Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1881)
- Date
- 1881-05-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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476 ten. Schrecken und Angst erfaßten seine ganze Umgebung. Da geschah es eines Tags, daß ein Knabe Namens Ganymed, welchen der Kaiser nach römischer Unsitte sich hielt, eine Schreibtafel fand, die der Tyrann unter seinem Kopfkissen verborgen hatte. Auf dieser waren wiederum neue Opfer notirt, unter ihnen Domitia, des Kaisers eigene Gemahlin, und Parthenius, sein vertrautester Diener. Ganymed zeigte seinen Fund der Kaiserin. Diese ließ Parthenius und die andern Proscribirten zu sich entbieten und zeigte ihnen die Notizen, die Domitian mit eigener Hand gemacht hatte. „Wir müssen ihm zuvorkommen," rief Parthenius. „„So ist es"", sagte die Kaiserin. „„Doch wen betrauen wir mit der Ausführung?"" „Ueberlasse das mir, Herrin," sagte Parthenius. „Ich kenne einen Mann von großer Körperkraft, der sich glücklich schätzen wird, den Todesstoß führen zu dürfen. Da Domitian selbst sehr stark ist und stets nur einen Diener vor sich läßt, so muß derjenige, der uns. von ihm befreien soll, ihm au Körperkrast mindestens gleichkommen." Nicht lange nachher begab sich Parthenius in das verlassene Haus des Flavins Clemens und begehrte den Haushofmeister desselben, Stephanus, Zn sprechen. Da dieser nicht anwesend war, so erwartete Parthenius dessen Rückkehr. Stephanus hatte sich in die Wohnung der jüdischen Weisen begeben. „Hier", sprach er Zn diesen, „bringe ich Euch das letzte Vermächtniß meines Herrn. Vor seinem Gange zum Kaiser übergab er mir dieses Paquet und sprach: „Mein Stephanus, Du bist mir ein treuer Diener gewesen; erfülle, ich bitte Dich, meinen letzten Wunsch. Wenn ich von diesem Gange nicht wiederkehre, so bringe dies da den Weisen aus Judäa und sage ihnen, es solle Akiba und seinen Genossen gehören." Ohne die Antwort der Weisen abzuwarten, entfernte sich Stephanus. Rabbi Akiba öffnete das Paquet und fand darin C'delsteine und Perlen von fast unschätzbarem Werthe. Als Stephanus in das Haus seines Herrn zurückkehrte und Parthenius seiner wartend fand, ries er diesem entgegen: „Nun, Parthenius, bist Du gekommen, um auch mich zum Tode zu führen?" „„Nein,"" entgegnete der Angeredete, „„ich bin gekommen, um Dir Gelegenheit' zu bieten, den Tod Deines Herrn zu rächen."" „Ich will den Tod meines Herrn nicht rächen. Mein Herr hat nur die Strafe erhalten, die er verdient hat, und meine geliebte Herrin ist durch des Kaisers Gnade vom Tode befreit worden. Meine Gesinnungen für Domitian sind die besten und ich opfere täglich der Minerva, aus daß sie ihn gnädiglich beschütze." „„Du bist sehr klug, Stephanus und ich kann Deine Vorsicht nur rühmen; aber ich bitte Dich, lies, was Domitian mit eigener Hand auf diese Schreibtafel geschrieben, Du kennst ja die Schriftzüge des Kaisers."" Stephanus nahm die Tafel und las. „Das ändert allerdings die Sachlage", sprach er. „Reiche mir Deine Hand, Parthenius, wir sind verbündet." „„Wohlan"", sagte Parthenius, ihm die Hand reichend, „„ich fasse diese Hand und weihe sie für die beste und edelste That, die je ein Römer vollbracht hat. Diese Hand soll den wüthenden Tyrannen'hindern, fürder das Blut der besten Bürger der Stadt zu vergießen."" „Und warum hast Du mich dazu ansersehen, Parthenius?" „ „Weil Domitian eine große Körperkraft besitzt und von Allen, die ich ins Vertrauen ziehen kann, nur Du allein ihm an Körperkrast überlegen bist."" „Welches ist Deip Plan?" „„Du mußt Dich zum Dienste des Kaisers melden. Cr kennt Dich und ist Dir gewogen. Er wird keinen Argwohn gegen Dich haben und wird nicht fürchten, daß Du Deinen Herrn rächen wollest, weil er nicht an Treue und Aufrichtigkeit glaubt. Che Du zu ihm ins Gemach trittst, werde ich alle Waffen aus demselben entfernt haben. Du aber ziehest den Dolch hervor, den Du unter Deinen Kleidern verborgen gehalten und stoßest ihm denselben in sein verruchtes Herz. Jupiter wird Deinen Arm stärken und den Stoß gelingen lassen. Alle Götter haben sich von dem Tyrannen abgewendet. In verflossener Nacht zeigte ihm ein Traum, daß Jupiter, der Beschützer des Reichs, seiner Tochter- Minerva verboten habe, den Zerstörer des Reichs, den Tyrannen Domitian, noch länger zu schützen. Die Wahrzeichen sind günstig. Sorge Du dafür, mein Stephanus, daß sie sich bald erfüllen mögen." " „Es bedarf keiner weiterer Ermahnung. Die Manen meines geliebten Herrn sollen gerächt werden." (Fortsetzung folgt). Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des .Israelit* große Bleiche 45. I. (Hot t8 lebe n'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).