Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1881)
- Date
- 1881-04-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447865--17450-2473472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
396 Bayern 9000, in Westfalen 27,000, in der Rheinprovinz 20,000. Berlin. Nach dem Auftreten der Führer der Antisemiten hätte man erwarten müssen, daß die bekannte Antisemitenpetition, für welche die Herren Dr. Förster und Genossen schon fast seit Jahresfrist Propaganda machen, in feierlichem Aufzuge dem Reichskanzler persönlich übergeben werden würde. Statt dessen hat man sich begnügt, die Petition dem Reichskanzler nur zuzustcllen, wozu wohl das Fiasko Veranlassung gegeben haben dürfte. Noch vor Kurzem hat Herr Dr. Henrici in einer Versammlung unter Enthusiasmus erklärt, man habe über eine Million Unterschriften erhalten. Wenn man indessen noch in Erwägung zieht, auf welche Weise diese Unterschriften gesammelt worden sind, so können die Antisemiten-Agitatoren allerdings nicht mit großer Befriedigung auf das erreichte Resultat zurückblicken. Jetzt fragt sich nur noch, ob und auf welche Weise der Kanzler die Petition erledigen resp. beantworten wird. Es heißt, daß er die Petenten auf die Erklärung verweisen werde, die der Vicepräsident des Staatsministeriums, Graf Stolberg, im Abgeordnetenhause Namens der Regierung auf die Interpellation des Abg. Dr. Hänel abgegeben hat. Berlin. Das famose „Plebiszit" der Firma Stöcker, Förster u. Eo. gegen die Gleichberechtigung der Juden konnte wirklich gar nicht gründlicher ins Wasser fallen. Seit sechs Monaten wurden unter obligater Hetzmusik Unterschriften gesammelt. Förster ergötzte sich schon an der Aussicht auf eine Million und mehr, und jetzt mit Ach und Krach, trotz der für den germanischen Muth der Antisemiten bezeichnenden Versicherung, Niemand brauche sich vor der Unterzeichnung zu' fürchten, da die Namen geheim bleiben würden, — nur eine Viertel Million Unterschriften und auch diese nicht einmal controlirbar! Das ist die zweite Lektion für die Regisseure dieses Spektakelstücks; die erste ist ihnen von Seiten der städtischen Korporationen, auf deren Unterstützung zu rechnen sie sich erdreistet hatten, reichlich zuThei'l geworden. Am entschiedensten ist das Fiasko in Süddeutschland gewesen; wer wollte sich nicht verpflichten, für irgend einen beliebigen Unsinn in Baden und Schwaben 7000, in Bayern 9600 Unterschriften zusammenzubringen? Nicht einmal auf Berlin können die Herren stolz sein, und für ihre Freude an Schlesien und Westsalen mögen sie sich bei den Mtramontanen bedanken. Die „Germania" versichert zwar, dieselben hätten sich nicht betheiligt, aber die Betheiligung ist hier wohl nur als „officiell" zu verstehen, oder sollte wirklich das erzkatholische Münsterland und die ochsengräfliche Wasserpolakei gar keine Unterschriften und Handzeichen geliefert haben? Jetzt hat der Reichskanzler das Wort und er wird sich, da die Petition bestimmte Forderungen an ihn stellt, dessen nicht mit einer allgemeinen Redensart wie „unerwünscht", „inopportun" u. s. w. entledigen können. Es handelt sich nicht mehr um die Bewegung, sondern um deren Zielpunkte, die so konkreter Natur sind, daß darauf mit Ja oder Nein geantwortet werden muß. Das mag recht unerwünscht sein, aber eine klare Frage verlangt nun einmal die gleiche Antwort. (Fr. Ztg.) Schweiz. Zürich. Hofprediger Stöcker hielt am 7. April vor dichtgedrängtem Publikum seinen Vortrag. Wir lasen zwei Referate und kamen zum Schlüsse, daß -heutzutage wohl bemessen werden sollte, wer, wo und vor wem öffentlich auftreten und was man zum Gegenstand seines Vortrages machen will. Stöcker ist nun einmal der Mann nicht, der in der Schweiz Sympathien genießen und erwerben kann. Wer mit einer solchen Leidenschrft gegen seine Nebenmenschen aufgetreten ist, wie er, muß riskiren, daß der Spieß gegen ihn gewendet wird. Das ist ihm nicht nur in Bern, sondern auch in Zürich passirt. Man pfiff ihn aus. Wir verabscheuen Menschen, welche ihren Un- und Muthwillen gegen ihren Nebenmenschen auf diese Weise offenbaren; man soll den Gegner hören; allein wenn man den Stifter der chr. Religion als den edelsten Gründer des Socialismus darstellt und die Grundlage zum Communismus im Testament sucht und verkündet, und man anderseits weiß, daß die gepredigte Nächstenliebe sich im Judenhaß und in der Judenhatze gipfelt, so riskirt man eben Angriffe und Unannehmlichkeiten, wie sie dem Herrn Hofprediger in Zürich zu Thcil wurden. (Schaffhausener Jntelligenzblatt.) Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien, im April. Die israel. Enquete, die in Wien unter Vorsitz eines k. Ministerialbeamten vorige Woche getagt, hat alle Gemüther tief bewegt. ..Seit Jahren, und man hat in letzterer Zeit traurige Erfahrungen nach dieser Richtung genug, ist kein solches mytü, keine solche Schmähung gegen »np m gegen ny"rDff mm gehört woreen. Die Regierung beabsichtigt , dem Reichsrath eine Vorlage über jüdische Gemeindeangelegenheiten zu machen, und hat zu diesen! Behufe die Enquete, der sie den Entwurf vorgelegt, einberufen. Daß dieser Entwurf, erfüllt von einem Bestreben, die Omnipotenz in jüdisch-religiösen Angelegenheiten den Laien-Vorständen der Gemeinden zn verleihen, zeigt auf den geistigen Ursprung and die geistige Urheberschaft. Daß alle confessionellen Beziehungen ohne jede Eontrolle der Willkühr eines jeden Vorstandes einer jeden einzelnen Gemeinde überantwortet werden, und daß die Beschlüffe dieses