Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-04-27 · Heft 17 (27.4.1881) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 17 (27.4.1881)
Date
1881-04-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447865--17453-2473475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

399 In der Nacht, die dem Tage folgte, an welchem Nerva die Häupter des jüdischen Volkes bei sich ausgenommen, wurde er durch einen Boten des Kaisers aus dem Schlafe geweckt und zum sofortigen Erscheinen vor dem Imperator anfgefordert. Schrecken und Angst ergriffen den Greis. Sollte diese plötzliche Berufung mitten in der Nacht mit den Fremden in seinem Hause im Zusammenhänge stehen? Im Vorzimmer des Kaisers traf er Flavius Clemens, was seinen Verdacht noch bestätigte. „Mein Clemens," sagte er, „was habe ich Dir gethan, daß Du mir Leute zugeschickt hast, um derentwillen wir jetzt zur Verantwortung gezogen werden?" Kaum hatte er ausgesprochen, so eilte Catulus herbei. „Was ist geschehen," fragte dieser die beiden Anwesenden, „sind die Chatten in das Land eingefallen oder die Sicambrer? Haben die Britan'ier oder die Datier die Fahne des Aufruhrs erhoben?" Nicht lauge nachher trat Jnuius Mauricns herein. Gegen diesen hegte Dumitian einen ganz besonderen Haß; er war ein Bruder des Hingerichteten Arnlenns Nnstiens. „Was geht hier vor?" rief er. „Sollen wir Alle zum Tode geführt werden?" So erschien ein Senator nach dem anderen, lauter Mitglieder des geheimen Staatsraths, im Ganzen elf an der Zahl. Sie alle waren schreckensbleich und zitterten vor Aufregung. Lange mußten sie im Vestibulum auf Einlaß warten. Endlich erschienen die Diener des Palastes und trugen eine gewaltig große Meerbutte in das Gemach des Kaisers. Wiederum verging eine Halbe Stunde, während welcher die geheimen Räthe des mächtigen Herrschers der Welt schier verzweifelten. Nunmehr öffnete sich ihnen das kaiserliche Gemach und sie durften der Entscheidung ihres Schicksals entgegengehen. Der Kaiser empfing sie mit feierlicher Miene. „Ich habe Euch, Ihr meine geheimen Räthe, Ihr Stützen meines Thrones, Männer, hervorragend durch Weisheit und Tugend, zusammenberufen lassen, damit Ihr eine Entscheidung von hoher Wichtigkeit treffet. Verzeihet, daß ich Euren Schlaf habe stören müssen; allein die Angelegenheit, die 'ich Eurer Beratung vorlegen will, erduldet keinen Aufschub. Sehet diesen ungewöhnlichen großen Fisch; ein armer Fischer hat ihn bei Ancona am Strande gefangen und hat ihn aus Liebe und Anhänglichkeit für meine Person über die Berge Hierhergelragen, damit dieser seltene Fisch meine Tafel ziere. Nun aber besitze ich keine Schüssel, die groß genug wäre, diesen König der Fische zu fassen. Die Frage, die Ihr zu berathen habt, ist nun die: Soll der Fisch zerstückt und in mehreren Schüsseln servirt werden, oder soll man eine neue Schüssel anfertigen lassen, die den ganzen Fisch auf einmal zu fassen vermag?" Die Senatoren glaubten nicht recht gehört zu haben. Voll Verwunderung blickten sie von dem großen Kaiser auf den großen Fisch, und von dem großen Fisch auf den großen Kaiser. Und als sie endlich sich von der Richtigkeit des Gehörten überzeugten, da war es zuerst ein Gefühl der Erleichterung, welches in ihre angsterfüllten Herzen einzog. Dann war es ein Gefühl der Empörung, das sich ihrer bemächtigte. Die vornehmsten Senatoren der weltbeherrschenden Roma, vor denen die Könige der besiegten Völker in: staube lagen, sollten hier zu einem Possenspiele der kaiserlichen Willkür mißbraucht werden! Und doch mußten sie gute Mienen zum bösen Spiele machen. Mit der größten Sorgfalt beriethen sie die ihnen vorgclegte Frage und führten Gründe für und wider in's Feld, wie wenn es sich darum handelte, die größten Gefahren von: Reiche abzuwenden. Ein Majoritätsbeschluß entschied, daß der wunderbare Fisch nicht getheilt, sondern daß eigens für ihn eine neue Schüssel sollte angefcrtigt werden. Für die Führer der jüdischen Nation hatte dieses Possenspiel des Kaisers die unangenehme Folge, daß Nerva sie am anderen Tage ersuchte, anderswo Wohnung zu nehmen, da er um ihretwillen in der verflossenen Nacht zu viel Angst ausgeftanden hatte. Rabbon Gamlicl und seinen Freunden war es nur lieb, daß sie nunmehr bei einem Glaubensgenossen Quartier nehmen durften. Nur aus Rücksicht auf den Wunsch des Clemens waren sie in ein heidnisches Haus gegangen, wo die überall aufgestellten Götterbilder ihre Gefühle verletzten, ^ie begaben sich in das Haus ihres Freundes Taddäus, der sie gerne beherbergte. Jetzt nun wiederholte Rabbi Josua seine Frage: „Wollen wir nicht unfern Freund, den Philosophen Artemidorus, aussuchen?" Diesmal hatte Rabbon Gamliel nichts dagegen einzuwenden, und die Weisen machten sich auf den Weg nach dem Landgute vor der Stadt, welches der Philosoph bewohnte. Schon sieben Jahre zuvor hatte der Kaiser die Philosophen aus Rom vertrieben. In neuester Zeit hatte er die Maßregeln gegen dieselben erneuert. Viele von ihnen waren unterdeß nach Rom zurückgekehrt. Die Philosophen jener Zeit waren größtentheils Stoiker Domitian fürchtete die Lehrer der Weisheit und Tugend in den Schulen, ebenso wie er die grollenden Politiker im Senate fürchtete. Beide führten die nämliche Sprache und bedienten sich der nämlichen Losungsworte; Beide beriefen sich auf die nämlichen Grundsätzen und dieselben lebendigen Beispiele; mochte der Stoiker seine erhabenen politischen Lehren von den Bänken der Senatsver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.