Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1881)
- Date
- 1881-04-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXII. Jahrgang. Erste LeUagc ju Ar. 17 des Israelit. Leitende Artikel. Jüdisches Leben in Schule und Kaus. Von A. Senior. Einige Gelehrte von Palästina, welche von der Hochschule behufs Errichtung von Schulen und Förderung des Unterrichts ausgesandt waren, kamen auch in eine Stadt, in welcher sie weder Schulen noch Lehrer fanden. Da verlangten sie von den Einwohnern, daß man ihnen die Erhalter der Stadt vorsühre. Und es erschienen vor den Gelehrten die Häupter und alle Beamten der Stadt. „Was?" riefen die Weisen aus, „das sind nicht die Erhalter der Stadt, die wir meinen." „Aber welche sind es denn?" antworteten die Leute mit Verwunderung. Da sprachen die Weisen: „Die Erhalter der Stadt sind die Lehrer. Wenn der Herr das Haus nicht baut, ist vergeblich die Mühe der Bauleute." Eine gute Schule bildet gute Bürger, gute Bürger bilden eine jgute Gemeinde und viele gute Gemeinden bilden einen guten Staat. Auch Israel ist ein Staat und zwar ein eigenthümlicher Staat in Mitten der übrigen Staaten, und wenn ihm auch j heutzutage dieser Name nicht mehr in seinem vollen Sinne zukommt, weil es seine politische Selbständigkeit verloren, so hat dieses große „kleine Volk" trotzdem eine sehr große Selbständigkeit und eine mächtige Stütze in dem — Studium und in der Ausübung seiner Thora, welche ihm Harnisch und Schild war in seiner Glanzperiode sowohl, als in den schweren Zeiten der schrecklichsten Verfolgungen und Unterdrückungsversuche. So scheint es mir auch jetzt angemessen, auf sie, die Thora, als unsre einzige und bewährteste Stütze und treueste Beschützerin hinzuweisen, da die jetzigen Verfolgungen laut und deutlich uns den Mahnruf hören lassen: „Ihr seid Juden! ihr Reformhelden wie Orthodoxe! ihr Namenjuden wie getaufte Juden!" Vor dem Rischuß sind sie alle gleich berechtigt, oder besser gesagt, gleich unberechtigt. Ja, noch mehr! Als vor kurzer Zeit im preußischen Abgeordnetenhause über die sog. „Judenfrage" debattirt wurde, da sprach ein bekannter, christlicher Redner, daß gerade der Unglaube, der theilweise im Judenthume eingerissen, mit Schuld trage an der bedauerlichen Bewegung, die sich jetzt gegen die Juden geltend mache, und er flehe die Regierung an, dafür zu sorgen, daß den jüdischen Kindern der Glaube ihrer Väter erhalten bleibe, um sie vor dem Unglauben und Materialismus zu bewahren. — Das ist wohl ein vernichtendes Wort für die Anhänger des Reformjudenthums, welches den „Glauben der Väter" als unnützen und nur belästigenden Ballast über Bord geworfen, in einem „modern" sein sollenden „Unglauben" lebt und in demselben ebenfalls seine Jugend erzieht und unterrichtet. Die Verständigeren unter ihnen mögen jetzt einsehen, wie ihr Weg sie irre geführt und daß sie „Göttern gedient, die keine Götter sind", daß sie einem Jrrlichte gefolgt, welches sie auf augenscheinlich lieblichen und geraden Pfaden auf Abwege geführt, in Sünipfe und Moraste gestürzt und schließlich der Gruft des Verderbens preisgegeben, auf deren steilen und abschüssigen Wänden es unendlich schwer wird, arfls wahre Licht zu gelangen, an das Licht der Thora, ->w min o, „derenWege alle lieblich, deren schmalstePfade friedlich, sicher führend und zum Ziele geleitend sind." Es muß daher unsre erste Aufgabe sein, zu Gott zurück zu kehren und fürder ein Leben zu führen, das den Stempel unsrer Gottähnlichkeit und Gottangehörigkeit an sich trägt und das uns als echte Mitglieder derjenigen Völkerfamilie bezeichnet, die Gott zur Ausübung seines heiligen Willens auserwählt hat. Um diese große Aufgabe, welche zugleich der Beruf Israels ist, in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen, ist es nöthig, schon frühe die jüdische Jugend damit bekannt zu machen, sie in den echten Geist des Judenthums einzuweihen und ihre Herzen dafür zu begeistern. Und die Pflanzstätte solchen Geistes ist der echt jüdische Unterricht in der Schule und das beispielgebende echt jüdische Haus. Nur auf solchem Fundamente kann der Bau, das Judenthum, ein gedeihlicher werden; nur dann sind die Lehrer die Erhalter der „Gemeinde Jakobs", wenn sie im Geiste des Herrn, von dem unser h. Gesetz ausgegangen und das uns von Moscheh als Erbe übergeben wurde mit der öfteren Weisung: „Lernet meine Gebote!" „Haltet meine Gebote!" ihres Amtes walten und für Ihn und die Ausführung Seines h. Willens die Herzen der zarten Jugend empfänglich machen und Seine h. Lehre unverfälscht, in traditionellem Sinne weiterpflanzen. Jeder Unterricht jedoch, der von einem andern Geiste geleitet wird, trägt dazu bei, die Steine