Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1881)
- Date
- 1881-05-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXIL Jahrgang. Erste Seilagt zu Nr. 20 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aus Unterfranken, im Mai. Unser gesegnetes Bayern war bisher, Dank der loyalen Gesinnung seiner Bewohner, noch mehr aber Dank dem landesväterlichen Willen unseres vielgeliebten Königs, durch die hohen und höchsten k. Organe zum Ausdruck gebracht, von dem unser Jahrhundert schmähenden und deutscher Eivilisation Hohn sprechenden Getriebe der Antisemiten ziemlich verschont geblieben; sie fanden hier keinen Boden und auch die berüchtigte Petition zeigte im Verhältnis; zur Einwohnerzahl nur wenig Unterschriften ans Bayern- Am wenigsten glaubte man in Würzburg an eine beifällige Aufnahme dieser Agitation; denn man hörte sie allgemein nur mit Abscheu oder wenigstens mit Gleichgiltigkeit erwähnen. Und doch wagte es trotz des bereits durch alle Zeitungen bekannt gewordenen königlichen Willens, ein gewisser Fella daselbst seit dem 23. April ein Wochenblatt unter dem TM „Deutscher Antisemit" erscheinen zu lassen, das an Gemeinheit in den Ausdrücken, an Schimpfworten gegen Juden und Judenthum, an Niedrigkeit der Gesinnung, an Haß, Verdächtigung und Verleumdung alles Dagewesene aus diesem Gebiete übertrifft. Die Gegenwart hat hierin schon viel, ja zu viel geleistet und man sollte glauben, sie müßte sich erschöpft haben; aber ein solches Product der gemeinsten Denkweise, des Hasses und der Lüge deutschen Bürgern zu bieten, hätte man nicht für möglich gehalten. Da wird nicht nur der Jude mit allen nur erdenklichen Schimpfnamen belegt, sondern hl. Schrift, Lehre und Literatur, vor welchen Heroen der Wissenschaft ehrerbietig das Haupt senken, werden frivol in den Schmutz gezogen, ihre Worte und Lehren verdreht, ihnen Gehässigkeiten gegen Andersgläubige angedichtet, wovon keine Spur sich vorsindet. Natürlich ist das ganze Machwerk für die ungebildete, unkundige Klasse berechnet; der Gebildete liest es nicht, er schämt sich, einen Blick daraus zu richten, er wendet sich von solcher Kampfesweise, von solchen längst als Verdächtigungen gemeinster Art erkannten Behauptungen mit Abscheu ab; ja man begegnet nicht selten einer Entrüstung darüber unter der christlichen Bevölkerung, daß ein Mensch mit so trüber Vergangenheit wagen dürfe, sich zum Sittenrichter über eine ganze Volksklasse aufzuwerfen. ' In diesem Sinne wenigstens haben sich die hiesigen liberalen Blätter über den H. Redacteur dieses liebenswürdigen Blättchens ausgesprochen. Wir hätten eigentlich von einem Feinde solchen Rufes nicht viel zu fürchten und könnten ihm das Vergnügen sich in dieser niederen Sphäre zu versuchen oder auch sich eine Existenz darin zu verschaffen wohl gönnen, wenn es uns nicht darum zu thun wäre, auch mit den Geringsten im Volke in gutem Einvernehmen zu leben und den confessionellen Frieden nach dem ausdrücklichen Willen der k. Staatsregierung nach keiner Seite hin gestört zu sehen. Uebrigens könnte gerade bei dieser Klasse eine durch solche Hetzartikel systematisch erzeugte Verstimmung oder Mißachtung gegen die jüdische Bevölkerung leicht zu Ausschreitungen und Thätlichkeiteu führen, wie wir dies bereits anderwärts in so traurigem Maaße erfahren mußten. Die k. Staats-Anwaltschaft, dies wohl einsehend, hat auch bereits die Probenummeru dieses Blattes consiscirt xmb soll Untersuchung gegen den Redacteur eingeleitet sein. Bei solch leidenschaftlichem Hasse läßt sich auch nicht erwarten, daß man sich für die Länge innerhalb der gesetzlichen Schranken zu halten vermag und wäre es kein Wunder, wenn solch Treiben durch den Wächter des Gesetzes das Handwerk gelegt wird. Die Lüge hat keinen Bestand. Gleichzeitig sei eines Gegensatzes erwähnt. Jüngstens hat in Würzburg eine anonyme Broschüre, unter deni Titel: „Ein Wort der Mahnung an Israel und Beherzigung der Jndenhetze," die Presse verlassen. Dieselbe hat den Zweck, was bereits in Ihrem und andern orthod. Blättern vielfach gesagt worden, ausführlich zu wiederholen, daß bic gegenwärtige Judenhetze den Inden wieder an seine relig. Pflichten erinnere und ihn zur Rückkehr zu seinem Glauben ermahne. Eine weitere Kritik des Schriftchens, das jedenfalls von einem frommen Geiste zeugt und des Beherzigenswerthen viel enthält, werde hier nicht geübt. Doch sind die Erfolge all dieser Mahnrufe, von Feind oder Freund ausgehend, leider nur äußerst gering. Man nimmt es sich auf Seite unserer aus Irrwegen sich befindenden Brüder zu wenig zu Herzen, ans die rechte Pfade der Religion und des Glaubens zurückzueilen; mit schmerzlichem Gefühle muß man es mit ansehen, wie Sabbat und Feiertage öffentlich entweiht, wie Speisegesetze freventlich und übcrmüthig übertreten werden. Hat doch erst mit den jüngsten Feiertagen ein größeres Ge.