Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1881)
- Date
- 1881-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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471 völlige Gleichstellung und Anerkennung aufkommen ließ, da wurde Israel schwankend in seiner Treue. Es konnte sich nicht zurecht finden in der neuen Zeit, welche ihm so anmuthend entgegenlachte; es glaubte für das Entgegenkommen von Außen, seinerseits mit dem Lossagen von den: Gesetze der Väter antworten zu sollen; es wähnte, das Fest der Verbrüderung mit seinen Mitbürgern über dem Grabe seiner Treue gegen Gottes Gebot feiern zu müssen. D)M so schwankte das Volk, — und es währte nicht lange icy noj dj so folgten die Rabbiner dem Volke auf der abschüssigen Bahn. Es erstand jene Reihe von Rabbinen, welche sich in den Dienst der Lüge stellten und den Abfall des Volks von der Thora als verdienstlichen Fortschritt verherrlichten, urs: wtcn cjiy rn und also des Volkes Seele, welche bislang aus Leichtsinn und Unkenntnis; gefehlt, zu der „Höhe" ihres bewußten Abfalls emporgezogen. irwv cjn nvn Das unsittlichste aller Prinzipien, „die Ausgleichung der Lehre mit dem Leben," hatte sich auf diese Weise vorbereitet, vollste Harmonie herrschte Zwischen „Volk und Priester," der Rabbiner verherrlichte von der Kanzel seine „wahrhaft fromme aufgeklärte" Gemeinde, und diese beglückwünschte sich zu ihrem milden, toleranten , Seelenhirten," welcher die Gewissen so außerordentlich beruhigt hatte, daß ohne jeglichen Scrupel fortan die heiligsten Gebote Gottes außer Acht gelassen werden konnten. n-nyj rcwn_vin\ So schwand die Wahrheit ans dem ^Bewußtsein des Volkes, bynwn jno idi und die Treue gegen die Thora, die Gewissenhaftigkeit, welche sich scheute eine Satzung des Judenthums zu verletzen, wurde als Blödsinn, oder fanatische Tollheit verschrieen. Und es bildete sich jene Anzahl von Lehrern und Cantoren heran, welche den Geist der Lüge und des Abfalls in die kleineren Gemeinden hineintrugen, welche in ihrer unreifen Halbbildung aus das neue Evangelium der Reform schwuren und die Apostel der „großen Resornmtion des Judenthums" wurden. Die Verheerung, welche dieser radicale Abfall anrichtete, machte Viele stutzig. Sie, die noch eine j „pietätsvolle Achtung" vor der Vergangenheit hegten - und das Band, welches Israel mit der Thora ver- - knüpft, nicht ganz zerreißen mochten, wünschten dem l Verrathe Einhalt zu gebieten. Sie wollten heilend! und rettend eintreten in den Kreis der Gemeinden.! Aber auch sie waren nicht mit ganzer Seele dem! Judenthum ergeben, auch ihr Herz war nicht von; der echten Begeisterung für die Thora erfüllt, auch; sie waren irre geworden und hatten sich ergreifen? lassen von dem Taumel des Tages. j •yn Mm j»3 .->v-r D3\ Sie hatten sich ver-! führen lassen aus dem Kelche einer falschen Wissen-! schaft zu trinken und waren umnebelt von dem Rausche der Eitelkeit und der Ueberhebung. Ihr Dünkel gab ihnen den hochmüthigen Gedanken ein, an der heiligen Ueberlieferung der Väter den kritischen Zahn zu wetzen. Mitleidig schauten sie auf den „naiven Glauben" ihrer Jugendzeit herab, die sie in den alten Lehrhäusern verlebt hatten, um zu „lernen." j Sie „studirten" nicht mehr, um zu „lernen," sie i „forschten," und sie „gingen wissenschaftlich zu Werke" und hofnieifterten nicht allein die Gaonim, sondern; auch die Amoraim und Tanaim und Soferim und; ihre „kritische Wissenschaft" wagte sich endlich auch; an die Propheten — kaum hielt sie vor den „fünf * Bücher Mosis" time.; So zogen sie Alles in Zweifel und wollten! dennoch ,/rhaltend" wirken. Eine „geistreiche Conjectur," ein kühner „historischer Blick" war ihnen : das Höchste — und sie schrieben fälschlich ihrer „Wissenschaft" das Verdienst zu, daß sie selbst, die Generalpächter der Wissenschaft, „den Kern des Judenthums," zu welchem sie allerdings auch die practische Befolgung der biblischen und eines Theils der talmudischen Gesetze zählten, erhalten mochten. Sie übersahen aber, daß sie sich hierbei in einem bewußten und unbewußten Jrrthum befanden. Daß sie nicht so radieal reformiren mochten, wie Jene, resultirte vielmehr einerseits aus der Erkenntniß der Gefährlichkeit der extremen Reformsucht, welche mit notwendiger Eonseqnenz auf die Regiruug jeder positiven Religion hinanslanfen müßte. Ohne positive Religion aber wäre eine Religionsgemeinde unmöglich und ohne Religionsgemeinde würden auch Rabbiner sehr bestimmt unmöglich werden. Andererseits aber wirkten die Gewohnheit und das Beispiel des Elternhauses in ihrem Herzen zu; mächtig, und zu tief hatte die von den „naiven" : Eltern gepflegte „Frömmigkeit" in ihrem Gemüthe! Wurzel gefaßt, als daß sie diese Practische Frömmigkeit in sich zu ertödten vermochten. Nicht ihre kritische Gelehrsamkeit fesselte sie an das Judenthum, sondern die unwissenschaftliche Lebensgewohnheit „ungebildeter" Väter und Mütter. Ihre Gelehrsamkeit und Wissenschaft hingegen bauten sich nicht auf ans dem Grunde der Gottesfurcht und der Thora. Mit „fremden Feuer" hatten sie sich dem Altar des Heiligthums genaht, sie hatten nicht den Dünkel und die Eitelkeit am Eingänge des Thoraheiligthums abgelegt — sie traten vielmehr mit dein Zweifel im Busen in die ro^n bm hidn "i ein, nicht um sich durchtränken zu lassen von dem Geiste der Erkenntnis;, welcher hier seine Stätte hat, sondern um mit ihrem Geiste das heilige Gotteserbe zu bekritteln. Wer aber für eine Wahrheit in dem Gemüthe der Menschen Begeisterung und Liebe erwecken will.