Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1881)
- Date
- 1881-04-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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400 sammlung verkünden oder mochte er die Oeffentlichkeit meiden und seinem Grolle in der Stille des Hauses Lust machen, so war er dem Tyrannen, der in dem einen Falle offene Feindseligkeit, in dem andern verdeckte Jntrigue fürchtete, in gleicher Weise ein Gegenstand des Verdachts. Während aber die Politiker mit grausamem Tode bestraft wurden, begnügte sich Domitian damit, die Philosophen in die Verbannung zu schicken. Einige wurden in die wildesten und fernsten Winkel des Reichs, an Galliens Küsten, in Lybiens Sandwüsten und in die Steppen Scythiens getrieben. Artemidorus aber, der freilich mehr Geograph als Philosoph war, wurde auf sein vor der Stadt belegenes Landgut verwiesen. Artemidorus von Ephesus, nicht zu verwechseln mit dem jüngeren Philosophen gleichen Namens, dem Verfasser einer Schrift über Traumdeutung (Oneirocritica), welcher etwa fünfzig Jahre später lebte, ist besonders berühmt durch seine Reisen im Mittelmeere, dem rothen Meere und dem atlantischen Ocean. Aus seinem „Periplus" in elf Büchern machte 500 Jahre später Marcianus von Heraklea einen zum Theil noch vorhandenen Auszug. Die Bruchstücke desselben stehen in den Sammlungen der „Geographi graeci minores“. Auf feinen Reisen hatte er auch Palästina besucht und dort Freundschaft mit den Führern des jüdischen Volkes geschlossen. Als die vier Rabbinen das Landhaus des Philosophen erreicht hatten, klopfte Rabbi Josna an die unverschlossene Thüre. Artemidorus hörte es und sprach zu sich selbst: „Das müssen die Weisen aus Judäa sein, die in kein Haus eintreten, ohne vorher anzuklopfeu." Er warf schnell sein Hauskleid ab und bekleidete sich mit den Gewändern, wie sie zu jener Zeit die Philosophen zu tragen pflegten. Unterdeß klopfte Rabbi Josua zum zweiten Male. „Das sind die Weisen Israels," sprach der Philosoph zu sich selbst; „sie treten nicht eher ein, bis ich ihnen die Thüre öffne. Solchen Anstand, wie diese Männer, besitzt Niemand sonst auf Erden." Ruhig vollendete er seine Toilette, und erst als Rabbi Josua zum dritten Male klopfte, eilte Artemidorus an die Thüre und öffnete fier Da erblickte er die Weisen Israels. In der Mitte stand Rabbon Gamliel, zu seiner Rechten, Rabbi Josua und Rabbi Eleasar ben Asaria, zu seiner Linken Rabbi Akiba. Und Artemidorus rief ihnen entgegen: „Seid mir gegrüßt Ihr Weifen Israels und Rabbon Gamliel an ihrer Spitze!"*) *) Vergleiche Maßecheth Derech Erez, c. 5. Und er führte sie in sein Haus, und sprach: „Gelobt sei der Gott Israels, der mir das Glück zu Theil werden läßt, meine Freunde hier zu begrüßen." Nachdem die Weisen sich gesetzt hatten, sprach Rabbon Gamliel: „Auch wir sind froh, daß es uns vergönnt ist, die Bekanntschaft mit Dir zu erneuern. Der Anlaß unserer Reise jedoch ist ein sehr betrübender. Große Gefahren bedrohen unser Volk. Noch mehr als die Philosophen fürchtet der Kaiser die Juden. Er besorgt, daß die Vernünftigen des römischen Volkes zum Judenthum übertreten, und er hat beschlossen, um die alten Götter Roms zu erhalten, uns und unseren Glaubensgenossen den Untergang zu bereiten. Jetzt, o Philosoph, sind wirzu Dir gekommen, uns Deinen Rath zu erbitten. Was können wir thun, um das drohende Verderben abzuwenden?" Artemidorus schwieg lange, während die Weisen Israels erwartungsvoll seiner Antwort harrten. „Meine Freunde," sagte endlich der Philosoph, „es ist schwer, in dieser Angelegenheit einen Rath zu ertheilen. Domitian kennt kein Erbarmen. Wenn Ihr zu ihm geht und Euch ihm zu Füßen werfet, so wird er Euch liebevoll empfongen, Euch Milde und Gnade verheißen und nur um so sicherer auf Euer Verderben sinnen. Die Rettung liegt einzig in dem Umstande, daß das Maaß seiner Sünden voll ist, und seine Schreckens-Herrschaft nicht lange mehr währen wird. Glaubet mir, er wird gestürzt werden und eines schmählichen Todes sterben." „Was nützt uns," sagte Rabbi Josua, „der Tod des Tyrannen, wenn vorher die Mordbefehle gegen unser Volk zur Ausführung gelangen?" „Das Einzige," entgegnete Artemidorus, „was Ihr thun könnt, ist, daß Ihr Euch bemüht, Aufschub zu erlangen. Mir ist es gestattet, Euch einen gewichtigen Bundesgenossen zu verschaffen. Ich will Euch ein Geheimniß anvertrauen, von dem ich durch meinen Schwiegervater Musonius Kunde habe. Dieser hat mir mitgetheilt, daß er von einem der Delatoren Domitians erfahren habe, daß Marcus Coccejus Nerva, einer unsrer angesehensten Senatoren, auf die Liste der von dem Kaiser dem Tode Geweihten gesetzt ist worden. Wenn ein Mord gegen diesen Mann geplant wird, so ist kein Senator seines Lebens mehr sicher. Verrathet dem Nerva dieses Geheimniß, es wird den Tod des Tyrannen beschleunigen." (Fortsetzung folgt.) Hierz« vier Beilage». Verantwortliche «edaotion: Dt. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition deA .Israelit" gwße Bleiche 4L. Z. Ertt-leben'» Buchdrucker-i (Mainzer Anzeiger).