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Der Israelit · 1881-05-18 · Heft 20 (18.5.1881) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 20 (18.5.1881)
Date
1881-05-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
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4 SH wenn indessen oon zehn Tobten erzählt wird, so ist das llebertrdfutmv Die meisten Familien retteten sich ans den Bahnhof nnd entstohen naR allen Mitd)= tungen; viele landen im Polizeigeloände Zuflucht, wo gestern selbst noch alle Räume von Weibern und Kindern, die ans bloßer Diele lagerten, veseist waren. Der Unfug währte bis zum, k2S. Abends, wo endlich das herbeigezogcne Militär der Unruhestifter .Herr ward und Ler'oaftnngen vornahm. Gegen SM Wohnungen und Magazine sind zerstört nnd ansgeranbt, der Schaden beläuft sich ans etwa 2 Millionen. Jetzt ist die Stadt von Militärnnd Gcrichtspersonen so angefüüt, das; man kein Zimmer wehr anftreiben kann. Der Ausfall des Jahrmarkts mit der landwirthschaftlichen Ausstellung führt einen neuen schweren Verlust für die Bürgerschaft herbei. Mehrere Abschätzungs-Kommissionen sind rastlos thätig. Natürlich sind die Juden zu gute Rechner, mit. nicht das Doppelte des Verlustes anzngcben; über die Art ihrer Entschädigung lässt sich überhaupt noch gar nichts sagen. Bis heute sind etwa OOO Theilnehmcr in Haft gebracht. Es sollen auch hier fremde Anfhetzer gefunden worden sein; immerhin ist die Sache sehr ernst und erfordet große Klugheit in der Behandlung, da sie, wie es scheint in weite Voltskreise hineingreift. lieber die Jndeuhetze in Kiew theitt die „Polit. Eorr." noch folgende Einzelheiten mit: Im Stadtviertel Podol wurden sämmtliche Atagazine jüdischer Kanfleute geplündert, sowie viele Privatwohnungen israelitischer Familien zerstört. Den grössten Schaden erlitten insbesondere zwei der angesehendsten Kaufleute im Viertel Altkiew, die HH. Brodzki und Fichtenholz, deren Wohnungen völlig demolirt wurden. (An großes Spirituosen - Depot im Stadtviertel Libetzkoi, sowie ein Bränhans neben der Eisenbahn bei Podol, beide Eigenthum des Herrn Brodzki, fielen der Wnth des fanatischen Pöbels zum Opfer. In der Umgebung Kiews litten am meisten die Ortschaften iLOinolenkü und Demejewka, wo fast sämmtliche Wohnungen der Inden geplündert, in letzterer sogar theilweise niedergebrannt wurden. Gin ähnliches Schicksal erführet die Inden in Slobotka, während sie in Koronowka gleichfalls hart mitgenommen wurden. Mehrere von Zerstörung bedrohte Objecte wurden militärisch besetzt, die Znckerraffinerie unter den Schutz von Kosakeis und Infanterie gestellt und an zwei Hauptpunkten sogar Artillerie aufgefahren. Am zweiten Tage der Execsse machte das Militär, als das Volk das obenerwähnte Brünhaus plünderte, von den Waffen Gebrauch, und hierbei sollen vier Excedenten getödtet und eine größere Anzahl derselben verwundet worden sein. Auch wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenomnten. Montag (0. Mai) Abends hatten die Unruhen ihr Ende erreicht. Die Anstifter nnd Theilnehmer der Exeesse sollen sich, wie es heisst, auf's Land zurückgezogen haben. Einige Kiewer Kanfleute, die nach Lemberg flüchteten, schildern diese Vorgänge selbstverständlich mit viel grelleren Farben. Große Besorgnis; bei den Bedrohten erregte namentlich die Ung< wißheit darüber, wohin die plündernde Rotte ihren Weg genommen habe und tvas dieselbe ans dem Lande zu treiben gedenke. — Der österreichische Konsul in Kiew hat in einem Berichte an das Wiener auswärtige Amt die Rothwendigkeit hervorgehoben, die Geschäftswelt in Oesterreich-Ungarn darauf aufmerksam zn machen, damit sie in ihrem Verkehr mit Kiew sich darnach richte. Einem Berichte der „W. fr. Pr." ans Kiew, o. Mai, entnehmen wir noch folgende bemerkenswerthe Einzelheiten über die Jndeuhetze: Zn Anfang voriger Woche begannen sich in unserer Stadt beunruhigende Gerüchte von beabsichtigten Judenverfolgungen zn verbreiten. Unter den Bauern hatte man ansgesprengt, der verstorbene Zar hätte vor seinem Tode einen Ukas erlassen, mit welchem er eine allgemeine Bertheilnng alles Grundes und Bodens in Rußland an die Landbevölkerung beabsichtigte: die Arbeiter dagegen erzählten, der neue Zar hätte den Wunsch ausgesprochen, daß bis zur Zeit seiner Krönung nur eine einzige, die heilige russische Kirche existiren sollte, es dürste bis dahin keine Andersgläubige mehr geben. Alle diese Gerüchte schwirrten durch unsere Stadt, die bei einer Bevölkerung von l:')0,MO Seelen ungefähr 20,0nn Inden zzähtt; man hatte allen Grund zu Befürchtnngelk, da gleichzeitig nebst den Ansammlungen der städtischen und Eisenbahnarbeiter Zuzüge von allerlei verdächtigen Leuten aus den Rachbarstädten herbcikamen, denen seltsamerweise die Polizei keinerlei Beachtung schenkte. Es sollte sich bald zeigen, zn welchem Zwecke diese Leute herbeigezogcn waren. Der Sonntag kam und große Arbeitermaffen begannen auf dem jüdischen Markte ihr Unwesen zn treiben. Man rief nach der Polizei, diese rührte sich nicht. Das war gegen die Mittagsstnnde. Immer größere Bolksmassen sammelten sich, zogen in's Podolviertel nnd begannen die dortigen Magazine zn plündern. Fortwährend zogen neue Massen herbei. Sie drangen in die Häuser der Inden, ans denen Weiber nnd Kinder unter Geschrei und Wehklagen flüchteten; Kisten und Kasten wurden cingeschlagcn. Alles was einen Werth hatte, mitgenommen; was werthlos erschien oder nicht weggetragen werden konnte, wurde zerschlagen, zerrissen, zertrümmert und zum Fenster hinausgeschlendert. Dabei schienen einige civilisirtere Elemente die Rolle der Rädelsführer übernommen zu haben nnd die Zerstörung regelrecht zn leiten. In

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