Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-04-13 · Heft 15-16 (13.4.1881) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 15-16 (13.4.1881)
Date
1881-04-13
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447864--17441-2473462
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

372 ölt seinen Aufenthalt überreichen. Am zweiten Tage finden Besuche in den österreichischen Anstalten in Jerusalem, darunter auch im Lämel'schen Knaben- Jnstitute statt, wo die Zöglinge die österreichische Volkshymne in hebräischer und arabischer Sprache singen werden. Nachmittags ist dann Diner im österreichischen General-Consulate. Anr dritten Tage wird der Kronprinz den Honoratioren und geistlichen Chefs der verschiedenen Confessionen in Jerusalem, ebenso auch den zwei Hauptsynagogen daselbst Besuche abstatten. Nachmittags soll dann ein Ausflug nach dem Jordan und nach Jericho unternommen werden. Feuilleton. Die Jugendfreunde. Von A. Königshofen. XIV. Das große Kloster M. in der Nähe von Orleans war zu einem großen Lazareth umgewandelt worden. In dem geräumigen Refectorium fanden die Schwerverwundeten, die massenweise nach einem Schlachttage eingeliefert wurden, Aufnahme, und eben stand man im Begriffe, einen jungen Landwehrofficier, der anscheinend sehr schwer verwundet war und einen wild aussehenden Mann in zerlumpter Kleidung in den Krankensaal zu schaffen. Der Officier war nicht im Schlachtgetümmel von der mörderischen Kugel getroffen worden, sondern — so berichtete einer der Träger — aus dem Hinterhalte her bei einer nächtlichen Streife über das Schlachtfeld. Bei den mörderischen Schlachten war es niemals möglich, alle Todten und Verwundeten zeitig fortzuscha'ffen, und dieser Umstand bot eine Handhabe für eines der scheußlichsten Verbrechen, das der Krieg in seinem Gefolge aufblühen sah. In einer Habgier, die die leiseste Regung menschlichen Gefühls erstickt hatte, fielen damals Individuen, die von Menschen nichts Anders als die äußere Gestalt hatten, über die Leichen her, um sie auszuplündern. Auch kam es vor, daß diese Scheusalen die Leichen unter rohen Scherzen verstümmelten. Das Schlimmste aber war, daß Verwundete, die unter den Todten lagen, von jenen „Hyänen des Schlachtfeldes" den letzten Stoß empfingen, um ausgeplündert und beraubt zu werden. Um diesem Treiben ein Ende zu machen, wurde angeordnet, daß nach einem Treffen die ganze Nacht hindurch das Schlachtfeld durch Streifpatrouillen abzusuchen sei, und bei einer solchen Streife war der junge Officier so schwer verwundet worden. Bei einem Leichenhaufen war eine Anzahl Kerle mit Plündern beschäftigt, als sie die Patrouille heran - nahen hörten. Sie flüchteten in ein Gebüsch, doch das gute Auge des Führers hat bei dem flackernden Fackellicht die verdächtige Bewegung bemerkt, und befohlen in das Gebüsch zu dringen. Es kam zu einem Handgemenge, bei welchem der grelle Schein der Fackel auf das Gesicht des Führers fiel, der Führer der Truppe mußte den Vagabunden kennen, in dem Moment des Erstaunens und der Ueberraschung, stieß er den Ausruf „Du??" hervor, in demselben Augenblicke streckte ihn aber eine Kugel zu Boden, und in der Verwirrung, die entstanden war, war der Vagabundenführer mit seiner Rotte entronnen, nur ein Schwerverwundeter war in die Hände der Truppe gefallen. Die beiden Verwundeten wurden an entgegengesetzten Enden des Saales untergebracht. Der Officier schien durch starken Blutverlust bewußtlos zu sein; man erkannte das Gefahrvolle seines Zustandes, doch mußte man sich, wenn überhaupt noch Hoffnung auf Rettung bleiben sollte, zur schleunigen Operation entschließen. Die Kugel wurde glücklich aus der linken Schläfe entfernt, aber jetzt trat ein heftiges Wundfieber ein, ein Umstand, der die größte Aufmerksamkeit und eine ununterbrochene Hilfeleistung erforderte. Mit dem Sanitätstrain war mittlerweile eine junge Pflegerin, deren Aeußeres und Benehmen eine vornehme Abkunft und Erziehung verrieth, angekommen. Sie hatte sich als tüchtig, hingebend und ausdauernd bewährt, hatte schon Proben ihrer Umsicht und Tüchtigkeit abgelegt, so daß man ibr gern den Wunsch gewährte, nach Orleans geschickt zu werden, wo jetzt tüchtige Pflegerinnen so nöthig waren. Es wurde der junge Officier ihrer Pflege anvertraut. Was war es, das sie, die schon so oft mit Herzhaftigkeit und unerschütterlichem Muthe an dem Bette Schwerleidender und Sterbender gestanden, erzittern machte, als sie an das Bett des jungen Verwundeten herantrat? Sie mußte sich einige Momente am Bettpfosten festhalten, denn Alles schien sich mit ihr im Wirbel zu drehen — doch sie faßte Muth, sie dachte an ihre Aufgabe, sie dachte daran, daß wenn sie hier die Ruhe bewahrte, ihr vielleicht die schönste Pflicht ihres Lebens zu erfüllen gegönnt sei — den Mann zu pflegen, dem zur Gesundheit zu verhelfen, den sie einst mit der ganzen Gluth eines 18jährigen Herzens geliebt hatte. Jetzt waren zwar schon sechs Jahre vergangen, daß sie ihn nicht gesehen, daß sie sich von ihm gewendet, weil er ihr mit einem ungerechten Mißtrauen entgegengetreten war — aber die Liebe war in ihrem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.