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Der Israelit · 1881-05-18 · Heft 20 (18.5.1881) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 20 (18.5.1881)
Date
1881-05-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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381 schläger und den ganzen Hattenfelser Fortschrittsjammer bald gänzlich vergessen ließen. Was liegt doch für ein einziger, mächtiger unerklärlicher Reiz in jenen Bonmots', die ans dem unerschöpflichen Borne unserer heiligen Thora und den Aussprüchen unserer Weisen sprudeln! Welche Wissenschaft, welche Kunst versteht cs die Unterhaltung ihrer Junger mit solchem heiteren Ernste und mit jener ungezwungenen Freude zu würzen, welche die Freunde der Thora erfüllt, wenn sie ans dieser Thora sich ein „gutes Wort" mittheilen! Wie drängt da ein Gedanke den anderen, regt eine Bemerkung die andere an und wie gibt es da keine Seite, keine Beziehung des vielgestaltigen Lebens, für die sich in dem unermeßlichen Schatze unserer heiligen llebcrlicseruugeu nicht irgend Anknüpfungspunkte finden ließen! Diese eine Eigenthümlichkeit unserer Thora, müßte ihre Verächter stutzig machen, müßte auch diejenigen zum Nachdenken 'anregen, die dein inneren Gehalt unserer Thora nie näher getreten sind, aber Gelegenheit haben, lediglich diese äußere Eigenart zu beobachten. Ich bin, bemerkte Herr Waldberg ans dieses Thema eingehend, hier und in der Gegend verrufen, daß ich eine krankhafte Vorliebe für russische und polnische Arme hätte; mein Haus habe für wandernde Polen eine so anziehende Kraft, daß sich unser Herr Vorsteher beit schlechten Witz erlaubt, es Metropole zu neunen. Offieiell stelle ich das immer in Abrede, weil in ganz Hattenfels nicht ein einziger ist, dem ich meine Sympathie erklären könnte. Aber Sie werden mich begreifen. Wenn man von Jugend an n^i-n gelernt hat und man wird nun von einem bösen Geschick verurtheilt in einer Gemeinde wie es Hattenfels ist zu leben, wo auch keine Spur von min und nsrp ist, da beschleicht einem von Zeit zu Zeit eine wahre Sehnsucht nach dem lebendigen Verkehr mit irgend einer gleichfühlenden jüdischen Seele. Kein noch so zerfetzter Rock, kein noch so struppiger Bart kann mir deßhalb die Freude rauben, die mich immer erfüllt, wenn ich von einem Durchreisenden „ein gutes Wort" erhaschen oder ihm eines mittheilen kann. Ich würde einrosten, wenn ich nicht diesen Verkehr wenigstens hätce. Unser Herr Vorsteher hat mich schon oft von dieser meiner Manie wie er es nennt, heilen wollen; es ist ihm aber so übel bekommen, daß er mich seit vielen Jahren in Ruhe läßt. Es ist unrecht, sagte er eines Tages zu mir, daß Sie der Gemeinde die Landplage der durchreisenden Polen anfzwingen, denn wenn dieselben von Ihnen nicht so gastlich ausgenommen und noch mit einem Zehrgroschen ansgestattet würden, siele es doch keinem von ihnen ein, nach Hattenfels zu kommen. „Erhalten denn die durchreisenden Armen von Ihnen nichts"? fragte ich den Vorsteher. „Nie", erwiedcrte er mit vielem Selbstbewußtsein, „ich verweigere prinzipiell jede Gabe, um dieses Unwesen nicht noch zu unterstützen". „Wissen Sie, Herr Vorsteher, wie unsere Weisen einen Mann von solchen Prinzipien zu nennen sich erlauben, der selbst nichts gibt und auch noch Andere vom Geben zurückhalten will? beit nennen Sie einen pL->; und wenn Sie mir's nicht glauben, können Sie's in einer deutschen Uebersetzung der Piette Aboth Nachlesen." „Aber Sie müssen doch zugestehen, daß dieses Proletariat sammt und sonders aus Spitzbuben besteht." „Nein, mein lieber Freund, das gestehe ich Ihnen nicht zu, aber wenn das selbst so wäre, ist die Spitzbüberei nicht international? Wer hat denn ein Monopol auf die Spitzbüberei, haben die durchziehenden Armen nicht wenigstens dasselbe Recht Spitzbuben zu sein, wie die Reichen, die das an ihren Thüren pochende Elend mit Prinzipien abspeisen möchten? — Und wie kurze Beine haben doch diese Prinzipien! Zuerst stempelte mau die Armnth zum Verbrechen, ans das Schub und Gesängniß gesetzt ist, dann nennt man den Hilferuf der Armen „Betteln" und dccretirt: „Betteln ist verboten", warum sollte man sich denn nicht ein Prinzip zimmern können, das die Hartherzigkeit zur Tugend und das Wohlthun zur öffentlichen Ordnung gefährdenden Schwäche macht? Wie viele von allen denen, die ihre Herzen „prinzipiell" verschließen, um daun ohne Serupel ihre Hände und Truhen schließen zu können, würden nicht ihre Prinzipien über Bord werfen, würden allerdings dem Bettelunwesen durch ihre Gabe Vorschub leisten, wenn sie z. B. wüßten, daß sie für jeden Pfennig, den sic den Armen geben, sofort l Thaler bei irgend einer guten Firma erheben könnten. Hand auf's Herz, Herr Vorsteher, oder doch auf die Seite, wo es bei anderen Leuten zu sitzen pflegt, wenn ich mich durch meine Unterschrift verpflichten wollte. Ihnen für jeden Pfennig, den Sie Armen geben 1 Thaler zu zahlen, ob Sie dann nicht ihr Prinzip, ihr Steckenpferd laufen ließen, und ein recht großer np-is bp2 werden, größer vielleicht als mir lieb wäre? Und nun verspricht's Ihnen nicht ein schwacher, hinfälliger Mensch, der morgen vielleicht schon nicht mehr erfüllen kann, was er heute versprochen hat, von der ältesten, besten, solidesten Firma bekommen Sie mit reichert Wucherzinsen jede Gabe zurückbezahlt, die sie den Armen reichen; bi ijti 'n miro Gott gewährt Jeder ein Darlehen, der den Armen eine Gnade erweist." Wenn ich mich bei solcher Gelegenheit in einen recht feurigen Eifer hineingereoet hatte, fing dann

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