von einer bevorstehenden Judenhetze ergriff die Polizei Vorsichtsmaßregeln; einige Judenfamilien sind abgereist, andere beeilen sich, ihre Werthpapiere und Werthsachen der Bank behufs Aufbewahrung einzureichen. Ein großes Zuströmen der Juden ans den Wcstproviuzen ist bemerkbar. Feuilleton. It k i 8 a. XXI. Die Tage gingen dahin, zu schnell für die geängstigten Juden. An den Vorbereitungstagen für das Neujahrsfest hatten alle mit gedoppelter Inbrunst zu Gott gebetet, am Neujahrsfeste hatte der Schofarton ihre Herzen ergriffen. Die Wahl des neuen Consul, der an die Stelle des Hingerichteten Clemens treten sollte, war auf den 18. September festgesetzt. An demselben Tage sollten die Blutbesehle des Kaisers gegen alle Juden des Reichs dem Senate zur Bestätiguug vorgelegt werden. Auch die Christen waren mitinbegrifscn, denn diese wurden damals noch als eine jüdische Secte betrachtet; auch sie sollten, ohne Ausnahme, dem Tode geweiht werden. Aus den 18. September fiel in jenem Jahre der Vcrsöhnungstag. Man kann sich denken, mit welch' heißer Andacht die römischen Juden zu Gott im Himmel flehten, wie sie ihre Sünden bereuten. Unsere Weisen erzählen uns im Midrasch, daß in diesen Tagen sich erfüllte die Verheißung der heiligen Schrift: In Deiner Roth . . . ., da wirst Du zurückkehren zum Ewigen, Deinem Gotte, und gehorchen Seiner Stimme. (5. B. M. E. 4. V. 30 Midrasch Jalkut zur Stelle). In Colouia Agrippiua, dem heutigen Cölu, hatte ein Wahrsager, Namens Mardonius, prophezeit, daß der Kaiser am 18. September beim Beginn der fünften Stunde, Nachmittags, von Mörderhand fallen würde. Mau hatte ihn in Ketten nach Rom gebracht, dort abgehört und zum Tode verurtheilt. Da lachte der Wahrsager und sprach: Ihr, könnt mich verurtheilen, wie Ihr wollt! Mein Geschick ist ein anderes. Mardonius wird nicht von Henkershand sterben, er wird von Hunden zerrissen werden. — Um ihn Lügen zu strafen befahl der Kaiser, daß mau einen Scheiterhaufen errichte und den Wahrsager in die Flamme werfe. Der Befehl des Kaisers wurde alsobald erfüllt. Domitian selbst war zugegen, da man das Urtheil vollstreckte. Ein Lächeln der Befriedigung zog über sein Gesicht, als man den Unglücklichen in die helllodernden Flammen warf. In demselben Augenblicke brach ein furchtbares Unwetter aus, der Regen ergoß sich in Strömen hernieder, löschte die Flammen aus und der halbverbrannte Wahrsager verließ noch lebend den Scheiterhaufen. Am Fuße desselben stürzte er nieder, nicht kräftig genug, noch weiter zu gehen. Da kam eine Schaar Hunde herbei und zerriß den Sterbenden. Domitian sah es, und sein Herz erzitterte vor Angst und Schrecken. „Wehe, wehe," rief er, „hat der Elende über sich selbst die Wahrheit vorausgesagt, so wird auch eintreffen, was er über den Beherrscher der Welt verkündet hat." Der Kaiser verbrachte die folgenden Tage und die folgenden Nächte in der fürchterlichsten Angst. Endlich kam der 18. September herbei. „Heute," sagte Domitian, „wird sich etwas zutragen, wovon die Menschen auf dem ganzen Erdkreise reden werden." Er hatte einen Blutschwären auf der Stirn,