Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1881)
- Date
- 1881-05-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447869--17564-2473574- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lief) erlangen sie die Herrschaft, und man weiß nicht woher sie gekommen/ bis sie allmählich verblassen, die Herrschaft verlieren und verschwinden; man weiß nicht, wohin sie gegangen. Das sind die Ideen der Zeit, die mit der Zeit geboren werden, wachsen und verschwinden. Anders 'verhält es sich mit den am Sinai uns geoffenbarten Gedanken; sie sind der Mode und dem Zeitgeiste nicht unterworfen. Aber es bedarf einer langen Zeit, bis sie durchdringen und die ganze Welt ihrer ganzen Herrschaft unterwerfen. 'Wie lange hat cs gedauert, bis der Gedanke, daß ein einziger Gott der Schöpfer, Regierer und Erhalter des Weltalls ist, das kleine Israel zu durchdrungen vermochte! Roch am Fuße des Berges Sinai fielen sie in den Wahn des egyptischen Götzendienstes zurück; nach vierzigjähriger Läuterung und Wanderung durch die Wüste ließen sie sich an der Grenze des heiligen Landes vom Baal Peor verstricken; in Palästina verfielen sie wieder und wieder in den Dienst der Götter der benachbarten Völker; erst nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft ward Israel für ewige Zeiten der Anerkennung des einzigen Gottes gewonnen, und viele Jahrhunderte währte es noch, bis diese Erkenntnis;, wenn auch in entstellter Form, andern Völkern zum Gemeingute wurde. Einst aber wird kommen der >vag, an welchen: die ganze Menschheit den einzigen Gott erkennen und zu Ihm beten wird. Israel ist das Werkzeug in der Hand Gottes zur Erziehung des Menschengeschlechtes. Wir sind die Bewahrer seiner Lehre, von der nur wenige Blnthen zum Gemeingutc der civilisirten Nationen geworden sind. Die gottcntstammte Thora ist der Regen, der die Welt befruchtet und der die Kraft verleihet, Blnthen und Früchte zu zeitigen. Sie zu pflegen ist unseres Volkes große, erhabene Ausgabe. Wir haben sie bewahrt inmitten unaufhörlicher, aufreibender Kümpfe. Als die gewaltige Roma das kleine Israel zermalmen wollte, da hat die Pflege der GotteSlehre unfern Voreltern die Kraft zum Widerstande verliehen. In den finstern Zeiten des Mittelalters wurden Tausende durch Feuer und Schwert hinwcggerafft. Aber hinter den dunklen Ghettimauern wurde die Thora gehegt und gepflegt, und sie belohnte die Verfolgten, indem sie ihnen trotz alles Druckes ewige Jugendfrische und nimmer zu beugende Geisteskraft verlieh. Die neue Zeit kam heran mit neuen Ideen. Es fielen die Mauern der Judenviertel und die Scheidewände im bürgerlichen Leben. Gefährlicher als Druck und Verfolgung erwies sich die. neuerstandene Freiheit. O, möchte mein Volk doch bedenken, daß die Dauer unserer Tage, das Glück unseres Lebens, die wahrhafte Freiheit uns nur innerhalb der Thora erblühen können. Es herrscht eine erschreckliche Dürre auf jüdischreligiösen: Gebiete □'&!> wb «es bi »irr, möchten doch die Durstigen sich laben an dem ewigreinen, erquickenden Qnell der heiligen Gotteslehre! Nur da, wo sie gepflegt wird, strömt der befruchtende Regen hernieder. In dem engen Stndierziinmer der Thorabeflissenen, in den Lehrhäusern, in den Schulen, in denen die Jugend mit dem Geiste der Thora erfüllt wird, nur dort bereitet sich die erhabene Zukunft des Menschengeschlechts vor. Mag dieses Streben auch klein und unbedeutend erscheinen — es ist die Saat der Zukunft. Und ein jedes Saatkorn, das von dem himmlichen Regen der Thora befruchtet wird, gebt auf, wächst, bringt Blnthe und Frucht, und die Frucht wird wieder ^amen. (Fortsetzung folgt). Zwischen Schach und Schabuoth. Von Na pH tat! Simon. III. Wenn die Tage der Sefirah uns den Werth der Thora zum Bewußtsein bringen, daß wir sie als das höchste Gut schätzen lernen, welches Gottes Allliebe den sterblichen beschicden; und wenn diese Zeit uns deutschen Juden zugleich die Erinnerung an das erhabene Beispiel unserer großen Ahnen vor die Seele führt, die um der Thora willen die Erde mit ihren Gütern Preisgaben und sich selbst mit Weib und.Kind hinopfertcn, um dem Schwure, den wir alle am Sinai der Thora geleistet, treu zu bleiben — so mahnt uns die Scfirabzeit auch durch ein anderes Blatt unserer Geschichte, die rechte Gesinnung, den reinen Geist der Thora entgcgenzubringen. Dein: die Thora ist keine Wissenschaft, welche, gleich den übrigen Objecten, denen der Forschungstrieb der Menschen sich widmet, nur den Anspruch auf das Gekannt-Sein erhebt; sie begnügt sich nicht damit, Gegenstand gelehrter Discussionen und Abhandlungen zu sein, oder als „Religion" in den Katechismen der Jugend und in dm weihevollen Momenten des Gottesdienstes recitirt zu werden; — sie will vielmehr nichts Geringeres, als unser ganzes Leben in allen seinen Beziehungen behcrschen und verlangt unbedingte Anerkennung und unverbrüchlichen Gehorsam. Wehe den:, der sich ihr in anderer Gesinnung naht. Je mehr er ihre Satzungen kennt, je umfassender sein Wissen von ihr ist, desto furchtbarer rächt sich jeder unheilige Gedanken, den er mit seiner Thorakenntniß verbindet. Wie Nadab und Abihu in dem Hinantreten